Fußball-WM

Spanien im wildesten WM-Rausch "In Deutschland rufen sie Hilfe"

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Breite Brust.

(Foto: IMAGO/Shutterstock)

Diese Tor-Fiesta verbreitet Schrecken. Deutschlands nächster Gegner ist in brillanter WM-Form. Und der Trainer kündigt an: Gegen die DFB-Verlierer wollen sie genauso spielen wie beim WM-Rekordsieg. Die Medien feiern das Team und sogar der König staunt über die furiose "Furia Roja".

Für die geschockten Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wurde der späte Mittwochnachmittag zu einem weiteren kleinen Horrortrip - am Smartphone. Mit beinahe jeder Aktualisierung des favorisierten Live-Tickers wurde die Verzweiflung größer und der Glaube kleiner, dass das DFB-Team bei dieser WM noch die K.o.-Runde erreichen kann. Mit 7:0 (3:0) spielte Spanien, der nächste Gruppengegner, das kleine Costa Rica her. Und war fortan völlig berauscht. "Ich weiß nicht, ob wir WM-Favorit sind, aber wir haben sicherlich gute Chancen. Wir haben große Lust, etwas Großes zu schaffen", sagte Doppel-Torschütze Ferrán Torres.

Weil Deutschland zuvor auf groteske Weise und nach einer Führung gegen Japan kollabiert war (1:2) muss am Sonntag (20 Uhr im Liveticker bei ntv.de) ein Sieg gegen die entfesselten Iberer her, um die Chancen auf das Achtelfinale mehr als theoretisch am Leben zu erhalten. Selbst bei einem Sieg liegen die Dinge des Weiterkommens nicht mehr in der eigenen Hand (wie Sie hier noch einmal nachlesen können).

Jüngster WM-Torschütze seit Pele

Brutal und gnadenlos war Spanien zu seinem Rekordsieg gerauscht, ließ vor dem Duell mit Deutschland gewaltig die Muskeln spielen - nach Abpfiff konzentrierte sich dann alles auf den Jüngsten: Gavi wurde von Trainer Luis Enrique gedrückt, die Teamkollegen streichelten dem 18-Jährigen über den Kopf. Der Teenager hatte sensationell aufgespielt - und als jüngster WM-Spieler seit Pele 1958 ein Tor erzielt. "Sie haben es mir nach dem Spiel gesagt, ich wusste das gar nicht", gab das Supertalent des FC Barcelona zu, das als bester Spieler des Spiels ausgezeichnet wurde, "ich bin sehr stolz darauf." Und in der Tat unterstrich Spanien mit dem höchsten WM-Sieg seiner Geschichte die Ansprüche auf den zweiten Titel nach 2010.

Leipzigs Dani Olmo (11.) hatte das muntere Tor-Festival eröffnet, Marco Asensio (21.), Ferran Torres (31., Foulelfmeter/54.) per Doppelpack, Gavi (74.), Carlos Soler (90.) und Alvaro Morata (90.+2) trugen ebenfalls zum Sieg bei. Das junge Team von Trainer Luis Enrique spielte variabel und schnörkellos nach vorn - und nebenbei gewann Spanien erstmals seit 2006 sein Auftaktspiel bei einer WM. Trotz ihres jungen Alters sind Gavi (18), Pedri (19) und Torres (22) bereits Stützen der Mannschaft, das war früh zu erkennen. Spanien kombinierte rasant, verbreitete eine mitreißende Spielfreude.

"Spanische Sinfonie"

Die Stimmung in Deutschland ist nah an der Depression, in Spanien dagegen mindestens rosarot. Die gewohnt meinungsforschen Medien im Land singen nach dem furiosen Auftritt der "Furia Roja" die schönsten Hymnen. "Historische Vorstellung" titelte die "Marca" etwa. "Spanische Sinfonie", lautete der Kommentar bei "Mundo Deportivo". Die Sportzeitung hatte schon nach dem Schlusspfiff getwittert: "In Deutschland rufen sie Hilfe."

Nun, ganz so weit ist es noch nicht. Noch herrscht der Glaube vor, den Bock gegen Spanien umzustoßen. "Wir werden uns aufrappeln. Wir haben die Qualität, das Vertrauen und die Spielweise, um auch Spanien zu schlagen", sagt etwa Thomas Müller. Und "Kicker"-Kolumnist Jürgen Kohler findet: "Vielleicht kommt uns die Spielstärke und Spielfreude der Spanier sogar ein bisschen entgegen." Ja, vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Der König ist aus dem Häuschen

In Spanien beschäftigen sie sich nicht mit der zwischen depressiv und verzweifelt optimistisch changierenden Stimmung beim nächsten Gegner. Die Stimmung ist königlich, was wohl auch am Kabinenbesuch von Felipe VI liegen dürfte. "Noch nie habe ich so ein Spiel erlebt, mit so einem Ergebnis. Das Ergebnis ist wichtig, aber die Selección so spielen zu sehen, war ein wahrer Genuss", sagte der Royalist Medien zufolge. Aber ausruhen auf der Gala, das gilt auch in Spanien nicht. "Wir werden morgen die Ersten beim Training sein, um das Spiel gegen Deutschland vorzubereiten", kündigte Trainer Luis Enrique für sich und seinen Betreuerstab am Mittwochabend an und wurde ganz philosophisch: "Lob schwächt, das wissen wir. Aber werden nicht darauf hereinfallen."

Mit einem 7:0, dem höchsten WM-Sieg der eigenen Fußball-Historie, einem ganz starken Turnierstart, vielen Lobeshymnen und dem Mut der Mächtigen geht der Weltmeister von 2010 in das Gigantenduell. "Wir werden genauso versuchen, gegen Deutschland zu spielen. Wenn sie uns schlagen, dann müssen wir sagen, dass sie besser waren als wir", sagte Enrique. Die Bilanz spricht klar für seine Mannschaft. Die Iberer sind die einzige große Fußball-Nation, gegen die die DFB-Auwahl in diesem Jahrtausend kein Pflichtspiel gewinnen konnte. Der letzte Sieg liegt mehr als 34 Jahre zurück. Bei der Heim-Europameisterschaft 1988 traf Rudi Völler beim 2:0 im Münchner Olympiastadion in der Gruppenphase doppelt.

In Deutschland sind nun alle Augen auf Hansi Flick gerichtet. Der Bundestrainer muss beweisen, dass er ein starker und erfolgreicher Krisenmanager sein kann. Wie er das Team wieder in die Spur bringen will, das will er am schon am Vormittag erklären: Flick stellt sich außerplanmäßig in einer Videoschalte den Medien. Eigentlich sollte am Tag nach dem Spiel einer seiner Assistenten sprechen.

Quelle: ntv.de, tno

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