Fußball

Europaliga-Dusel in Bergamo Der BVB mutiert zu Fortuna Dortmund

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Marcel Schmelzer schoss den BVB in Bergamo ins Fußballglück.

(Foto: REUTERS)

Nur mit viel Glück verhindert Dortmund in Bergamo den Europaliga-Blitz-K.-o. Zum Retter wird Kapitäns-Joker Schmelzer per überlebenswichtiger Tor-Rarität. Die BVB-Fans provozieren die Uefa. Ein Dortmunder beklagt Rassismus.

Nach dem Abpfiff sank Nuri Sahin auf die Knie und beugte seinen Kopf voller Demut nach vorn. Ob der Türke aus Meinerzhagen ein Stoßgebet in den italienischen Nachthimmel schickte, um sich beim Fußballgott oder wem auch immer für die glückliche Fügung zu bedanken, im Dauerregen nicht ausgeschieden zu sein, ist nicht überliefert. Angebracht wäre dieser Akt allemal gewesen. Darüber waren sich alle einig, die mit Borussia Dortmund zu tun haben.

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Unter Peter Stöger spielt der BVB nicht schön, aber erfolgreich.

(Foto: dpa)

Erst in der 83. Minute gelang BVB-Kapitän Marcel Schmelzer der Ausgleichstreffer gegen Atalanta Bergamo zum späteren Endstand von 1:1 (0:1). Das späte Erfolgserlebnis beim alles in allem schmeichelhaften Remis in der ersten K.o.-Runde der Europa League wurde von den Beteiligten als das eingestuft, was es war: Kein Resultat, das sich die Mannschaft wirklich verdient hatte. Nach dem ebenfalls schmeichelhaften 3:2 im Hinspiel reichte das Remis, um weiter davon träumen zu dürfen, im Mai den letzten Pokal zu holen, der dem Traditionsklub noch fehlt. "Es ist doch klar, dass es glücklich ist, wenn du so spät den Ausgleich machst", sagte Trainer Peter Stöger. Ihm war die Erleichterung darüber anzusehen, dass es noch einmal gereicht hatte. Nationalspieler Mario Götze war sie auch anzuhören: "Wir haben viel investiert und dann mit Glück den Ausgleich gemacht. Wir sind sehr, sehr erleichtert, dass wir weitergekommen sind."

Hässliche Visitenkarte

Die Leistung der Mannschaft auf dem Rasen war alles andere als glorreich, das Benehmen einiger Fans auf den Rängen war regelrecht schlimm. Die mitgereisten Fans benahmen sich erneut daneben. Nicht zum ersten Mal in dieser Saison wurde im Dortmunder Block jede Menge Pyrotechnik abgefackelt, es flogen auch noch Leuchtkugeln in die Zuschauerränge und auf das Spielfeld. Die Visitenkarte, die der BVB damit in Europa abgibt, ist hässlich. Irgendwann wird es die Uefa nicht mehr bei Geldstrafen belassen, sondern mit drastischen Maßnahmen wie Platzsperren reagieren.

*Datenschutz

Inakzeptabel war aber auch das Benehmen einiger Bergamo-Fans, die BVB-Stürmer Michi Batshuayi nach dessen Angaben mit Affenlauten rassistisch beleidigten. "2018 und ihr macht auf den Rängen Affenlaute... wirklich?!", twitterte der belgische Nationalspieler nach dem Spiel in Richtung der italienischen Fans. Atalanta-Präsident Antonio Percassi erklärte, die Laute nicht gehört zu haben, betonte aber: "Wenn es passiert ist, macht mich das traurig. Ich entschuldige mich bei Batshuayi. Das darf niemals vorkommen." Bergamo hatte erst im vergangenen Monat eine Blocksperre erhalten, nachdem Kalidou Koulibaly vom SSC Neapel rassistisch beleidigt worden war.

