Fußball

Es knallt vor LiebeBayern-Legende Thomas Müller ist interessanter als je zuvor

29.11.2025, 07:49 Uhr
imageVon Tobias Nordmann
October-26-2025-Vancouver-Bc-CANADA-Vancouver-Whitecaps-Thomas-Muller-left-and-Kenji-Cabrera-celebrate-Cabrera-s-goal-against-FC-Dallas-during-the-second-half-in-Game-1-of-a-first-round-MLS-Fussball-Herren-USA-Cup-playoff-soccer-match-in-Vancouver-B-C-Sunday-Oct-26-2025
Thomas Müller brennt für die Whitecaps FC. (Foto: IMAGO/ZUMA Press)

Thomas Müller erlebt in Nordamerika eine sportliche Auferstehung. Bei den Vancouver Whitecaps steigt die Legende des FC Bayern direkt zum Kapitän auf und liefert ikonische Bilder in die alte Heimat.

Als Thomas Müller im vergangenen Sommer den FC Bayern nicht ganz freiwillig verlassen hatte, war seine Fußballerkarriere längst auf der Zielgeraden angekommen. Was sollte da noch kommen für einen, der mit den Münchnern alles gewonnen hatte und sogar Weltmeister mit Deutschland geworden war? Eine neue Herausforderung in Nordamerika. Kicken in Kanada. Raus aus dem hellen Licht, in dem er anderthalb Jahrzehnte erstrahlt war. Doch die letzten Meter auf dem Weg zur Spielerrente verlaufen ganz anders, als das wohl einige Beobachter erwartet hätten. Müller lässt nicht austrudeln, er setzt zu einem fulminanten Sprint an. Einem, der die Menschen in der neuen Heimat staunen lässt und der die Menschen in der alten Heimat fasziniert.

Thomas Müller wird von der indigenen Bevölkerung in Kanada empfangen. Schlagzeile! Thomas Müller wirft einen Basketball und trägt dabei eine lässige Chinohose. Schlagzeile! Thomas Müller trägt jetzt einen Bart. SCHLAGZEILE! Dass die deutsche Fußball-Legende dabei noch herausragend Fußball spielt, geht fast ein wenig unter. Von der Teilzeitkraft beim FC Bayern hat er sich zum Antreiber der Vancouver Whitecaps hochgeschwungen. Dabei sendet er regelmäßig ikonische Bilder in die Heimat. Als Torschütze, als Motivator, als Erklärbär für seine Teamkollegen und als rührender Party-Kümmerer. Thomas Müller ist als Spieler, als Typ ohnehin viel zu außergewöhnlich, um sich leise von der großen Bühne zu schleichen.

Warum Müller die Menschen mehr berührt als Reus

Anders als bei vielen anderen Kollegen der Weltmeister-Mannschaft von 2014 lässt es Müller im Rampenlicht krachen. Er kämpft nicht um Spielzeit, nicht um Anerkennung, nicht um einen irgendwie noch würdigen Abgang. Müller ist bis zum Ziel mittendrin. In der Nacht zu Sonntag kämpft er mit seinen Whitecaps um den Einzug ins Endspiel der Major League Soccer. Ein Titel im ersten Jahr, das wäre was. Und was winkt da für eine großartige Geschichte. Sollte das Halbfinale gegen San Diego gewonnen werden, könnte Lionel Messi der "Endgegner" werden. Auch Inter Miami ist noch im Rennen um die Meisterschaft. Vor elf Jahren, im Finale von Rio, zog Messi auf der größten Bühne der Welt den Kürzeren. Nun könnten die Giganten ihr Duell in der MLS noch einmal zur ganz großen Bühne machen.

Womöglich gewinnt Müller als zweiter Deutscher in Folge den Titel. Im vergangenen Jahr stemmte Marco Reus den Pokal nach oben. Er vollendete damit seine Karriere, die so sehr nach einer Meisterschaft lechzte. Die Geschichte von Reus war emotional viel größer als jene von Müller. Es gab das Happy End nach unzähligen sportlichen und gesundheitlichen Tragödien. Müller dagegen dürfte all seine Titel kaum noch zusammenbekommen. Und dennoch fasziniert seine Geschichte die Menschen hierzulande mehr. Weil sie Müller lieben. Und weil Müller immer Müller geblieben ist. Auch in Nordamerika schelmt er weiter rum. Etwa bei der heiß gelesenen Schlagzeile Bart: Er habe halt den richtigen Zeitpunkt des schmerzfreien Rasierens verpasst, sagt er zu RTL/ntv.

Völlig losgelöst von der Erde

Müller kann's auf jedem Terrain, aber der grüne Rasen bleibt ihm das wichtigste. Gerade einmal elf Spiele hat er für Vancouver absolviert. Diese waren aber so mitreißend, dass er sich den Legendenstatus unausgerufen bereits verdient hat. Neun Tore hat er geschossen, vier vorbereitet. In seinem dritten Spiel gegen den damaligen Tabellenführer Philadelphia haute er einen Dreierpack raus. Die Euphorie um den Mann aus Deutschland war längst zu groß geworden für den irdischen Kosmos.

