Fußball

"Das wird sehr, sehr geil" BVB beweist Wille vor Bayern-Spektakel

Der BVB vermisst seinen Kapitän Marco Reus, der die Partie im Kreißsaal verbringt, spielt schwach - und gewinnt trotzdem. Zwei späte Tore von Alcácer bringen den Sieg gegen Labbadias Wolfsburger. Nun fiebert Favres Elf als Tabellenführer dem Gipfeltreffen in München entgegen.

Die Fußball-Partie begann mit einem Gänsehautmoment und endete mit zwei Paukenschlägen. Dazwischen viel Leerlauf. Doch der Reihe nach: Der Ball rollte noch gar nicht, da hatte es sich für mehr als 80.000 Besucher im größten Stadion der Republik bereits gelohnt, sich am 27. Spieltag auf den Weg gemacht zu haben.

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Die Choreo der BVB-Fans war beeindruckend.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Eine riesige Vater-Sohn-Choreographie überspannte die Gelbe Wand, auf einem überdimensionalen Plakat vor der weltweit größten Stehplatztribüne waren ein Mann und ein kleiner Junge abgebildet. Beide tragen Dortmund-Schals, das Kind zudem ein schwarz-gelbes Trikot. Zu lesen war ein Schriftzug mit einem Textauszug aus der BVB-Hymne "Borussia": "Als Kind bin ich mit meinem Vater gekommen und der wurde auch schon von seinem mitgenommen."

Das passte wunderbar zu einem Nachmittag, an dem Borussia Dortmunds Kapitän Marco Reus vom Fußballspielen befreit worden war, um seine Lebensgefährtin Scarlett Gartmann in den Kreißsaal zu begleiten. Das Paar erwartet eine Tochter, "gerade beim ersten Kind gibt es Sachen, die noch wichtiger sind als Fußball", gab BVB-Sportdirektor Michael Zorc zu Protokoll.

Dortmunder ohne Rhythmus

Der BVB hätte seine stärkste Offensivkraft gut gebrauchen können, denn er bekam wenig auf die Reihe. Der Gegner aus Wolfsburg hatte sich in seinem massiven Defensivverbund eingerichtet, die Dortmunder bearbeiteten ihren Gegner recht halbherzig und hinterließen zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass sie den so wichtigen Sieg mit jeder Faser ihres Körpers erzwingen wollten.

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Der BVB-Star des Abends: Paco Alcácer schoss die Dortmunder Borussia mit einem späten Doppelpack zum Sieg.

(Foto: imago images / Team 2)

"Wir sind nicht in den Rhythmus gekommen", bilanzierte Sportdirektor Michael Zorc: "Es war ein zähes Spiel mit zu wenig Tempo." Eine klassische Nullnummer eigentlich, doch dann kam alles anders. Die Partie endete mit zwei krachenden Ausrufezeichen in der 91. und 94. Minute: Es waren jene Momente, als der spanische Torjäger Paco Alcácer mit einem Freistoß und einem Kontertor einen Sieg herausschoss, der durchaus glücklich war.

Den Spielern und den Fans war das völlig egal, nach dem 2:0 (0:0) explodierte das Stadion. "Deutscher Meister wird nur der BVB" erklang es in ohrenbetäubender Lautstärke, und natürlich der Evergreen von den Bayern und ihrem ledernen Beinkleid, das man ihnen tunlichst ausziehen soll. Der deutsche Clásico am kommenden Samstag kann kommen, die Dortmunder haben sich den Platz ganz oben zurückerobert und dürften moralisch gestärkt nach München reisen.

BVB reist mit Personalsorgen nach Bayern

Wobei zur Erkenntnis dieses Willensaktes auch ein paar Sorgen kommen. Der BVB bangt nämlich um zwei Stützen: Die Defensivspieler Abdou Diallo und Achraf Hakimi sind fraglich für München. "Diallo hat ein Problem mit der Wade. Für ihn wird es sehr schwer, auch wenn wir noch keine offizielle Diagnose haben", sagte Favre, der ein wenig skeptisch wirkte: "Zu Hakimi kann ich noch nichts sagen. Aber er muss ein MRT am Fuß machen."

