Fußball

Das Phänomen Erling Haaland BVB berauscht sich zum Titelkandidaten

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Erling Haaland begeistert seine Kollegen.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Dortmunds norwegisches Wunderkind sorgt mit fünf Toren in seinen ersten beiden Spielen für einen neuen Rekord in der fast 60-jährigen Bundesliga-Geschichte. Aber auch sonst gibt der Auftritt beim deutlichen 5:1 gegen den 1. FC Köln jede Menge Anlass, an eine Aufholjagd in der Rückrunde zu glauben.

Die Frage des norwegischen Journalisten im Vorfeld des Dortmunder Heimspiels gegen den 1. FC Köln klang fast schon flehentlich. Ob er das skandinavische Wunderkind Erling Haaland denn dieses Mal von Beginn an bringen werde, wollte der gute Mann von BVB-Trainer Lucien Favre wissen. Der Schweizer lächelte weise und beschied dem Berichterstatter: "Machen Sie sich keine Sorgen, am Ende wird er da sein."

Favre sollte Recht behalten. Und wie. Irgendwie ist das verrückt, doch beim überaus deutlichen 5:1 (2:0) vor 81.365 Besuchern im ausverkauften Dortmunder Stadion dominierte am Ende ein Spieler die Szene, der mehr als eine Stunde auf der Bank gesessen hatte. Im Revier dreht sich derzeit wirklich alles um diesen mitreißenden Youngster aus dem Norden Europas. Doch nicht nur der Westen, ganz Fußball-Deutschland staunt kollektiv über einen 19-Jährigen, der so fulminant eingeschlagen hat, dass es kaum zu glauben ist. Bei seinen beiden Auftritten hat Haaland für die Borussia bislang knapp eine Stunde auf dem Spielfeld gestanden und dabei alles übertroffen, was es in der fast 60-jährigen Geschichte der Bundesliga jemals gegeben hat: drei Treffer nach seiner Einwechselung in Augsburg, nun zwei weitere bei der nicht einmal halbstündigen Kurzschicht gegen Köln.

"Es gibt schlimmere Einstände"

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Auch wenn er nicht so wirkt: Marco Reus hatte einen tollen Freitagabend.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Fünf Tore bei den ersten beiden Spielen, das bedeutet einen neuen Rekord, fünf Tore in 60 Minuten ebenfalls. Witzbolde wollen bereits Wetten platzieren, an welchem Spieltag Haaland am Polen Robert Lewandowski vorbeizieht, der in der Liga seit Jahren das Nonplusultra ist. So weit wird es nicht kommen, und doch erscheint das Wirken des Newcomers einfach nur atemberaubend. BVB-Kapitän Marco Reus formulierte es so: "Zwei Spiele, fünf Tore - es gibt schlimmere Einstände."

Wie wahr. 20 Millionen Euro betrug die im Vertrag festgeschriebene Ablösesumme, mit der die Dortmunder das Juwel aus seinem Vertrag in Salzburg rauskaufen konnten. Eine lohnende Investition, in einigen Jahren dürfte der BVB ein Vielfaches dieser Summe erzielen, wenn der europäische Geldadel für Haaland Höchstpreise bietet. Sportdirektor Michael Zorc rühmt am Shootingstar den "wahnsinnigen Ehrgeiz. Er will auch im Training jedes Tor machen und ärgert sich über jede Flanke, die nicht kommt. Wir haben ihn auch wegen dieser Mentalität verpflichtet." Der neue Kollege arbeite "unheimlich hart, und dabei ist er auch noch total relaxed", hat Reus beobachtet.

Lobeshymnen auf den "klugen Jungen"

Lobeshymnen, wo immer man hinhört, und in die selbst der so zurückhaltende Trainer einstimmt. Dieser Junge sei "nicht zu bremsen", betonte Favre mit leuchtenden Augen, als er nach Haaland befragt wurde: "Für einen Trainer ist es fantastisch, so einen Spieler zur Verfügung zu haben." Torhüter Roman Bürki ergänzte: "Das wichtigste ist: Er ist ein kluger Junge." Wobei der Schweizer dann doch noch das Haar in der Suppe entdeckte: "Schade, dass er schon nachlässt. Ich hoffe, dass es beim nächsten Spiel nicht nur noch ein Tor ist."

