Fußball

Heißes Derby alarmiert Polizei Berlin krönt seinen Fußball-König

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2012 siegte Hertha BSC bei Union Berlin in der zweiten Liga. Nun steigt das erste Derby überhaupt im Oberhaus.

(Foto: imago images / Annegret Hilse)

30 Jahre nach dem Mauerfall pocht das Berliner Herz vor dem ersten Bundesliga-Hauptstadtduell zwischen Union und Hertha gewaltig. Die Klubs trennt und vereint vieles, Fans und Spieler sind angespannt, die Polizei rüstet auf. Doch ist das Spiel ein wirkliches Derby?

Das erste Derby-Duell wurde schon ausgetragen, bevor die Saison der Fußball-Bundesliga losging. Hertha BSC regte an, als der Bundesliga-Spielplan noch nicht stand, das Berliner Derby solle zum 30. Jubiläum des Mauerfalls am 9. November ausgetragen werden. Nix da, sagten die Eisernen: "Uns ist der Gedenktag zum Mauerfall zu wichtig, wir wollen an diesem historischen Tag nicht Fußball spielen."

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Union-Plakat an der Frankfurter Allee in Ost-Berlin.

(Foto: imago images/Matthias Koch)

Nun kommt es in der Bundesliga zum ersten Aufeinandertreffen dieser beiden Vereine - aber ist das ein richtiges Derby? Die Klubs lebten in ihrem jeweiligen Mikrokosmos in West- und Ost-Berlin über die Jahrzehnte weitestgehend unangetastet vom Stadtnachbarn. 25 Kilometer Luftlinie trennen die Stadien. Allein schon historisch bedingt aufgrund der Stadtteilung gibt es keine Reihe von Derby-Duellen wie bei Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04, keine unzähligen Klassiker-Geschichten wie bei Werder Bremen und dem Hamburg SV, keine gesperrten Bahnhöfe wie bei Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln. Und auch keinen puren Hass, wie im Wiener Derby zwischen Rapid und Austria. Der Union-Kapitän Christopher Trimmel hat als Rapid-Profi dort Platzstürme und Kabinengang-Schlägerein miterlebt. "Es gibt ein paar Stellen in der Stadt, wenn du da erkannt wirst, ist es besser, wenn du gehst", sagt er. Davon ist Berlin weit entfernt.

Den spanischen Clásico zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid gab es bereits 242 Mal, es wurden Schweinsköpfe aufs Spielfeld geworfen, Gegner deklassiert und gegnerische Spieler (Ronaldinho) stehend beklatscht. Aber in Berlin kam es auch nach der Wende lediglich zu vier Pflichtspielen (zweite Bundesliga), die gegeneinander ausgetragen wurden. Die Bilanz? Ausgeglichen, mit jeweils einem Sieg und zwei Unentschieden. Vielleicht ist dies heute also der Beginn einer erstklassigen Derby-Historie. Vorausgesetzt, die Eisernen halten die Klasse.

"Freunde hinter Stacheldraht"

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Ritter Keule und Herthinho.

(Foto: imago/Andreas Gora)

Union gegen Hertha: Das ist auch Nina Hagen gegen Frank Zander (die Sänger der Stadion-Hymnen), Maskottchen Ritter Keule gegen Herthinho, Schmuckkästchen Alte Försterei gegen Mehrzweckheimstätte Olympiastadion, Schultheiß gegen Engelhardt. Und das ist Ost gegen West. Hertha stand im Osten für das Geld, das Union nicht hatte. Der legendäre Schlachtruf "Eisern Union" soll einer Erklärung zufolge aus den 1920er- und 30er-Jahren stammen und gegen die reichere Hertha gerichtet worden sein. Ein Bierverkäufer soll gerufen haben: "Mensch, eisern müsst ihr sein!", worauf sich der Slogan im ganzen Stadion verbreitete. Union-Präsident Dirk Zingler spricht von einem "Fußball-Klassenkampf" – was heutzutage auch mit den neuen Windhorst-Millionen auf dem Hertha-Konto zu tun hat. Dabei verbrüderten sich die Berliner Klubs nach dem Mauerfall und richteten sogar ein Vereinigungsspiel im Olympiastadion aus. Zu Mauer-Zeiten gab es sogar Aufnäher, die beide Fanlager auf ihren Jeansjacken trugen: "Freunde hinter Stacheldraht" oder "Hertha und Union - eine Nation" stand da.

Heute herrscht zwar Rivalität vor, doch die eigentlich verfeindeten Klubs sind andere. Der ehemalige Stasi-Verein BFC Dynamo etwa für Union oder Schalke für Hertha. Dennoch will sich jede Anhängerschafft die Hauptstadt-Krone aufsetzen. Sinnbildlich dafür treffen sich die Hertha-Fangruppen vor dem Spiel unter dem Motto "Eine Stadt - Ein Verein".

Auch die Profis wissen um die Besonderheit dieses ersten Bundesliga-Derbys. Unions Rechtsaußen Christopher Quiring schnauzte nach der Derby-Niederlage 2012 sogar: "Wenn ich die Wessis jubeln sehe, könnte ich kotzen." Heute halten sich die Spieler etwas mehr zurück. "Die Öffentlichkeit schaut drauf, die ganze Stadt schaut drauf. Man selber will den Fans was zurückgeben. Man lebt als Fußballer für solche Momente", sagt der gebürtige Berliner Maximilian Mittelstädt von Hertha BSC. "Es wird ein Hexenkessel sein." Und Union-Kapitän Christopher Trimmel hofft auch ein Fest: "Diese Spiele haben einen eigenen Charakter und wir Spieler müssen diese Stimmung aufsaugen. Ich habe in den letzten Jahren immer gehofft, dass dieses Derby wieder stattfindet und es ist wichtig, dass es ein Fußballfest wird, ohne Gewalt."

Polizei will Gewalt vermeiden

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2012 begleitete die Polizei die Hertha-Fans zum Stadion in Köpenick.

(Foto: imago sportfotodienst)

Beim Stichwort Gewalt ist die Berliner Polizei gewarnt. Sie macht sich auf das Schlimmste gefasst und bereitet sich akribisch auf das Risikospiel vor. Beide sollen getrennt anreisen. 2000 Hertha-Fans haben Tickets erhalten, Köpenick wird abgeriegelt. Der Stadionbereich vor dem Gästefanblock ist an diesem Spieltag sicherheitshalber für Fotografen gesperrt. Die Hauptstadt-Polizei ging sogar soweit, dass sie bereits ab Juli einflussreiche Fans beider Lager Zuhause aufsuchte, um "im Vorfeld von Fußballspielen positiven Einfluss auf das Fanverhalten zu nehmen und so mögliche Auseinandersetzungen zu verhindern". Ob das eher Ängste schürt oder Sicherheit verbreitet, bleibt fraglich.

Wie auch immer: Die Vorfreude in der Stadt ist riesig - auch ohne Derby-Historie. Die Alte Försterei ist mit 22.012 Zuschauern restlos ausverkauft, aber selbst das Olympiastadion hätte wohl dreimal gefüllt werden können, so groß war der Andrang auf die Karten. Schließlich ist das letzte Hauptstadt-Derby im Oberhaus über 40 Jahre her. Am 16. April 1977 holte sich Hertha gegen Tennis Borussia kurz vor Saisonende eine bittere Heimniederlage ab. Egal, ob heute Ost oder West jubeln wird - es könnte die Entstehung einer Derby-Tradition sein.

Quelle: n-tv.de

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