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Für Diallo war das Spiel nach 49 Minuten vorbei.

(Foto: imago images / Kirchner-Media)

Der als Linksverteidiger eingesetzte Diallo war in der 49. Minuten gegen Hakimi ausgewechselt worden, der seinerseits in der 74. Minute vom Feld musste. Wieder dabei in München wird Marco Reus sein, der schmerzlich vermisst wurde, nach der Geburt seiner Tochter aber pünktlich zum Spiel der Spiele zurückkehren sollte.

Trotz der beiden Ausfälle überwog letztlich das Positive dieses Frühlingstages. Nach dem Heimsieg gegen Stuttgart sowie dem 3:2 in Berlin waren es zum dritten Mal hintereinander späte Treffer, die den Unterschied ausmachten. Der erneut starke Spielmacher Mario Götze stufte den Nachmittag zurecht als "ein bisschen glücklich" ein, betonte aber, "dass da auch Qualität ist". Das ist sicherlich richtig, mit neun Treffern in der 90. Minute oder später sind die Dortmunder mit weitem Abstand Spitze in der Kategorie späte Erfolgserlebnisse. "Wir haben den Glauben, immer noch ein Tor machen zu können", sagt auch Zorc, der allerdings zu bedenken gibt, dass so viel Fortune keine Selbstverständlichkeit bleiben muss: "Wir sollten uns nicht zu sehr darauf verlassen."

Labbadia: "Extrem bittere Niederlage"

Dass sie den Gipfel in München aus einer solch komfortablen Position in Angriff nehmen können, ist tatsächlich keine Selbstverständlichkeit. Bis auf die fulminante Schlusssequenz wirkten die Dortmunder nicht wie ein eingeschworener Haufen, der sich dem Ziel deutsche Meisterschaft mit Haut und Haaren verschrieben hat. Völlig zurecht sprach Wolfsburgs Trainer Bruno Labbadia zerknirscht von einer "extrem bitteren Niederlage. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Dortmund gegen uns irgendwelche Mittel findet". Da gab ihm Manuel Akanji Recht, der konstatierte, "ein Unentschieden wäre auch in Ordnung gewesen".

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VfL Wolfsburg Trainer Labbadia hätte auch ein Unentschieden gerechtfertigt gefunden.

(Foto: imago images / Team 2)

Dass die Fans auf der Südtribüne bis zum Schluss an den Sieg glaubten, muss einer bewundernswerten Portion Zweckoptimismus geschuldet sein. Sie - aber auch die Besucher auf den übrigen Tribünenseiten - verdienten sich eine Tapferkeitsmedaille in schwarz-gelb, da sie das leblose Treiben stets ohne Murren unterstützten.

Lucien Favre und seine Mitstreiter werden das wenig dominante Auftreten sehr genau registriert haben, auch wenn alle im Dortmunder Lager die vielen Unpässlichkeiten während der normalen Spielzeit galant zur Seite schieben wollten. Der Trainer aus der Schweiz hat bei seiner Belegschaft auf der Zielgeraden der Saison ein Kopfproblem diagnostiziert. "Wir waren ein wenig blockiert", gab der 61-Jährige zu Protokoll, der immerhin erfreut zur Kenntnis nehmen durfte, dass seine Mannschaft mal wieder zu null gespielt hatte: "Das haben wir gut gemacht, auch wenn es kein Topspiel war."

So viel dann doch an positiven Erkenntnissen vor dem ewig jungen Duell, in dem die Dortmunder nun die Chance haben, im Titelrennen bis auf fünf Punkte davonzuziehen. "Dass wir da als Erster hinfahren, sollte uns das nötige Selbstvertrauen geben." Und der ehemalige Bayern-Akteur Götze ergänzte: "Wir haben jetzt noch sieben wichtige Spiele, das wichtigste ist am nächsten Samstag. Das wird sehr, sehr geil."

Quelle: n-tv.de