Nicht viel von Männerfußball

Spielerisch forderte die Borussia erneut das Schicksal heraus - und kam einmal mehr glimpflich davon. Dass sich die börsenorientierten Fußball-Glücksritter nun in Fortuna Dortmund umbenennen werden, ist kaum zu erwarten. Zumal eindeutig ist: Die Dortmunder Fortune geht langsam aber sicher zur Neige.

In Reggio Emilia, dem europäischen Ausweichspielort von Atalanta Bergamo, zeigte der BVB eine holprige Vorstellung. Die war weit davon entfernt, als abgeklärt und souverän durchzugehen. Vor allem während der blutleeren Vorstellung der ersten Halbzeit sah Stöger "sehr wenig von dem, was wir uns vorgenommen haben". Der Österreicher monierte, "zu wenig Präsenz in den Zweikämpfen. Das war körperloses Spiel, das hat nicht viel von Männerfußball gehabt." Dass fußballerische Primärtugenden wie Kampf und Leidenschaft bei der Borussia unterrepäsentiert sind, ist für jeden Beobachter offensichtlich.

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Zu langsam als Abfangjäger vor der Abwehr: Nuri Sahin.

(Foto: AP)

Die größte Problemzone, so hat Stöger inzwischen erkannt, ist nicht die so oft kritisierte letzte Verteidigungsreihe, sondern der Bereich vor der Abwehr. Dort, wo es gilt, die gegnerischen Angriffsbemühungen frühzeitig zu stören, entfaltet der BVB zu wenig Wucht. Im Dortmunder Kader gibt es zu viele Feingeister, die ihre Aufgaben gerne spielerisch lösen, und zu wenige Krieger, die sich auch mal resolut dazwischenwerfen. "Wenn du im Offensivspiel die Bälle nicht behauptest und für keine Entlastung sorgst, ist es nicht unser Spezialgebiet, sich dagegen zu stellen und Angriffe aufzufangen", hat der Österreicher beobachtet. "In diesem Bereich", so Stöger, "sind wir noch nicht so weit, wie wir es gerne hätten." Auf der Position des sogenannten Sechsers schwächeln die Dortmunder signifikant.

Sven Bender, der dem vermissten Anforderungsprofil noch am ehesten entspricht, wurde nach Leverkusen abgegeben. Nuri Sahin hat sich für höhere Weihen als zu langsam erwiesen, Gonzalo Castro ringt seit Wochen um seine Form, der ehemalige Gladbacher Mahoud Dahoud ist noch immer nicht richtig in Dortmund angekommen. Und auch Julian Weigl, der gegen Bergamo gelbgesperrt zuschauen musste, ist meilenweit von der Verfassung entfernt, die ihn unter Thomas Tuchel zur viel bestaunten Entdeckung und zum Nationalspieler gemacht hatte.

Bescheidene Leistungen, Top-Resultate

Gegen Bergamo wurden Sahin und Dahoud mit der Aufgabe betraut, vor der Abwehr aufzuräumen. Überzeugend war ihre Vorstellung nicht. Die Kritik großer Teile der Medien, die der Mannschaft vorwerfen, zwar erfolgreichen aber keinen attraktiven Fußball zu bieten, lässt Stöger mit der ihm eigenen Wiener Gelassenheit an sich abprallen. Stattdessen verweist er auf die Zahlen: "Ich bin nicht beleidigt und nehme das zur Kenntnis. Wir können viel diskutieren, was Anspruch und Wirklichkeit ist. Fakt ist, wir haben zusammen elf Spiele gemacht und davon nur das Pokalspiel in München verloren."

Ähnlich sieht es Kapitän Schmelzer, der nach überstandener Wadenverletzung in der zweiten Halbzeit ins Spiel kam und mit einem seiner ganz seltenen Tore in der Schlussphase zum Helden avancierte: "Ob glücklich oder verdient ist mir völlig egal. Das könnt Ihr Journalisten werten, wie Ihr wollt. Hauptsache, wir sind eine Runde weiter." Dass der Traum vom Gewinn der Europa League immer noch lebt, war tatsächlich das Positivste an einem verregneten Winterabend im Herzen Italiens.

Quelle: n-tv.de

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