Fußball

Unglücklicher Gewinner Dem BVB stürzt das System ab

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Am Ende stehen drei Punkte - doch Erleichterung und Leichtigkeit sieht anders aus.

(Foto: imago images / DeFodi)

Kurzfristig holt sich Borussia Dortmund die Tabellenführung zurück - so richtig zufrieden ist nach dem Spiel jedoch niemand. Die Elf von Trainer Favre offenbart so elementare Schwächen gegen Mainz 05, dass die Meisterschaft kaum noch realistisch erscheint.

Vor einer Woche, nach dem 0:5-Debakel in München, hat sich neben vielen anderen Experten auch Leonardo Dede zu Wort gemeldet und den Fußballern vom Bundesliga-Erstligisten Borussia Dortmund Mut zugesprochen. Er habe auch schon hoch gegen die Bayern verloren, berichtete die BVB-Ikone, "und das Leben ging danach weiter". Er glaube immer noch fest an den Titelgewinn des Klubs seines Herzens. Überhaupt liege "der große Druck jetzt bei den Bayern, die die Spitze verteidigen müssen".

So weit die Theorie aus Sicht eines lebenslustigen Brasilianers. Von dieser besonderen Situation, in der Sportlern die Erwartungshaltung wie ein schwerer Rucksack auf den Schultern lastet, will Torhüter Roman Bürki nichts wissen. "Wir müssen gar nichts", betonte der Schweizer vor dem Spiel gegen Mainz 05: "Wir können befreit aufspielen." Klingt erst einmal gut, allerdings nicht wirklich glaubwürdig, nachdem die Dortmunder ihrem Konkurrenten aus dem Süden Mitte Dezember noch um neun Punkte enteilt waren.

Keine Leichtigkeit des Seins

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Torwart Bürki ist der wackelige Sieg gegen die Mainzer zu verdanken.

(Foto: imago images / Team 2)

Die Realität stellt sich fundamental anders dar. Von einer Leichtigkeit des Seins, die Mannschaften beseelt, die nichts zu verlieren haben, ist bei Borussia Dortmund derzeit rein gar nichts zu sehen. Der BVB gewann gegen Mainz vor 81.365 Zuschauern zwar mit 2:1 (2:0), geriet dabei allerdings in der zweiten Halbzeit dermaßen ins Taumeln, dass es nur einer gehörigen Portion Glück und dem überragenden Torhüter Roman Bürki zu verdanken war, dass ein veritabler Niederschlag vermieden wurde.

Die gute Nachricht: Der Herausforderer des Dauermeisters erkämpfte sich - zumindest für einen knappen Tag - die Tabellenführung zurück. Doch davon war nach dem Abpfiff kaum die Rede. Sehr viel dringlicher erschien es, den kompletten Absturz aller Systeme in der vogelwilden zweiten Halbzeit zu thematisieren. Nach einem mehr als ansehnlichen ersten Durchgang, in der Jadon Sancho die Dortmunder mit zwei Treffern in Führung schoss, versteckten sich die Gastgeber hernach bis zur Unkenntlichkeit. Wohlgemerkt gegen Mainz 05, kein Schwergewicht des europäischen Fußballs, sondern die Nummer zwölf in der nationalen Hierarchie.

Spätestens nach dem Anschlusstreffer der Rheinhessen brach bei der Borussia die blanke Panik aus. Es war eine Hilflosigkeit, die erhebliche Zweifel an der Titeltauglichkeit des siebenfachen Meisters aufkommen ließ. Eigentlich hatten es sich die Dortmunder fest vorgenommen, das Debakel von München abzuhaken und nur noch in die Zukunft zu blicken. Doch angesichts der finalen 45 Minuten gegen Mainz dürfte es dringend angezeigt sein, die Ursachenforschung zu vertiefen. "Die zweite Halbzeit war richtig schlecht", gab Kapitän Marco Reus reichlich zerknirscht zu Protokoll: "Das ist für mich unerklärlich."

"Nur das Ergebnis zählt. Oder?"

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Für Favre zählt nur das Ergebnis.

(Foto: imago images / Team 2)

Aufklärung hätte man sich von Trainer Lucien Favre erhofft, der sich beim bedenklich taumelnden Meisterschaftsanwärter für die sportlichen Belange verantwortlich zeichnet. Doch der Schweizer gab sich mal wieder wenig auskunftsfreudig: "Wir haben gewonnen, nur das Ergebnis zählt. Oder?"

Wenn es so leicht wäre. Doch wer Borussia Dortmund im Schneeregen nach dem Seitenwechsel agieren sah, kann sich kaum vorstellen, dass diese Mannschaft den Branchenführer aus München auf der Zielgeraden der Saison tatsächlich noch distanzieren kann. Es ist absolut unerklärlich, warum der Titelaspirant nach einer solch dominanten ersten Halbzeit das Heft dermaßen aus der Hand gab. Reus räumte ein, dass sich ein gewisser Schlendrian in das Spiel des BVB eingeschlichen hatte: "Wenn du zehn bis fünfzehn Prozent nachlässt, dann reicht es einfach nicht in der Bundesliga."

Offenbar handelt es sich bei der Borussia aus dem Ruhrgebiet um ein mentales Defizit, dass sie daran hindert, so fulminant zu wirbeln wie in der Hinrunde. Zumindest mochte Reus für den Einbruch in der zweiten Hälfte keine konditionellen Ursachen konstatieren: "Wir hatten ja keine englischen Wochen."

Am Ende eines überraschend turbulenten Abends mussten sich die Dortmunder bei ihrem Torhüter Roman Bürki bedanken, dass sie das Rennen um die Meisterschale weiter offen halten durften. Der Schweizer rettete den Sieg in der Endphase mit einer spektakulären Dreierparade, die in jedem Saisonrückblick gezeigt werden dürfte, falls die Borussia am Ende der Spielzeit tatsächlich oben notiert sein sollte. Nach dem Abpfiff wurde der Torhüter von den Fans im Stadion frenetisch gefeiert, doch trotz all der Ovationen hatte der Matchwinner seinen Realitätssinn nicht verloren: "Ich bin nicht glücklich über dieses Spiel".

Quelle: n-tv.de

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