Fußball

Lewandowski trifft nicht (!) Das absolut nicht beste Spiel des FC Bayern

Zwei Spiele, sechs Punkte - der FC Bayern München ist in der Champions League voll auf Achtelfinalkurs. Lokomotive Moskau hätte die Münchner Siegesserie in Europa jedoch beinahe gestoppt. Die Abwehr der Mannschaft von Trainer Hansi Flick offenbart einige Schwächen.

Wenn wirklich nichts mehr hilft, wenn niemand aus der in diesen Monaten womöglich besten Offensive des Weltfußballs eine gute, eine gewinnbringende Idee hat, dann muss der Ball eben zum "Jo". So nennt der Bundestrainer seinen derzeit wuseligsten und gierigsten deutschen Fußballer. So nennt Joachim Löw seinen Mittelfeld-Mini-Gladiator Joshua Kimmich. Und so spielte der FC Bayern, bei dem eben nichts mehr half, bei dem keiner mehr eine wirklich gute Idee hatte, den Ball an diesem Dienstagabend in Moskau zu Joshua Kimmich. Javi Martinez, hauptberuflich Wadlbeißer und damit eher für das Ressort "robuste Angelegenheiten" im feinen Gesamtspielwerk der Münchner zuständig, passte den Ball in der 79. Minute ganz simpel, aber sehr hochwertig zum 25-Jährigen.

Was der dann machte, war durchaus anspruchsvoll und bemerkenswert. Er nahm den scharfen Pass des Spaniers an, legte sich den Ball dabei ein wenig hoch, drehte sich um, traf aus gut 20 Metern sehenswert zum 2:1 (1:0)-Erfolg des Titelverteidigers bei Lokomotive Moskau. Nach zwei Spieltagen in der neuen Saison der Champions League steht die Mannschaft von Coach Hansi Flick damit bei der optimalen Ausbeute von sechs Punkten. Der Weg in die Knockout-Runde ist bereits geebnet. Das klingt in der Summe nach einem ziemlich guten Abend. Der war's aber eigentlich nicht, wie die Münchner sich selbst eingestanden.

"In einigen Situationen Glück"

FC Lokomotive Moskau - Bayern München 1:2 (0:1)

Moskau: Guilherme - Schiwogljadow, Corluka (46. Rajkovic), Murilo, Rybus - Ignatjew (76. Schemaletdinow), Kulikow (89. Lisakowitsch), Mirantschuk - Krychowiak, Smolow (75. Rybtschinsky) - Ze Luis. - Trainer: Nikolic

München: Neuer - Pavard, Süle, Alaba, Hernandez - Kimmich, Goretzka (46. Martinez) - Thomas Müller (46. Gnabry), Tolisso, Coman (69. Douglas Costa) - Lewandowski. - Trainer: Flick

Schiedsrichter: Istvan Kovacs (Rumänien)

Tore: 0:1 Goretzka (13.), 1:1 Mirantschuk (70.), 1:2 Kimmich (79.)

"Wir wussten, dass es unangenehm wird. Aber wir haben es uns auch selber schwer gemacht", ärgerte sich Kimmich. "Wir haben zu einfach die Torchancen zugelassen. Am Ende gewinnen wir es trotzdem, das spricht für unsere Qualität. Aber wir hatten in einigen Situationen Glück. Man muss sagen, dass das absolut nicht unser bestes Spiel war." Ähnlich sah's dann auch Flick. Die Mannschaft habe 2020 bislang so oft herausragende Leistungen gebracht. Nun war es dann halt ausnahmsweise mal ein Arbeitssieg. Ist ja auch eine schöne Erkenntnis für den Trainer. Muss eben nicht immer eine Gala mit Wucht und Genialität sein. Ein bisschen dosierter im Aufwand und trotzdem mit bestem Ertrag, das ist ganz sicher keine schlechte Kompetenz für diese massiv eng getaktete Corona-Saison.

