Fußball

Sechs Dinge, die wir am 19. Spieltag gelernt haben BVB frisst Dreck, Bayern zaubert solide

imago_sp_020115400020_15615117.jpg2745954599350171907.jpg

Dortmunds Kevin Großkreutz im Duell mit Jan Hochscheidt von Eintracht Braunschweig. Am Ende kämpfte sich der BVB zum Sieg.

(Foto: imago/Hübner)

Wenn selbst Matthias Sammer nichts zu meckern hat, sind das schlechte Nachrichten für die Fußball-Bundesliga. Bayern putzt Frankfurt, während der BVB durch den Dreck watet und der HSV nur noch peinlich ist.

1. Die Bayern sind auf Jahre hin unschlagbar

Vor sechseinhalb Jahren schrieb Reporterlegende Manni Breuckmann für das Fußballmagazin "11 Freunde" einen klugen Aufsatz mit dem Titel "Woran wir uns gewöhnt haben". Es ging um grenzdebile Maskottchen, nervende Stadionsprecher und stimmungstötende Beschallung in den Stadien. Heute müsste man unter dem selben Titel eine Abhandlung über die erdrückende Dominanz des FC Bayern verfassen, die mittlerweile bizarre Ausmaße annimmt. Wir haben uns so sehr an sie gewöhnt, dass sich niemand mehr ernsthaft aufregt, wenn ein Verein gegen den Meister seine gelb-gefährdeten Spieler schont. Wenn ein Europapokalteilnehmer ein 0:5 in Kauf nimmt, statt die Chance auf einen Punktgewinn zu suchen. Wettbewerbsverzerrung könnten Leverkusen und Dortmund das nennen. Wenn sie denn auch nur entfernt in Reichweite der Bayern stünden.

Hans-Joachim Watzke hat unter der Woche ein interessantes Interview gegeben, das er anschließend so nicht gegeben haben wollte. Die "Welt" beteuert, es sei folgender Satz gefallen: "Sie [die Bayern, Anm. d. Red.] wollen uns zerstören." Aber das darf Watzke nicht sagen. Die Bayern haben dem BVB in finanziell brisanten Zeiten mit einem Darlehen aus der Bredouille geholfen, die Borussia hat es trotzdem gewagt die Münchner zwei Saisons lang an der Nase herumzuführen - jetzt lernen sie ihre Lektion und der Rest der Liga gleich mit. Übrigens: Der FC Bayern hat gegen Eintracht Frankfurt fantastisch gespielt. Matthias Sammer sagte danach: "Wir kommen so langsam in unseren Rhythmus rein."

2. Manchmal muss man durch Dreck waten

Braunschweig, Freitagabend, Flutlicht. Es ist so kalt, dass nur Marcel Schmelzer sich in kurzen Hosen aufwärmt. Der BVB muss gegen den kämpferischen Aufsteiger ran und es läuft nicht. Fehlpässe en masse, kaum Abschlüsse. Ein genialer Moment reicht nicht, denn Braunschweig egalisiert Aubameyangs Führung. Leverkusen hat hier verloren, Kanonenfutter ist dieser Tabellenletze nicht. Doch am Ende setzt sich Dortmund mit einer Fähigkeit durch, für die sie nicht bekannt sind: Effizienz. "Wir haben noch nicht so viele dreckige Siege gehabt, das heute war einer", sagte Jürgen Klopp danach. Mittelfeld-Mann Nuri Sahin sah es ähnlich: "Wir machen gerade eine Phase durch, in der wir unsere Leichtigkeit über Drecks-Ergebnisse wiederfinden müssen."