Das war natürlich ein Scherz. Ganz Dortmund wird dem neuen Superstar auch dann noch zu Füßen liegen, wenn er mal nicht treffen sollte. Es kursieren schon Fotos vom blonden Recken, die Haaland mit Heiligenschein zeigen.

Bei all den Elogen über den jungen Norweger sollte jedoch nicht vergessen werden, dass der BVB beim Spiel gegen Köln bereits zu dem Zeitpunkt eine mitreißende Vorstellung geboten hatte, als der nordische Überflieger noch gar nicht auf dem Rasen stand.

Damit die Borussia beim Kampf um die Meisterschaft tatsächlich noch ein gewichtiges Wörtchen mitsprechen könne, sei eine größere Zielstrebigkeit als in der durchwachsenen Vorrunde die unbedingte Voraussetzung, betont Reus: "Mehr pressen, mehr nach vorne spielen, dem Gegner direkt zeigen, dass es nichts zu holen gibt", fordert der "Fußballer des Jahres". In dieser Hinsicht seien die 90 Minuten gegen den 1. FC Köln "ein guter Schritt nach vorne. Wir brauchen Kontinuität, und daran arbeiten wir jeden Tag."

"Ein paar Dinge habe ich noch gesehen"

BVB - Köln 5:1 (2:0)

Tore: 1:0 Guerreiro (1.), 2:0 Reus (29., nach Videobeweis), 3:0 Sancho (48.), 3:1 Uth (64.), 4:1 Haaland (77.), 5:1 Haaland (87.)
Borussia Dortmund: Bürki - Piszczek, Hummels, Akanji - Hakimi, Brandt, Witsel, Guerreiro - Hazard (65. Haaland), Reus (80. Dahoud), Sancho (88. Reyna). - Trainer: Favre
1. FC Köln: Timo Horn - Ehizibue (74. Modeste), Bornauw, Czichos, Katterbach - Skhiri, Hector - Thielmann (46. Kainz), Uth (80. Rexhbecaj), Jakobs - Cordoba. - Trainer: Gisdol
Schiedsrichter: Harm Osmers (Hannover)
Zuschauer: 81.365 (ausverkauft)

Kölns Trainer Markus Gisdol hatte angesichts der üppigen offensiven Möglichkeiten der Dortmunder Offensivabteilung die Möglichkeit in Betracht gezogen, den Mannschaftsbus vor dem Tor des Gegners zu parken. Das war nun wirklich kein stimmiges Bild, denn so, wie seine Akteure ihren Gegenspielern hinterherhechelten, wirkte das einseitige Kräftemessen über weite Strecken so, als würden Trabbis versuchen, mit Formel-1-Boliden mitzuhalten.

Die Rheinländer warten seit 1991 auf einen Sieg in Dortmund, so weit wie an diesem Abend waren sie selten davon entfernt, die überaus schwarze Serie zu beenden. Dabei war der FC mit breiter Brust ins Revier gereist, vier Siege in Folge hatten die Hoffnung genährt, auch im fünften Anlauf Zählbares mitzunehmen. Der Ist-Zustand sah anders aus, wie Gisdol einräumte: "Die Abstände waren viel zu groß, wir haben Lehrgeld bezahlt."

Dagegen wähnen sich die Dortmunder bei ihrer Aufholjagd im Titelrennen nicht nur deshalb auf dem richtigen Weg, weil sie jetzt den unglaublichen Erling Haaland in ihren Reihen haben. Favre sah auch bei der in Augsburg noch so löchrigen Defensive klare Aufwärtstendenzen: "Wir haben vor allem in der ersten Halbzeit kaum Torchancen zugelassen", sagte der als Skeptiker bekannte Fußball-Lehrer, um dann erstaunliche Einblicke in seine Gefühlswelt zu gewähren: "Ich bin immer glücklich und positiv." So absolut wollte der 62-Jährige diese Aussage dann allerdings doch nicht stehen lassen: "Ein paar Dinge habe ich doch noch gesehen."

Quelle: ntv.de