Fußball

DFB-Team erlöst sich von WM-Last Das Wow-Spiel und die vielen Fragezeichen

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Serge Gnabry ist offenbar kein Freund des Ewiggestrigen. Er will nicht am WM-Desaster gemessen werden.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Mit der besten Leistung in diesem Jahr verabschiedet sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in eine sehr lange Pause. Dem Bundestrainer gefällt das nicht. Denn auch er weiß nicht, was der wuchtige Sieg gegen Nordirland bedeutet.

Serge Gnabry war etwas gereizt. Und das kam durchaus überraschend. Zum "Man of the Match" war der 24-Jährige gerade ernannt worden, da stöhnte er in das RTL-Mikrofon, wie "nervig" er es findet, immer "noch vom Umbruch zu sprechen". Klar, diese Mannschaft sei noch "jung", aber sie zeige "sehr, sehr guten Fußball". Und mittlerweile würden ja auch die Ergebnisse wieder stimmen. Das ist nun kein Satz für die Ewigkeit. Kein Satz, der prominenten Eingang in die DFB-Geschichte finden wird. Und auch kein Satz, der nach dem herbeigerauschten 6:1 (2:1)-Erfolg gegen Nordirland in Frankfurt im letzten Spiel der EM-Qualifikation sonderlich tollkühn daherschlendert. Aber es ist ein Satz, der dennoch bemerkenswert ist.

Deutschland - Nordirland 6:1 (2:1)
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(Foto: imago images/Nordphoto)

Deutschland: ter Stegen - Klostermann (65. Stark), Can, Tah, Hector - Kimmich - Goretzka (73. Serdar), Gündogan, Kroos - Gnabry (80. Amiri), Brandt
Nordirland: Peacock-Farrell - McNair (77.  Boyce), Cathcart, Flanagan - Smith, Evans (65. McLaughlin), Davis, Saville, Ferguson - Thompson, Magennis (83. Lavery)
Tore: 0:1 Smith (7. Minute), 1:1 Gnabry (19.), 2:1 Goretzka (43.), 3:1 Gnabry (47.), 4:1 Gnabry (60.), 5:1 Goretzka (73.), 6:1 Brandt (90.+1)
Schiedsrichter: del Cerro Grande (Spanien)
Zuschauer: 42.855

Denn mit diesem rausgehauenen Satz emanzipiert sich die Nationalmannschaft endgültig von dem so belastenden und so demütigenden Watutinki-Erbe. Erstmals laut und erstmals deutlich. Seit dem höchst peinlichen WM-Aus in Russland, besiegelt durch eine herbe 0:2-Niederlage gegen Südkorea am 27. Juni 2018, taumelte der deutsche Fußball durch eine Sinn- und Identitätskrise. Und als sich Bundestrainer Joachim Löw mitten im wildesten Nations-League-Frust besann und vorsichtig anfing eine neue Mannschaft zu formen, wirkte diese Post-Russland-Gemeinschaft vorerst als eine Generation Trümmermänner. Dringend nötige Wiederaufbauhelfer. Dennoch mehr Vergangenheitsbewältiger als Zukunftsgestalter.

"Lasst uns heute gute Laune haben"

Dieses Rollenverständnis hat die DFB-Elf nun abgelegt. Im letzten Länderspiel des Jahres 2019. Im besten Länderspiel des Jahres 2019. Zwar verkorkste sich das zunächst ganz kurz, als der erneut überragende Toni Kroos per nachlässiger Kopfballabwehr das kraftvolle 0:1 durch Michael Smith ermöglichte (7.), dann aber befreite und berauschte sich Löws Team über eben Gnabry (19./47./60.), Leon Goretzka (43./73.) und Julian Brandt (90.+1) zum zweithöchsten Sieg des Jahres. Nur das 8:0 gegen Estland am 11. Juni in Mainz war noch torspektakulärer. Der Gegner allerdings auch noch schlechter. Und so war Gnabry auch schnell wieder erheitert. "Lasst uns heute gute Laune haben. Das war ein guter Abschluss." Gut für die Atmosphäre. Die gespenstische Stille, die sich zum Jahresstart in Wolfsburg gegen Serbien so hartnäckig herausgebildet und fortan konservierte hatte, endete mit Jubelsingsang und Ovationen. Gut auch für die Fußballer. Als Selbstvergewisserung, dass das mit dem schönen und erfolgreichen Fußball noch richtig gut hinhaut.

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Hatte gut Lachen: Bundestrainer Löw.