"Entdeck the Dreck" heißt übrigens eine Party-Reihe im Hamburger Club "Grüner Jäger". Vielleicht sollte HSV-Sportdirektor Oliver Kreuzer seine Jungs lieber da hinschicken, statt ins angesetzte Kurztrainingslager. Denn wo das große Problem des HSV steckt, hat Kreuzer richtig erkannt: "Du machst aus dieser Mannschaft keine Kämpfertruppe mehr." Genau die braucht man aber im Abstiegskampf. David Jarolim statt Rafael van der Vaart. Der hatte nach der desaströsen Leistung des HSV beim 0:3 in Hoffenheim nichts Besseres zu tun, als dem erstbesten Fernsehteam zu erklären, in der Mannschaft fehle es an Qualität und es gebe Gruppen: "So macht Fußball keinen Spaß." Der Ernst der Lage lässt sich nicht nur an den Durchhalteparolen ablesen, sondern auch an den ersten Maßnahmen von Trainer Bert van Marwijk: der trainingsfreie Montag ist gestrichen. Spötter sagen, so könne sich die Mannschaft schon mal auf den neuen Rhythmus in Liga zwei vorbereiten – inklusive Topspiel am Montagabend.

3. Die Liga ist nicht spannend, aber gefährlich

Soll keiner sagen, der Hamburger SV sorge nur für negative Schlagzeilen. Hier der Gegenbeweis: Der HSV agierte so dermaßen harmlos, dass selbst die TSG 1899, sonst ungefähr so defensivstark wie die Denver Ponys im Super Bowl, erstmals in dieser Saison ohne Gegentor blieb. Glückwunsch! "Richtig happy" machte der sorgenfreie Samstagnachmittags-Kick den Hoffenheimer Trainer Markus Gisdol. Den Blick für die Tabelle verlor der 44-Jährige aber nicht. Zwar steht die TSG auf Rang elf, aber eben nur vier Zähler vor dem Relegationsplatz. Acht Vereine stecken im Abstiegsstrudel, was Gisdol zu einer düsteren Schlussfolgerung führt: "Die Bundesliga ist zurzeit die wahrscheinlich gefährlichste Liga der Welt."

imago_sp_020120400021_15617513.jpg7327300322243195625.jpg

Vom Windhauch gefällt: Augsburgs Matthias Ostrzolek.

(Foto: imago/Krieger)

Wer den Spieltag Revue passieren lässt, muss sagen: Der Mann hat recht. Gefährlich ist die Liga aber nicht nur für die Klubs im unteren Drittel, sondern vor allem für die Spieler. Und wir hatten gedacht, die Zeiten seien vorbei, seit Khalid "Der Kannibale" Bouhlarouz 2012 den VfB Stuttgart verließ. Aber nein, die Zeichen sind überall: "Ihm ist fast der Kopf abgetreten worden", sagte Wolfsburgs Sportchef Klaus Allofs über ein Foul an seinem Spieler Daniel Caligiuri. Und in Augsburg griff der arme Matthias Ostrzolek zu einer neuen Form der Schutzschwalbe. Nicht nur, dass er über die ausgestreckten Beine des heranrauschenden Santiago Garcia sprang, um der Sportinvalidität zu entkommen – nein, er wand sich in Phantomschmerzen, hielt sich sein Schienbein, das Garcia gar nicht getroffen hatte. Alles nur, damit Schiedsrichter den wildgewordenen Bremer aus dem Verkehr ziehen möge, auf dass größerer Schaden von Ostrzolek und seinen Kollegen abgewendet werde. Die Angst geht um in der Liga.

4. Der VfB Stuttgart ist verloren

Fans des VfB Stuttgart müssen jetzt ganz tapfer sein. Nach gewissenhafter Auswertung des Spieltags müssen wir Ihnen leider mitteilen: Es steht nicht nur nicht gut um ihren VfB, das haben Sie mit Blick auf die Tabelle gewiss schon selbst festgestellt. Es steht noch viel schlimmer, als 19 Punkte aus 19 Spielen und 6 Niederlagen aus den vergangenen 7 Partien vermuten lassen. Der ohnehin kritische Zustand hat sich über die Winterpause dramatisch verschlechtert.

imago_sp_020118400019_15616850.jpg329286830942015470.jpg

Schwäbische Zwickmühle: Gerät der VfB in Rückstand, verliert er. Mit Führungen können die Stuttgarter aber auch nichts anfangen. Da bleibt nicht viel.