Als er einen Monat später auch die San Jose Earthquake verputzt hatte, konnte sein Arbeitgeber mit der Bewunderung für die eigene Attraktion nicht mehr an sich halten: "Absolute Cinema from the Raumdeuter", riefen sie der Welt via X entgegen. Sie hätten es auch komplett auf Englisch schreiben können, aber mit dem Wort "Spatial interpreter" hätte niemand etwas anfangen können, nicht mal in Amerika.

Da lernen sie den Deutschen immer besser kennen. Ihn und seine Ehrlichkeit. "Jesper (Anm. d. Red.: Jesper Sørensen), unser Coach, und Axel Schuster, der Sportdirektor, haben mich verpflichtet, um dieser jungen Truppe die nackte Wahrheit zwischen den Zeilen zu geben, also Dinge anzusprechen", sagt Müller gegenüber RTL/ntv. Die Jungs im Team seien alle sehr nett miteinander, "doch im Leistungssport muss man auch einmal den Finger in die Wunde legen dürfen. Dafür war ich meine ganze Karriere bekannt: Ich scheue mich nicht, Dinge anzusprechen, wenn ich das Gefühl habe, dass es uns nach vorne bringt."

Und jetzt kommt der deutsche Alptraum

Zwei Spiele müsste Müller noch gewinnen, um seinen 35. Titel auf Vereinsebene zu gewinnen. 33 hat er mit den Münchnern geholt, einen bereits mit den Whitecaps. Gegen den Stadtrivalen Vancouver FC holte er den kanadischen Pokal. San Diego im Halbfinale wird nun ein anderes Kaliber. In der Abschlusstabelle der Western Conference lag das Team aus Kalifornien knapp vor Vancouver punktgleich auf Platz eins. Einen schillernden Star wie Müller hat das Team nicht.

Teuerster Spieler im Kader ist Anders Dreyer, ein 27 Jahre alter Däne, der in Europa viel unterwegs war, aber kaum wahrgenommen wurde. Anders als Hirving Lozano. Der Mexikaner spielte unter anderem bei der PSV Eindhoven und beim SSC Neapel. Er ist aber vor allem als deutscher Alptraum bekannt: Bei der völlig vergeigten WM 2018 schoss er das Siegtor im ersten Gruppenspiel (0:1) und stürzte Müller, damals einer der schwächsten Spieler auf dem Feld, und das DFB-Team ins Fiasko Mexicana.

Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, Champions League – der 36-Jährige kennt die besondere Atmosphäre rund um solche alles entscheidenden Spiele bestens, sie reizt ihn bis heute. "Die Erwartungen sind einfach andere", sagte Müller in einer Medienrunde: "Die ganze Welt schaut zu. Es beobachten mehr Menschen, ob du den Job erledigst oder nicht. Das spornt mich an." Mit seinem Team wolle er nun genau "diesem Druck standhalten". Er wolle eine "eine Winner-Culture" einbringen, sagte Müller in einem "Kicker"-Interview. Eine, wie er sie beim FC Bayern erst gelernt und dann geprägt hat.

"Niemand erinnert sich später an Viertelfinals"

Wie sich diese "Winner-Culture" anhört, wurde in der Presserunde deutlich. Ein Reporter sprach Müller auf den Viertelfinal-Erfolg der Whitecaps gegen den Los Angeles FC an, als sich der Außenseiter aus Kanada nach einem Platzverweis und einer Verletzung in der Verlängerung mit nur noch neun gegen elf Spielern ins Elfmeterschießen rettete und gewann. Ja, sagte Müller. Jeder, der dabei war, werde sich für immer daran erinnern. Und dann kam das dicke Aber: "Davon abgesehen war es nur ein Viertelfinale. Niemand erinnert sich später an Viertelfinals. Viertelfinals werden nur gespielt, um danach zu sehen: Fährst du zum Halbfinale oder in den Urlaub? Das Ziel ist immer, ins Finale zu kommen."

Und dann den zu Titel gewinnen. Was kommt danach? Eine vom FC Bayern und ganz besonders von Patron Uli Hoeneß ersehnte Heimkehr? Vorerst nicht. Ein Ende des Fußball-Profis Thomas Müller ist nicht in Sicht. "Diese Reise war bisher eher so ein Kurztrip", erklärte Müller, der erst im August gekommen war. "Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich sehr viel Lust auf die neue Spielzeit habe." Dann vielleicht als Titelverteidiger. Aber erstmal San Diego. Und neuen Schlagzeilen.

Quelle: ntv.de, mit dpa

Thomas MüllerFußballKanadaMajor League SoccerFC Bayern München