Fußball

Skandal um den FC Schalke 04 Als die Bundesliga hätte sterben können

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Ganz so unschuldig waren die Schalker wohl nicht, wie es hier (von links) Herbert Lütkebohmert, Klaus Fichtel, Jürgen Sobieray, Rolf Rüssmann und Klaus Fischer präsentieren.

(Foto: imago/WEREK)

Die Vorhersagen waren düster: "Der Patient heißt Bundesliga. Wenn seine Krankheit nicht mit glühenden Eisen ausgebrannt wird, wird das Ende bitter sein." Als am 28. April 1973 die Partie zwischen dem FC Schalke 04 und dem 1. FC Köln abgesagt wurde, schien plötzlich alles möglich.

Es war ein absolutes Novum in der zehnjährigen Geschichte der Fußball-Bundesliga. Nur 20 Stunden vor dem Beginn der Partie zwischen dem FC Schalke 04 und dem 1. FC Köln am 28. April 1973 setzte der DFB die Begegnung ab. In der Frankfurter Zentrale des Fußball-Bundes war man sauer, weil die gesperrten Schalker Spieler Klaus Fischer und Jürgen Sobieray zwei Tage zuvor beim Oberlandesgericht Frankfurt über ihre Anwälte die Aufhebung eines Urteils des Landgerichtes erwirkt hatten. Die Begründung des OLGs: Die Sperren des DFB gegen die beiden Profis dürften erst nach "Ausschöpfung des vollständigen Rechtsweges" wirksam werden. Doch worum ging es eigentlich genau?

Auch zwei Jahre nach dem großen Bundesligaskandal, bei dem es unter anderem um die verschobene Partie des 28. Spieltags vom 17. April 1971 zwischen dem FC Schalke 04 und Arminia Bielefeld ging, die mit einer 0:1-Niederlage des S04 endete, für die die Königsblauen eine Prämie von insgesamt 40.000 Mark kassierten, war die ganze Geschichte bei weitem noch nicht vorbei. Und das lag insbesondere daran, dass die Mehrheit der Schalker Spieler immer noch nicht gestanden - der DFB jedoch bereits Strafen ausgesprochen hatte. Zwar waren die betroffenen Profis im bisherigen Saisonverlauf noch in keiner Bundesligabegegnung auf den Platz gelaufen, doch nun verschärfte sich die Lage urplötzlich dramatisch.

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Und das lag auch daran, dass der S04 zu diesem Zeitpunkt tief im Abstiegskampf steckte. Der "Kicker" befürchtete damals, dass es durch das "Skandal-Roulette" zu "schlimmsten Verzerrungen" kommen könnte und forderte deshalb, dass alle Sperren - nicht nur der Schalker Sünder - sofort ausgesetzt werden sollten. Andernfalls sah das Fachmagazin schwarz: "Denn sonst ist die Bundesliga schneller kaputt, als es die Vereine auch nur ahnen."

Plötzlich geht's um die ganze Bundesliga

Der DFB hatte sich mit der Verlegung der Partie bereits juristisch aufs Glatteis begeben, denn auch das Arbeitsgericht Gelsenkirchen hatte den beiden Spielern durch eine einstweilige Verfügung den Weg aufs Feld frei gemacht. Fischer und Sobieray waren also am fraglichen Spieltag wieder im Besitz der Profi-Lizenz. Weitere juristische Auseinandersetzungen schienen vorprogrammiert. Der Anwalt von Fischer und Sobieray prüfte nach der Absage bereits die Stellung eines Strafantrags gegen den Fußball-Bund und wollte den "DFB erstmals richtig zur Kasse beten". Nicht nur der weitere Verlauf der Saison schien nun fraglich - die Existenz der ganzen Bundesliga stand plötzlich auf dem Spiel.

Auch der renommierte Sportjournalist Richard Kirn fragte sich in seiner populären Kolumne, wie es nun weitergehen könne und malte dabei eine äußerst deprimierende Prognose auf den grünen Rasen: "Wir unterhielten uns über die langsam und quälend dahinschleichende Affäre. Herr Beschwichtiger und ich. ›Das sind doch‹, sagte mein Gesprächspartner, ›nichts als Kinderkrankheiten.‹ Und ich: ›Auch an Kinderkrankheiten kann man sterben!‹ Der Patient heißt Bundesliga. Wenn seine Krankheit nicht mit glühenden Eisen ausgebrannt wird, wird das Ende bitter sein."

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Karl-Heinz Hütsch und Günter Siebert.

(Foto: imago sportfotodienst)

Eine Woche später zogen Klaus Fischer und Jürgen Sobieray erst am Spieltag selbst zurück. Drei Stunden vor Anpfiff meldete der Anwalt und spätere S04-Präsident Karl-Heinz Hütsch dem Vorsitzenden Günter Siebert, dass seine Mandanten auf die Begegnung verzichten würden. Damit retteten sie ihren eigenen Verein aus der Bredouille, denn andernfalls hätte den Schalkern ein Bußgeld des Arbeitsgerichts gedroht. Die Sache wurde langsam aber sicher für alle Beteiligten immer unübersichtlicher und dadurch komplizierter. Und deshalb richtete kurz darauf S04-Präsident Siebert noch einmal einen letzten Appell an seine Spieler: "Ich weiß nicht, ob sie manipuliert haben. Dann sollten sie jetzt zum Staatsanwalt gehen. Dann kämen sie immer noch mit einer Geldstrafe davon, weil sie ja niemandem geschadet haben."

Klaus Fischers größter Fehler

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Doch erst weitere zwei Jahre später gestehen Fischer und Sobieray - nach so vielen Jahren des Leugnens - endlich. Seit diesem Tag trägt der FC Schalke 04 unter Fußballfans den Beinamen "FC Meineid". Wie sehr die langen Jahre der Prozesse den Verein, der Anfang der 1970er auf einem so guten Weg war, prägten, zeigt eine Aussage des damaligen Trainers Max Merkel in der Spielzeit 1975/76: "Hoffentlich haben S' eine Wiese vor dem Gericht, dann trainieren wir in den Verhandlungspausen."

Rund um den Schalker Markt war man noch lange sauer. Auf die Spieler, den DFB und den eigenen Präsidenten. Denn ausgerechnet der Verteidiger der beiden Königsblauen im Prozess, Karl-Heinz Hütsch, stand dem Verein zwischen dem 11.11.1976 und dem 09.03.1978 vor. Eines Abends meinte deshalb ein Kneipengast im Vereinslokal des S04: "Er hätte nicht zulassen dürfen, dass die Spieler die Finger hochheben. Das waren doch nicht die üblichen 15 Zuhälter, die dichthalten bis zum Gehtnichtmehr. Das musste der Mann doch sehen!"

Die vom DFB abgesetzte Partie des 28. April wurde schließlich am 22. Mai ausgetragen. Sie endete 2:2. Der FC Schalke 04 rettete sich erst durch zwei Siege an den letzten beiden Spieltagen vor dem Abstieg. Der Nationalstürmer Klaus Fischer verpasste durch die Sperren des DFB die Weltmeisterschaft 1974 im eigenen Land. Das Annehmen des Geldes im Jahr 1971 bezeichnet er bis heute als den "größten Fehler meines Lebens".

Quelle: ntv.de