Fußball

Pfiffe wegen Cucurella-HandspielDamals VAR: DFB-Schiri Attwell erzürnt die Gemüter in Stuttgart

30.03.2026, 20:45 Uhr
imageVon David Bedürftig, Stuttgart
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Stuart Attwell leitet das Länderspiel zwischen Deutschland und Ghana in Stuttgart. (Foto: picture alliance / Eibner-Pressefoto)

Schiedsrichter mit Beigeschmack: Manch ein Fan in Stuttgart tobt, weil ausgerechnet Stuart Attwell das DFB-Länderspiel leitet. Der Unparteiische war beim EM-Aus 2024 gegen Spanien VAR, als Cucurella das berüchtigte Handspiel beging. Im Stadion gibt es Pfiffe.

"Der Schiri ist der VAR von damals. Den pfeifen wir aus."

Eine vollgestopfte U-Bahn der Linie 11 direkt zum Neckarstadion in Stuttgart, das heute MHPArena heißt. Zwei Stunden vor Anpfiff. Ein Teenager mit Zahnspange und einem von der Pubertät gezeichneten Gesicht redet sich im rosa Auswärtstrikot von der EM 2024, Nummer 8 für Toni Kroos auf dem Rücken, in Rage. Der Stachel von vor knapp zwei Jahren sitzt noch tief.

Was der Heranwachsende meint: Stuart Attwell aus England leitet an diesem Abend das Testspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft - und damals, im Viertelfinale gegen Spanien bei der Heim-Europameisterschaft, war er der Video-Referee, der das (nicht-)Handspiel von Marc Cucurella nach einem Schuss von Jamal Musiala in der 106. Minute zu beurteilen hatte. Der englische Schiedsrichter Anthony Taylor entschied sofort auf "kein Handspiel", auch VAR-Assistent Attwell griff nicht ein.

"Herzlich willkommen, Stuart Attwell ..."

"Der VAR hat es sich immer wieder angeguckt, aber hat nichts gesagt", schimpft der Teenager seinem bebrillten Kumpel zu. Dieser lauscht die meiste Zeit und fügt dann hinzu: "Er hat keine klare Fehlentscheidung gesehen." Das will der andere natürlich nicht auf sich sitzen lassen: "Angelegt! Was angelegt?" Kurz vor der Ankunft am Stadion gehen die Teenagerhormone noch einmal komplett mit ihm durch: "Den pfeife ich so richtig aus. So gnadenlos habe ich noch nie jemanden ausgepfiffen."

Nach dem EM-Aus der DFB-Elf teilte die UEFA in einem technischen Bericht mit: Es hätte einen Elfmeter geben müssen, da Cucurellas Arm nicht dicht am Körper war und die Körperfläche unnatürlich vergrößert wurde. Der Spanier wurde bei seinen folgenden Einsätzen auf deutschem Boden massiv ausgepfiffen. Schiedsrichter-Experten bewerteten die Entscheidung von Taylor allerdings als regelkonform.

Nun trifft es auch Attwell. Nachdem Otto Addo, bekannt aus der Bundesliga und nun Trainer Ghanas, warmen Applaus erhält, und die deutsche Elf lautstark in Empfang genommen wird, sind die Schiedsrichter. "Herzlich willkommen, Stuart Attwell", sagt der Stadionsprecher. Etliche Pfiffe im Rund sind daraufhin zu hören. Der Stadion-DJ fährt schnell die Lautstärke seiner Musik wieder hoch. Auch bei der ersten kniffligen Szene im Spiel erntet der Referee Pfiffe: Als Jonas Adjetey in der fünften Minute nach einem langen Ball beim Laufduell zu spät in Kai Havertz hereinrauscht, kassiert er "nur" Gelb. Die Fans sehen wohl eher Rot für eine Notbremse vom Mann vom VfL Wolfsburg.

Stuttgart kein gutes Pflaster für Nagelsmann

Dass der 43-Jährige dem deutschen Länderspiel, seinem allerersten in einer DFB-Partie als Schiedsrichter, ausgerechnet in Stuttgart zugeteilt wurde, hat einen Beigeschmack. Die Szene, eine der umstrittensten der DFB-Geschichte, hat hier niemand vergessen. Attwell wurde 2008 zum jüngsten Unparteiischen der Premier League und pfeift seit 2009 auf FIFA-Ebene und war bereits bei der EM 2021 als VAR im Einsatz.

Julian Nagelsmann bezeichnete Attwells Nicht-Eingreifen nach der Viertelfinalpleite als "Wahnsinn" und wetterte: "Dass es dann keinen Elfmeter gibt - das kann ich nicht akzeptieren." Er erlebte im Attwell-Spiel gleichzeitig sein höchstes Hoch und seinen tiefsten Fall als Bundestrainer bisher. Stuttgart ist für den nur zwei Stunden entfernt in Landsberg am Lech geborenen 38-Jährigen bisher kein gutes DFB-Pflaster. Elf Monate nach dem EM-Aus demonstrierte Frankreich beim 0:2 im Spiel um Platz drei der Nations League, dass die Fußball-Weltspitze enteilt ist.

Dort will Nagelsmann mit seiner Mannschaft nun wieder hin, spätestens, wenn sie am 14. Juni in das WM-Turnier in den USA, Mexiko und Kanada startet. Der letzte Test gegen Ghana vor der Kadernominierung (12. Mai) soll letzte wichtige Einblicke bringen.

Kleine WM-Party vor dem Stadion

Vor der Arena herrscht auch bereits ein bisschen WM-Gefühl. Fans beider Länder feiern fröhlich, besonders die Anhänger Ghanas machen mit Tanz, Gesang und Trommeln Stimmung. Der Graupelregen, der Stuttgart den Tag über fest im Griff hat, ist kurzfristig einer kühlen Sonne gewichen.

Der Teenager stimmt zuvor noch eine Grundsatzdiskussion an. "Im Zweifel für den Stürmer, das könnte man mal wieder einführen. Der VAR muss abgeschafft werden", meint er. "Außer es hilft dem VfB, dann ist der VAR natürlich super." Sein Kumpel muss lachen.

Quelle: ntv.de

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