Die brutale Gewinner-Qualität verkörperte am Dienstagabend wieder mal Juniorchef Kimmich. Der Mann, der gemeinsam mit Thomas Müller und Leon Goretzka - der hatte die frühe Führung nach einem "sensationellen" Spielzug (so Flick) per Kopf erzielt -, das Mittelfeld des FC Bayern sehr erfolgreich lenkt, wird für den Rekordmeister immer mehr auch zum Spielentscheider. Vor allem auch dann, wenn der unglaubliche Robert Lewandowski tatsächlich mal 90 Minuten erwischt, in denen er nicht trifft. Dass so etwas in einem Pflichtspiel überhaupt möglich ist, dürfte bei der Konkurrenz als Angleichen der Chancen verstanden werden (ist es in Wahrheit natürlich nicht, aber träumen ist ja immer gern gesehen und erlaubt). In der vergangenen Saison vorentschied Kimmich die Meisterschaft mit seiner kleinen Tor-Genialität im Topspiel gegen Borussia Dortmund. Gegen den gleichen Gegner slapstickte er seine Mannschaft zuletzt nach einem Wucht-Solo zum Supercup-Triumph.

Und Kimmich, dieser ewig gierige, gallige und perfektionistische Anführer, der haderte in Moskau nicht nur mit der Teamleistung, sondern auch mit sich selbst. Denn ihm war etwas passiert, das ihm doch "peinlich" war. Und es war nicht das "falsche Trikot", das er eine Halbzeit lang getragen hatte (was nur ein bisschen peinlich war). Es war ein doch ziemlich bizarrer Fehlschuss. Nach flacher Flanke aus dem rechten Strafraumkorridor stand Kimmich in der Mitte vollkommen frei. Aus drei Metern musste er nur noch einschieben. Irgendwie schaffte es aber Slobodan Rajković, sich noch in den Weg zu stellen und den Ball abzublocken. "Das war die Riesenchance auf das 2:0, da muss ich das Spiel eigentlich entscheiden."

"... da sind lange Bälle in die Tiefe unangenehm"

So wurde es, wie Kimmich selbst fand, durchaus noch einmal kribbelig. Denn die Gastgeber krönten ihre gute Leistung tatsächlich noch mit dem (zwischenzeitlichen) Ausgleich. Der sehr quirlige Angreifer Zé Luis bediente nach einem Flankenlauf (er war Lucas Hernández entwischt) Anton Mirantschuk, der im Zentrum Manuel Neuer überwinden konnte. Es war ein Angriff der Russen, der einem sich wiederholenden Muster folgte. Ein Angriff, der die Abwehr des Rekordmeisters immer mal wieder in Verlegenheit stürzte. Der Kapitän des FC Bayern, der öfter ins Spiel eingreifen musste, als er das seit Monaten gewohnt ist, war ohne Chance.

"Wir mussten viel dafür tun, um die drei Punkte mitzunehmen. Lokomotive hat es gut gemacht", sagte Neuer, der die überraschend vielen Nachlässigkeiten seiner Vorderleute aber generös verteidigte: "Es ist grundsätzlich unsere Spielweise, dass wir hoch stehen und den Gegner vorne attackieren, da sind lange Bälle in die Tiefe unangenehm", sagte er. "Wir haben auch gegen schnelle Spieler gespielt, dass da mal etwas passieren kann, ist denke ich normal."

Auch Flick beheimatete die Schwächen seiner Defensive in der gut durchdachten Spielidee der Russen. "Moskau hat es sehr gut gemacht, sie standen sehr tief und haben immer mal wieder mit langen Bällen agiert. Von daher haben sie uns schon das eine oder andere Mal weh getan, weil wir teilweise viele unnötige Meter laufen mussten", haderte der Bayern-Coach. "Das 2:1 war verdient, auch wenn es nicht ganz so klar war, wie wir es uns vorgenommen haben. Es ist normal, dass man solche Spiele hat. Wenn man die gewinnt, ist das umso schöner."

Auffällig beim FC Bayern ist mittlerweile die brutale Torgefahr aus dem Mittelfeld, das sich zunehmend zur Kraftquelle des Münchner Spiels entwickelt. Beim 4:0-Auftakterfolg gegen Atlético Madrid hatten bereits Corentin Tolisso und Goretzka getroffen. Und nun erneut Goretzka und halt auch wieder Kimmich. "Klar, ich freu' mich, dass unsere Mittelfeldspieler torgefährlich sind", sagte Flick nach "den Toren unserer Sechser". Und wenn die dann auch noch so schön sind, dann freut sich der Trainer mutmaßlich noch ein wenig mehr. Selbst wenn's am Ende doch eher ein "dreckiger" Sieg war.

Quelle: ntv.de, tno