Fußball

Richtige HSV-Idee zur falschen Zeit Bruchhagen-Entscheidung führt ins Chaos

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Langfristig nicht genug - für Wintertransfers ausreichend: Dietmar Beiersdorfer mit eigenwilliger Aufgabe beim HSV.

(Foto: dpa)

Der Hamburger SV findet sportlich langsam zurück in die Spur. Doch zu viel Harmonie ist den Verantwortlichen offenbar unheimlich. Und so sorgen sie dafür, dass es der Klub bloß nicht aus den Schlagzeilen kommt.

Es war ungewohnt, aber irgendwie auch schön: In den vergangenen Wochen stand bei Fußball-Bundesligist Hamburger SV überwiegend der Fußball im Mittelpunkt. Das Team ist seit vier Spielen ungeschlagen, hat die direkten Abstiegsplätze verlassen und sogar - wer hätte das für möglich gehalten? - einen ansehnlichen Fußball gespielt. Doch wen interessiert das jetzt? Die Abberufung des Vorstandsvorsitzenden Dietmar Beiersdorfer und das Einsetzen des Nachfolgers Heribert Bruchhagen führt den Verein dorthin zurück, wo er vor einem Monat bereits war: ins totale Chaos!

Dabei ist die Entscheidung gegen Beiersdorfer mehr als vertretbar. Denn wer seit Sommer 2014 rund 90 Millionen Euro in eine Mannschaft investiert, ohne dass eine fußballerische Weiterentwicklung stattfindet, hat seinen Riecher für gute Transfers verloren. Und wer zudem in zweieinhalb Jahren zwei Sportdirektoren und drei Trainer entlässt, obwohl er für Kontinuität sorgen wollte, hat seinem Weg nicht gefunden. Wer sich eine Doppelfunktion als Vorstandsvorsitzenden und Sportdirektor zumutet, obwohl sein früherer Partner Bernd Hoffmann beim HSV daran scheiterte, leidet möglicherweise an Selbstüberschätzung.

Klar ist auch: Der jüngste Aufwärtstrend ist kein Verdienst von Beiersdorfer. Vielmehr hat es der neue Trainer Markus Gisdol, den hat der Noch-Vorstandsvorsitzende immerhin verpflichtet, geschafft, aus dem unausgewogen zusammengestellten Kader irgendwie wieder eine konkurrenzfähige Mannschaft zu formen. Dazu aber musste er zwei Außenverteidiger zu "Sechsern" umfunktionieren und einen defensiven Mittelfeldspieler dauerhaft als Innenverteidiger einsetzen.

Beiersdorfer an Bord als "lame duck"?

Auf den ersten Blick nun scheint die Berufung von Heribert Bruchhagen absolut nachvollziehbar und richtig. Er besitzt seit seiner ersten Amtszeit als Manager ein großes Herz für den HSV und jahrelange Erfahrung. Wer bei Eintracht Frankfurt und Schalke 04 gearbeitet hat, dem bereitet zudem ein unruhiges Umfeld keine Angst. Auch wird Bruchhagen nicht den Fehler machen und sich eine Doppelfunktion zumuten. Mit ihm erscheint eine Verpflichtung von Horst Heldt als Sportdirektor wieder möglich. Den Fans zumindest würde es gefallen.

Also alles richtig gemacht? Nein. Denn der Führungswechsel erfolgt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Der Verein hat langsam zurück in die spielerische Spur gefunden und der Trainer hatte sich Geschlossenheit im Verein gewünscht. Doch nach dieser Hammer-Nachricht ist klar: Verliert der HSV am kommenden Spieltag in Mainz werden die Spieler mit der Frage konfrontiert, ob sie aufgrund der jüngsten Ereignisse verunsichert seien. Auch der Trainer, der doch nur Ruhe wollte, wird sich erklären müssen.

Was noch schlimmer ist: Der HSV benötigt dringend Verstärkungen für die Defensive. Doch weil es noch keinen Sportdirektor gibt, soll ausgerechnet Beiersdorfer bis Jahresende weiter an den Transfers basteln. Wer aber möchte als Spieler mit Beiersdorfer verhandeln, wenn der nebenbei längst seinen Schreibtisch räumt? Und wie motiviert wird Beiersdorfer sein? So wäre es sinnvoller gewesen, den dringend nötigen Führungswechsel erst nach der Saison zu vollziehen. Beiersdorfer hätte sich den Hintern aufgerissen, um den HSV mit Anstand (und nicht als Absteiger) zu verlassen. Bruchhagen hätte sich in Ruhe einarbeiten können. Und in Hamburg hätte weiter der Fußball im Mittelpunkt gestanden. Dafür aber ist es nun zu spät!

Quelle: n-tv.de

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