(Foto: imago/mika)

Zur Zwangsneurose, die in der Hinrunde bei 0:1-Rückständen zur sofortigen Kapitulation in Bundesliga-Spielen führte, hat der VfB eine neue fatale Phobie entwickelt: Die Furcht vor der Führung. Dreimal glückte dem VfB im Jahr 2014 das 1:0, dreimal stand es am Ende 1:2, auch am Samstag gegen Bayer Leverkusen. Das wirkt sich ungünstig auf den Tabellenstand aus, aber auch aufs schwäbische Gemüt. Und auf die Heilungschancen. Experten sprechen von einem Dilemma, sie fürchten das Ärgste. Für die VfB-Fans heißt das in der Rückrunde: Daumen drücken, dass der Hamburger SV und Werder Bremen kein Mittel gegen ihre Fußballallergie finden. Und dass der VfB mit möglichst vielen 0:0 doch noch ein paar Pünktchen sammelt. In Sachen Nullnummern herrschte beim VfB in der Hinrunde allerdings eins: eine Nulldiät.

5. Da geht was auf Schalke

Nanu, was ist denn plötzlich in Gelsenkirchen los? Zwei Spiele, zwei Siege, Platz vier: Der Rückrundenstart verdient das Prädikat "gelungen". Zum ersten Mal unter Trainer Jens Keller ist der FC Schalke vier Spiele in Serie ungeschlagen. Für Matchwinner Kevin-Prince Boateng kommt der momentane Erfolg nicht überraschend: "Es hat sich schon in der Vorbereitung angebahnt. Wir sind als Mannschaft enger zusammengewachsen, und wir arbeiten jetzt auf dem Platz besser zusammen." Mit Klaas-Jan Huntelaar steht "ein Vorbild für uns alle" (Roman Neustädter) wieder auf dem Platz, was sich sofort in größerer Torgefahr niederschlägt. Im Tor scheint endlich Kontinuität eingekehrt: Ralf Fährmann musste in den vergangenen fünf Pflichtspielen nur einmal hinter sich greifen, gegen Wolfsburg zeigte er starke Paraden. All das lässt das Selbstvertrauen wachsen, das nun auch der blasse Trainer Jens Keller offen zeigt: "Wir lassen uns von da oben nicht mehr verdrängen."

6. Für den Erfolg darf man sich ruhig untreu werden

Dass Mirko Slomka in der Winterpause als Chefcoach von Hannover 96 entlassen wurde, war mäßig überraschend. Dass er durch Tayfun Korkut ersetzt wurde schon. Der 39-jährige Deutsch-Türke ist als Fußballcoach ein unbeschriebenes Blatt, und das wussten sie auch in Hannover. Er stammt zwar aus dem DFB-Trainerlehrgang 2011, der mit Thomas Schneider (Stuttgart), Markus Gisdol (Hoffenheim) und Markus Weinzierl (Augsburg) nun schon drei Bundesliga-Coaches produziert hat. Bei der offiziellen Verkündung übte 96-Manager Dirk Dufner dennoch Zurückhaltung. Er lobte den Slomka-Nachfolger zwar als "jungen, top ausgebildeten und hochmotivierten Trainer", nannte seine Verpflichtung aber gleichzeitig eine "mutige" Entscheidung.

Nach zwei Spielen unter dem Cheftrainer-Novizen darf sich Dufner selbst auf die Schulter klopfen, nicht den Reflexen der Branche erlegen zu sein und auf der Alttrainer-Resterampe gewildert zu haben. Nach dem 3:1 beim VfL Wolfsburg - den ersten Auswärtspunkten der Saison - besiegten Korkuts Hannoveraner nun auch die Borussia aus Mönchengladbach mit demselben Ergebnis. Seltsam nur, dass der neue Trainer gegen seine eigene Philosophie spielen lässt. "Viel Ballbesitz" umschrieb Korkut in der Vorbereitung die Marschrichtung. Gegen Gladbach begnügte sich sein Team erneut mit 38 Prozent Ballbesitz. Damit ist Korkut der Anti-Guardiola der Liga - und schon jetzt unsterblich an der Leine. Zwei Siege zum Start als Hannover-Coach, das hatte zuvor nur Dieter Kronsbein geschafft. Damals, 1964.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema