Fußball

Fußball-Zeitreise, 6. 10. 2001 Das absolut reine Gewissen des C. Daum

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Die Geschichte hält das Land im Herbst 2001 über Wochen in Atem und teilte es in zwei Lager: Pro Daum oder pro Hoeneß. Was sich abspielt, hätte in Hollywood verfilmt werden können. Eine irre Story mit einer bis heute ungeklärten Wendung.

Was genau an diesem 6. Oktober 2001 passiert ist, weiß nur Christoph Daum selbst. Im Nachhinein können wir aber sagen: Es ist der Tag, an dem die Geschichte vom tiefen Fall eines großen Hoffnungsträgers der Republik zum geächteten Kokain-Schnupfer, der das Land schließlich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verlässt, endgültig außer Kontrolle gerät. Am nächsten Tag schlägt die DFB-Elf England in Wembley nicht nur mit 1:0 - Daum erklärt sich auch bereit, sich einer freiwilligen Haaranalyse zu unterziehen. Von nun an ist das Chaos, das seit knapp einer Woche Deutschland in Atem hält, komplett perfekt.

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"Ich habe noch keinen Beweis": Uli Hoeneß.

Rückschau: Als Erich Ribbeck nach der katastrophalen Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden seinen Posten räumen muss, bildet man beim DFB eine Task-Force, deren Chef Karl-Heinz Rummenigge ist. Diese schafft es, Christoph Daum davon zu überzeugen, nach der Saison Bayer 04 Leverkusen zu verlassen, um die Nationalelf zu übernehmen. Teil des Deals: Übergangsweise wird Rudi Völler zum Bundestrainer ernannt. Doch dann wird die Sache kompliziert. Da Völler schnell erste Erfolge feiert, während es in Leverkusen für Daum nicht mehr richtig rund läuft, entbrennt Ende September eine Diskussion über die Frage, ob Daum tatsächlich noch der geeignete Bundestrainer sei.

Da Bayer so schwächelt, reagiert Calmund zunehmend empfindlich und deutet an, den Schwarzen Peter nach München zu schieben: "Wenn es Christoph nicht machen sollte, wenn er bei uns bleiben will oder ins Ausland geht, dann ist Ottmar Hitzfeld aufgerufen, Bundestrainer zu werden." Und Daum selbst sagt: "Nichts ist klar. Die Verträge sind noch nicht unterschrieben." Die Lawine gerät ins Rollen, als Uli Hoeneß am 27. September 2001 in München zur "Abendzeitung" sagt: "Der DFB kann doch keine Aktion 'Keine Macht den Drogen" starten, und Herr Daum hat damit vielleicht etwas zu tun." Der Manager des FC Bayern spricht auch von den Gerüchten über "Prostitution" und "Erpressungsversuchen", die über Daum im Umlauf seien. Diese Passage wird übrigens zwei Wochen später von Hoeneß und der "Abendzeitung" widerrufen.

"Nie Drogen konsumiert"

Sein Fazit: "Wenn alles Fakt ist, worüber geschrieben wurde, auch unwidersprochen, über den verschnupften Daum, dann kann er nicht Bundestrainer werden. Ich habe noch keinen Beweis. Aber wenn ihn einer erbringt, dann mache ich das nicht mit." Daum kontert gereizt, er werde sich am 9. Oktober zu den Vorwürfen äußern. Absurde Gerüchte machen die Runde. In Medienkreisen spekuliert man gar darüber, dass Ergebnisse einer Nasenscheidewand-Operation aus dem Jahr 1996 veröffentlicht werden sollen. Doch dann muss Christoph Daum am 6. Oktober die Sache über den Kopf gewachsen sein. Am nächsten Tag tut er etwas vollkommen Überraschendes. Er geht als Beschuldigter in die Offensive und kündigt an, eine Haarprobe abzugeben. Als er dies dann zwei Tage später tatsächlich tut, erklärt er: "Diese Haarprobe wurde unter notarieller Aufsicht entnommen, versiegelt und wird heute dem Institut für Gerichtsmedizin in Köln übergeben. Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe."

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Willlommen in Cottbus.

(Foto: imago sportfotodienst)

Sein Anwalt Matthias Prinz sagt, dass Daum "lückenlos nachweisen kann, nie Drogen konsumiert" zu haben. Fußball-Deutschland ist mittlerweile in zwei Lager gespalten: Die Daum-Anhänger und die Hoeneß-Befürworter. DFB-Präsident Mayer-Vorfelder will klare Verhältnisse schaffen: "Die Sache kann nicht beerdigt werden. Sie muss ausgetragen werden. Es muss auf den Tisch, wer Recht hat. Und dann müssen gegebenenfalls Konsequenzen gezogen werden."

Nach einem DFB-Friedensgipfel mit Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, Calmund und Hoeneß verkündet Daum, der selbst nicht teilgenommen hatte, vollmundig: "Die Voraussetzung für ein Gespräch zwischen Gerhard Mayer-Vorfelder, Uli Hoeneß und mir ist, dass sich Uli Hoeneß bei meinen Kindern und mir in aller Form persönlich entschuldigt." Unterdessen geht der Ligaalltag weiter. Hoeneß wird bei der 0:1-Niederlage der Münchner in Cottbus übel vom Publikum beschimpft ("Hoeneß, mach dich ins Sanatorium"). Doch dann kommt endlich Klarheit in die Geschichte: Das Ergebnis der Haarprobe ist da. Nicht wie vorgesehen am 13. Oktober, sondern erst eine Woche später, weil die Mediziner die Probe insgesamt dreimal untersuchen.

"Dann bist du krank, Junge"

Sie sind von den "extrem hohen Werten" so überrascht, dass sie auf Nummer sicher gehen wollen. Hoeneß sagt: "Dass die Haarprobe positiv war, hätte ich nie für möglich gehalten. An dem Freitagabend, als das Ergebnis intern in Leverkusen auf dem Tisch lag, gab mir Reiner Calmund einen Tipp. Am folgenden Sonntag wollte Daum mit mir in Frankfurt eigentlich über seine Schadenersatzforderung verhandeln." Die Bundesliga wundert sich, wie der Leverkusens Trainer, der noch in der Nacht, nachdem das Ergebnis feststeht, in die USA fliegt, die Haarprobe in Auftrag geben konnte. Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser mutmaßt: "Ich glaube, dass Christoph Daum nicht mehr rational gehandelt hat." Völler sagt noch unter Schock: "Matthias Sammer, Reiner Calmund und ich werden versuchen, ihm zu helfen." Und der ebenfalls völlig überraschte Calmund: "Ich habe dem Christoph gesagt: Wenn die Probe stimmt, dann bist du krank, Junge, dann helfe ich dir."

Noch am Tage der Verkündung der Ergebnisse resümiert Franz Beckenbauer: "Er ist möglicherweise krank. Jeder kann von einer Krankheit geheilt werden. Wenn Christoph Daum gesund ist, warum soll er dann nicht auf die Trainerbank zurückkehren?" Wenige Tage später steht fest: Völler übernimmt den Posten als Bundestrainer endgültig. Und bis heute ist es ein Rätsel, was an diesem 6. Oktober 2001 passiert sein muss, dass Daum auf die irrsinnige Idee kam, am nächsten Tag zu verkünden: Ja, ich unterziehe mich einer freiwilligen Haarprobe.

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Quelle: n-tv.de

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