(Foto: imago images/Revierfoto)

Bei Gnabry natürlich ganz besonders. 13 Tore hat er nun für Deutschland erzielt. Genauso oft hat er für sein Land gespielt. Das ist eine herausragende Quote. Eine Quote, die vor ihm nur der legendäre Gerd Müller erreicht hatte. Warum ihm der Bundestrainer Anfang September überraschend so vehement einen Stammplatz garantiert hatte, das hinterfragt mittlerweile niemand mehr. Mit welcher Wucht (das erste Tor), mit welcher kühlen Präzision (das zweite Tor) und mit welcher technischen Rafinesse (das dritte Tor) er den Abschluss sucht und findet, das ist herausragend. Aber nicht nur das. "Er ist sehr wichtig für die Mannschaft. Er ist eine Anspielstation und verarbeitet die Bälle sehr gut", lobte Löw erneut. "Er macht die Tore ja bewusst. Er legt sich die Bälle richtig zurecht."

Aber nicht nur an dem Münchener Angreifer hatte Löw an diesem Dienstagabend vor den 42.855 Zuschauern Spaß. "Mir hat ziemlich viel gut gefallen", erklärte der Bundestrainer. Nach dem frühen Rückstand hätten sich die Jungs beispielsweise nicht beeindrucken lassen. "Wir haben sofort wieder nach vorne gespielt und sind nicht nervös geworden. Wir haben es mit großer Genauigkeit und Zielstrebigkeit gemacht. Wir haben die Angriffe gut eingefädelt und die Nordiren so zum Laufen gebracht. Dadurch waren wir auch weniger in der Defensive gefordert", dozierte Löw. Dann atmete er auf und befand erleichtert: "Wir haben es über 90 Minuten konsequent gespielt." Das war 2019 tatsächlich nicht immer so. Es war nun sogar tatsächlich das erste Mal. Das Beste zum Schluss. Keine schlechte Idee.

Vier Spiele bis zur EM

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Seit Monaten nur Zuschauer: Leroy Sané.

(Foto: imago images / PA Images)

Was aber bedeutet dieses Spiel nun? Tja, nicht allzu viel. Zumindest nicht allzu viel Neues. Die Fußballer, die Löw in diesem turbulenten Jahr mit vielen Absagen und Verletzungen, zum Casting gebeten hat - ein Einspielen mit einem festen Kreis war nicht möglich - taugen als spektakulär fantasiebeflügelnde Kann-Mannschaft. Als stabile Ist-Mannschaft taugen sie dagegen noch nicht. Klar, zu Gnabry ist mittlerweile wirklich alles gesagt. Zu Torwart Manuel Neuer, zum spielfreudigen Abräumer Joshua Kimmich und zum Mittelfeld-Souverän Toni Kroos sowieso. Verletzen sie sich nicht oder erleben fürchterliche Formkrisen, werden sie das wichtige Gerüst bilden. Um sie herum schwirren aber viele Fragezeichen. Eines der dominantesten: Werden Niklas Süle und Leroy Sané noch turnierfit?

Der Abwehrchef (Süle) und der Stürmer (Sané) wären zwei weitere, eigentlich unersetzbare Schlüsselspieler. Eine starke Achse wäre gegeben. Konjunktiv. Und der gilt für so viele und so vieles: Kann Matthias Ginter beispielsweise eine Defensive auch im Turnierstress souverän anleiten? Was ist mit Antonio Rüdiger, diesem so talentierten, robusten, manchmal zappeligen Hünen? Wann ist er wieder fit und erkämpft sich seinen Stammplatz beim FC Chelsea zurück? Was ist mit dem so eleganten Ilkay Gündogan? Spielt er? Wenn ja, wo? Vor oder neben Kroos wirkte er zuletzt etwas unpräsent. Bekommt Julian Brandt endlich Konstanz in sein so feines Spiel? Welche Rolle findet sich für Kai Havertz? Auch Leon Goretzka ist eigentlich kaum verzichtbar, obwohl es keine klare Postion für ihn gibt. Ist Timo Werner wirklich auch gegen tiefstehende Gegner eine torgefährliche Konstante? Und kann Marco Reus endlich sein Versprechen auf eine tragende DFB-Rolle einlösen? Es sind bloß einige von noch so viel mehr Fragen.

Vier Spiele (!) hat Löw bis zum EM-Start nur noch Zeit, um Antworten zu finden. Das Personal-Rätsel zu entschlüsseln, eine stabile Achse zu formen, neue Hierarchien zu finden. Eine knackige Aufgabe. "Die Pause", gestand der Bundestrainer dann auch, "tut uns weh. Aber wir gehen zufrieden in diese Pause. Ich wünsche mir, dass im nächsten Jahr alle gesund sind und auch einen guten Rhythmus aufnehmen". Den Rhythmus einer jungen, einer neuen Mannschaft. Einer, die den Umbruch hinter sich hat. Und die kreativen Hobbyphilosophen des Fanclubs Nationalmannschaft träumen bereits von einer neuen "goldenen Zeit". Die Last ist weg. Endgültig.

Quelle: n-tv.de

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