Fußball

Zu leicht für die Königsklasse BVB pusht sich für das Meisterschaftsrennen

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Nach dem Abpfiff und dem Champions-League-Aus feierte das BVB-Team demonstrativ mit den Fans.

(Foto: www.imago-images.de)

Nach dem Champions-League-Aus gegen Tottenham zehrt Borussia Dortmund von einer furiosen ersten Halbzeit und vom Schulterschluss mit den Fans nach dem Schlusspfiff. Das soll Energie für den Endspurt im Meisterschaftsrennen freisetzen.

Auf dem Weg zur Eckfahne, neben der sein Team einen Einwurf ausführen sollte, ließ sich Serge Aurier aufreizend viel Zeit. Der Außenverteidiger von Tottenham Hotspur trabte im behäbigen Tempo eines rüstigen Rentners auf seiner Joggingstrecke rund um den heimischen Häuserblock. Das machen Profis so, wenn ihre Mannschaft in Führung liegt und es darum geht, die Minuten bis zum Schlusspfiff runterzuspielen. Den Ivorer begleitete in der Dortmunder Arena ein gellendes Pfeifkonzert, auch das ist normal. Das wirklich Bemerkenswerte an der Szene war, dass sie sich in der 22. Minute ereignete. Das Achtelfinal-Rückspiel in der Champions League hatte seine Anfangsphase gerade hinter sich, da spielten die Spurs bei Borussia Dortmund tatsächlich schon auf Zeit.

Borussia Dortmund - Tottenham Hotspur 0:1 (0:0)

Dortmund: Bürki - Wolf (62. Larsen), Akanji, Weigl, Diallo - Witsel - Sancho, Götze, Reus (74. Delaney), Guerreiro (62. Pulisic) - Alcácer. Trainer: Favre
Tottenham: Lloris - Alderweireld, Sanchez, Vertonghen - Aurier, Winks (55. Dier), Sissoko, Davies - Eriksen (83. Rose) - Son (71. Lamela), Kane. Trainer: Pochettino
Tor: 0:1 Kane (48.)
Schiedsrichter: Makkelie (Niederlande)
Gelbe Karten: -
Zuschauer: 66.099 (ausverkauft)

Der haushohe Favorit brauchte Zeit zum Verschnaufen, weil die Gastgeber so vehement anrannten und die massive Abwehr über alle Maßen forderte. Der BVB arbeitete unter Volldampf daran, die Hypothek einer 0:3-Hinspielniederlage zu egalisieren, die Spurs mischten britischen Beton an: eine Fünferkette, davor eine Viererkette und als einsamer Stürmer Harry Kane allein auf weiter Flur. Am Ende konnte der achtfache Deutsche Meister jedoch das vielzitierte Wunder nicht finalisieren. Im Gegenteil, die Partie ging mit 0:1 verloren, weil die Dortmunder in der fulminanten ersten Halbzeit eine Vielzahl bester Möglichkeiten ungenutzt ließen und weil der Gegner einen Harry Kane hat.

Der Mann ist wirklich ein Phänomen: In Halbzeit eins bis zur Unsichtbarkeit zugedeckt, nutzte der Goalgetter kurz nach dem Seitenwechsel seine erste Möglichkeit, um das Spiel zu entscheiden. "Mit diesem Tor", analysierte Dortmunds Kapitän Marco Reus treffend, "war der Stecker gezogen." Die Aufholjagd des BVB, sie fand nicht statt, weil der Gegner genau den Killerinstinkt offenbarte, der den Gastgebern abging.

"So können wir weitermachen"

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Klassenunterschied: Tottenhams Torschütze Harry Kane und Dortmunds glückloser Torjäger Mario Götze.

(Foto: www.imago-images.de)

Borussia Dortmund ist in der Champions League gewogen und für zu leicht befunden worden. Gut, aber nicht gut genug. Oder anders formuliert: Um ernsthaft an eine halbwegs realistische Chance an ein Comeback zu glauben, hätten die Westfalen einen Weltklassestürmer gebraucht. Einen Harry Kane. Doch der spielt auf der Insel. Und deshalb sind die Spurs noch im Millionen-Euro-Zirkus der Fußball-Königsklasse dabei, während die Dortmunder ihre Wunden lecken.

Das Ausscheiden schmerzte allerdings nicht nachhaltig, weil die Chancen auf ein Weiterkommen ohnehin nur noch theoretischer Natur waren. Viel mehr als mit dem Scheitern wollten sich die Deutschen mit den positiven Aspekten beschäftigen, die ihnen dieses Kräftemessen bot. Und von denen gab es tatsächlich einige. Da war vor allem die mitreißende erste Halbzeit, als der BVB die Herausforderung mit Leidenschaft, Laufbereitschaft, dominantem Zweikampfverhalten und einer ausgewogenen Balance zwischen Offensive und defensiver Absicherung annahm. Das Team von Trainer Lucien Favre zeigte all das, was in den vergangenen Wochen verloren gegangen war. "Da war nur eine Mannschaft auf dem Platz zu sehen", sagte der Schweizer: "So können wir weitermachen."

Allerdings vergaben die Dortmunder, die ihren Gegner eindeutig beherrschten, gleich sechs erstklassige Chancen, was Kapitän Marco Reus verzweifelt zurückließ: "Wir haben unfassbar viele Möglichkeiten und schaffen es nicht, ein Tor zu erzielen." Es fehlte jenes Erfolgserlebnis, "das die Initialzündung gibt", wie Sportdirektor Michael Zorc vermutete. Doch der Wirkungstreffer, der ein Fanal hätte in Gang setzen können, blieb aus. Und dann ging der Schuss nach hinten los.

"Push" für Meisterschaftsendspurt

Ganz klar, der Trend ist in dieser Phase der Spielzeit kein Freund der Borussia. Im DFB-Pokal an Werder Bremen gescheitert, in der Champions League ebenfalls nur noch Zuschauer, im Meisterschaftsrennen ist der komfortable Vorsprung auf die Bayern geschmolzen wie Eiswürfel in der Sommerhitze. Obwohl sie nur noch auf einer Hochzeit tanzen und den heißen Atem des Rekordmeisters im Nacken spüren, bemühen sie sich im Revier, positive Zeichen zu erkennen und daraus neue Energie zu schöpfen. Vor allem der Umstand, dass die Südtribüne die Mannschaft nach dem Abpfiff demonstrativ feierte, nährt die Hoffnung, dass die Mannschaft auf der Zielgeraden der Meisterschaft doch noch die Kurve kriegt.

"Da war viel Gänsehaut", sagte Kapitän Reus, "solche Momente geben dir Kraft". Das sieht Sportdirektor Zorc ähnlich: "Ich glaube, die Leistung und der Schulterschluss mit den Fans gibt uns einen Push für die letzte Phase der Saison", glaubt das Dortmunder Urgestein. Beim BVB scheinen sie gewillt zu sein, den Abwärtstrend umzukehren und die Dinge in den verbleibenden zehn Partien in ihre Richtung zu zwingen. Zumindest Reus gibt sich betont kämpferisch: "Es bringt nichts, zu lamentieren. In den nächsten Wochen müssen wir liefern."

Quelle: ntv.de