55 Jahre Bundesliga

Redelings über die Saison 11/12 "Ich gehe lieber mit meiner Freundin ins Bett"

IMG_ALT
imago08857632h.jpg

Euphorisiert: Klaas-Jan Huntelaar gewinnt die Torjägerkanone. Will aber lieber seine Freundin als die Trophäe mit ins Bett nehmen.

(Foto: imago sportfotodienst)

Otto Rehhagel wird als Retter zur Hertha nach Berlin geholt - und scheitert. Noch viel schlimmer: Nach dem Relegationsspiel in Düsseldorf fühlt er sich an Krieg erinnert. In Dortmund entscheidet der Fehlschuss eines Holländers die Meisterschaft.

Es ist die Saison von Borussia Dortmund. Mit 81 Zählern stellt der BVB am Ende der Spielzeit einen neuen Punkterekord auf. Nie zuvor hat ein Team zudem in einer Halbserie mehr Zähler (47) geholt als die Borussia in der Rückrunde. Nur der FC Bayern München schaffte in der Spielzeit 1972/73 ebenso viele Saisonsiege (25) wie der BVB. In 28 Partien hintereinander bleiben die Dortmunder ungeschlagen und verzeichnen zu guter Letzt bei den Zuschauerzahlen auch noch einen neuen Bundesligarekord. Im Schnitt sehen 80.522 Anhänger die Partien des BVB im heimischen Stadion.

ANZEIGE
55 Jahre Bundesliga - das Jubiläumsalbum: Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten
EUR 19,90
*Datenschutz

Knackpunkt der Saison im Kampf um den Titel ist der 1:0-Erfolg der Borussia gegen den FC Bayern am 30. Spieltag. Als der Niederländer Arjen Robben in der 86. Minute mit seinem Elfmeter an BVB-Keeper Roman Weidenfeller scheitert, bedeutet dies den gefühlten Titelgewinn. Franz Beckenbauer ist nach der Partie sauer: "Bei mir als Trainer hätte Robben nicht geschossen. Es ist Gesetz im Fußball, dass der Gefoulte nicht schießt, aber vielleicht ist das Gesetz geändert worden oder noch nicht bis nach Holland durchgedrungen." Das atemberaubendste Spiel der Saison ist die Partie zwischen Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart. 4:4 endet die Begegnung, die in den letzten zwanzig Minuten ein ständiges Auf und Ab der Gefühle ist. Dortmunds Trainer Jürgen Klopp meint hinterher noch sichtlich gezeichnet: "Jetzt wissen wieder alle, warum sie so viel blechen sollen."

In Hamburg kann der neue Sportdirektor Frank Arnesen seinen Trainer Michael Oenning aufgrund anhaltender Erfolgslosigkeit irgendwann nicht mehr halten. Spätestens als ein Sportmagazin enthüllt, dass der HSV-Coach seine Mannschaft vor dem Spiel gegen den FC Bayern München vor deren gefährlichem Stürmer Miroslav Klose gewarnt habe, ist die Zeit für Oenning in Hamburg abgelaufen. Klose geht zu diesem Zeitpunkt bereits seit Wochen einige Kilometer weiter südlich in Italien für Lazio Rom auf Torejagd. Oenning wird ersetzt durch den ehemaligen Bundesligaprofi Thorsten Fink.

Rangnick gibt bei Schalke auf

imago10063246h.jpg

Die Saison der Hertha bietet keinen Anlass zur Entspannung.

(Foto: imago sportfotodienst)

Und auch auf Schalke geht ein Trainer. Diesmal allerdings freiwillig. Ralf Rangnick gibt völlig überraschend wegen einer Burn-out-Erkrankung auf. Weil zur gleichen Zeit auch die Hamburger auf Trainersuche sind, macht man sich in den königsblauen Fankreisen Sorgen, ob denn nun überhaupt ein guter Fußballlehrer für sie übrig bleibt: "Der Zeitpunkt kommt unglücklich, denn der HSV sucht ja im gleichen Haifischbecken. Das macht es nicht einfacher, denn zum einen gibt es da eine Stadt mit internationalem Flair, weltmännischem Ambiente und dem Duft der großen weiten Welt - und auf der anderen Seite gibt es Hamburg."

Für Otto Rehhagel schließt sich Ende Februar der Kreis. In Berlin begann seine Bundesligakarriere, und nun kommt er mit 73 Jahren als Trainer zur Hertha zurück. Doch auch einem alten Hasen wie ihm wird nichts geschenkt. Bei seinem ersten Spiel auf der Bank unterliegt sein neuer Klub mit 0:3 in Augsburg. Rehhagel wird anschließend gefragt, wie ernüchtert er sei: "Ich bin immer nüchtern, weil ich ja Anti-Alkoholiker bin." Am Ende scheitert die Hertha in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf. Beim Rückspiel in der NRW-Landeshauptstadt rennen bereits vor dem Abpfiff erste Fans auf den Rasen. Da die Partie erst nach einer längeren Unterbrechung fortgesetzt werden kann, drängen die Berliner in zwei DFB-Verhandlungen auf ein Wiederholungsspiel. Besonders die Vernehmung Rehhagels vor dem Untersuchungsausschuss wird zu einem Spektakel. Der Hertha-Trainer über die Ereignisse auf dem Düsseldorfer Rasen: "Für mich war das alles irregulär, das war ein Ausnahmezustand, wie ich ihn in 40 Jahren als Bundesligatrainer nicht erlebt habe. Ich hatte Halb-Angst. Ich habe 1943 bei der Bombardierung der Amerikaner in Essen im Keller gesessen, da hatte ich Angst. Ich bin ein erfahrener Mensch, habe die Meute kommen sehen. Da habe ich gedacht: 'Otto, du brauchst einen Ausweg!' So etwas habe ich noch nie erlebt! Und das in Düsseldorf, Klein-Paris. Ich dachte, da lustwandeln die Leute nur."

Torschützenkönig wird der Schalker Klaas-Jan Huntelaar. Auf die Frage, ob der Niederländer denn seine Torjäger-Kanone voller Stolz mit ins Bett nehmen würde, antwortet der S04-Stürmer: "Ich gehe lieber mit meiner Freundin ins Bett." Das Schlusswort der Saison aber kommt von Nürnbergs Trainer Dieter Hecking. Mit Vorfreude schließt er die zurückliegende Spielzeit ab und freut sich bereits - wie jedes Jahr - auf die Zeit nach der Sommerpause: "Die neue Saison geht los: Wir sind punktgleich mit Dortmund. Schönen Urlaub!"

Alle Artikel unserer wöchentlichen Serie "55 Jahre Bundesliga“ finden Sie hier. Das neue Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "55 Jahre Bundesliga - das Jubiläumsalbum" bei Amazon bestellen. Redelings ist mit seinen Bühnen-Programmen republikweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema