Fußball

Großkreutz sorgt für Folklore BVB erledigt Pokal-Auftrag ohne Glanz

imago41590712h.jpg

Jubel ja, Jubelorgie nein: Der BVB erledigt einfach seinen Job.

(Foto: imago images / Horstmüller)

Der Ur-Dortmunder Kevin Großkreutz und Fußball-Drittligist Uerdingen feiern gegen den BVB trotz des Ausscheidens ein Pokalfest. Beim Revierklub sehen sie das zähe Spiel pragmatisch, wie Sportdirektor Michael Zorc betont: "Hinfahren, Aufgabe erfüllen, nach Hause fahren."

Eine gute halbe Stunde nach Spielschluss eröffnete André Schahidi im Medienraum der Düsseldorfer Arena die übliche Fragerunde für die Journalisten. Dem Pressesprecher des KFC Uerdingen 05 war zum Scherzen zumute, er betonte in seiner Anmoderation, sein Arbeitgeber habe beim Pokalspiel gegen Borussia Dortmund "genau wie die Bayern letzte Woche beim Supercup abgeschnitten". Was der Öffentlichkeitsarbeiter damit sagen wollte, lag auf der Hand: Seht her, wir haben uns gegen den selbsternannten Meisterschaftsanwärter so gut aus der Affäre gezogen wie der Branchenführer aus dem Süden. Lediglich mit 0:2 verloren und dabei eine Halbzeit lang ein torloses Remis gehalten, das war für einen Klub, der zwei Etagen unter dem BVB kickt, tatsächlich aller Ehren wert.

Uerdingens Trainer Heiko Vogel betonte mehrmals, er sei "tierisch stolz auf meine Jungs", beim Verein aus der Krefelder Vorstadt konnten sie mit dem Aus in der ersten Runde bestens leben. Das galt natürlich in erster Linie für den Protagonisten des Abends. Für die folkloristische Note war in unmittelbarer Nähe des Rheins Kevin Großkreutz zuständig. Der Mann, der im Kader der deutschen Mannschaft stand, die 2014 in Brasilien den vierten WM-Titel holte, ist derzeit eigentlich gesperrt, weil er sich in der Uerdinger Drittliga-Begegnung bei der SG Sonnenhof Großaspach bei seinem Gegenspieler einen Tritt von hinten in die Wade leistete, der im Nachhinein als "krass sportwidriges Verhalten" bewertet wurde, das mit einer Sperre von vier Spielen geahndet wurde.

"90 Minuten kenne ich keine Freunde"

Zum Glück für Großkreutz galt die Verbannung nicht für den DFB-Pokal, sodass er bei seinem persönlichen Saison-Highlight auflaufen durfte. "Ich bin seit meiner Kindheit Fan von Borussia Dortmund und werde es immer sein", verkündete der Mann, der einst von der Gelben Wand der Südtribüne auf den Rasen hinabstieg, um als Profi in schwarz-gelb durchzustarten: "Aber für die 90 Minuten kenne ich keine Freunde. Danach werde ich wieder Fan von Dortmund sein."

7c7ebe8074004d41e2778f6fe9d8da48.jpg

Kevin Großkreutz zeigt Tochter Leonie seine Fans.

(Foto: dpa)

Großkreutz hat mit seinem Herzensverein zwei Meisterschaften gewonnen und einen Pokalsieg gefeiert. "Die Erinnerungen wird mir keiner mehr nehmen. Das wird mir immer bleiben", sagt der 31-Jährige, der mitteilte, er allein habe für das Spiel 200 Karten organisiert, um Familie und Freunde versorgen zu können: "Eigentlich habe ich einen eigenen Block im Stadion." Wohl dem, der so etwas von sich behaupten kann. Der Dortmunder Jung Großkreutz genoss jede Sekunde, holte sich in der Nachspielzeit, als die Partie längst entschieden war, noch eine selten dämliche Gelbe Karte ab, lief nach dem Abpfiff mit Töchterchen Leonie auf dem Arm in die Kurve und tauschte mit seinem Kumpel Marco Reus das Trikot.

BVB probt Ligaalltag

Feiertag in Uerdingen, Alltag in Dortmund - auf diesen kurzen Nenner konnte man diese Auseinandersetzung verdichten. Im Gegensatz zum Supercup durften die Dortmunder im Pokal schon mal das proben, was in der kommenden Saison im Ligaalltag regelmäßig auf sie zukommen wird. Während die Bayern beim Gipfel in Dortmund den für sie typischen Ballbesitz-Fußball demonstrierten, den BVB dabei früh in der eigenen Hälfte attackierten und dabei nach Ballverlusten üppige Räume für die raketenartig vorgetragenen Gegenangriffe der Männer in Schwarz-Gelb anboten, werden andere Vereine in ihrer taktischen Ausrichtung sehr viel zurückhaltender auftreten.

So viel Selbstbewusstsein und individuelle Klasse wie der Rekordmeister haben in der 1. Liga nicht viele Vereine, und deshalb werden von 17 Kontrahenten, die dem BVB auf dem Weg zur angestrebten Meisterschaft im Weg stehen, ungefähr 15 so agieren, wie es die Uerdinger exemplarisch vorexerzierten: Tief stehen, dem Gegner den Ball überlassen und das Heil darin suchen, im letzten Drittel des Spielfelds ein solch engmaschiges Netz zu knüpfen, dass sich der Widersacher darin immer wieder verheddert.

"Es war in Ordnung"

8c29fc878463df5363aca6b6b82cb9f4.jpg

Torschützen unter sich: Reus und Alcácer.

(Foto: dpa)

Um ein solches Bollwerk auszuhebeln, bedarf es Tugenden wie Geduld, technischem Vermögen, Passsicherheit und klugen Laufwegen. All das brachten die Dortmunder nicht wirklich überzeugend auf den Rasen. "Wir müssen das Spiel mehr auf die Seite verlagern, sehr breit spielen", dozierte der Tüftler Favre: "Wir müssen mehr zwischen die Viererketten spielen, diese Läufe in die Tiefe haben wir in der ersten Halbzeit nicht gemacht."

Mit Marco Reus hatte der Schweizer bei seiner Analyse einen Bruder im Geiste: "Die Abläufe sind noch nicht so da", sagte der Kapitän, der beim seinem Treffer zum 1:0 die Hand zur Hilfe nahm und dabei Glück hatte, dass es in der ersten Runde des DFB-Pokals noch keinen Video-Schiedsrichter gibt. Man müsse "gegen solche Mannschaften mehr laufen, mehr Tempo machen und sie zum Nachdenken zwingen", monierte der Nationalspieler. Alles in allem "haben wir sie nicht hergespielt, aber es war in Ordnung". Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc fasste die Ereignisse in der ihm eigenen Nüchternheit zusammen: "Hinfahren, Aufgabe erfüllen, nach Hause fahren. Auftrag erledigt."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema