Fußball

"Es fühlt sich sch... an" Der BVB schwankt zwischen "oh" und "ohje"

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Tja, er hätte es machen können. Er hätte es machen müssen.

(Foto: imago images/Horstmüller)

Borussia Dortmund hat die Chance, aber Borussia Dortmund hat sie vertan. Im Supercup gegen den FC Bayern liegt die Mannschaft erst klar zurück, kommt dann aber beeindruckend zurück, um schließlich doch zu scheitern. Und das alles weil der BVB ist, wie er ist.

Das Passspiel von Borussia Dortmund war bisweilen reichlich grausam. Ein einfacher Ball, einfach in die Mitte des Feldes gespielt, das kostet in der Kreisliga 'ne Kiste. Und mit all den Kisten, die sich die Spieler von Trainer Lucien Favre in der ersten Halbzeit verdienten, hätte man sich tüchtig voll machen können. Denn in München, wo der deutsche Supercup zwischen dem titelakkordenden FC Bayern und dem BVB stattfand, war am Mittwochabend alles wie immer. Die Münchner, in welcher Form auch immer sie vor dem Duell mit ihrem härtesten Rivalen waren, dominierten. Und die Dortmunder, in welcher Form auch immer sie vor dem Duell mit ihrem härtesten Rivalen waren, verkrochen sich in ihre Angsthöhle.

Die Arena in Fröttmaning, sie ist in den vergangenen Jahren stets der Ort der größten Demütigungen des BVB gewesen, abgesehen von so manch einer Peinlichkeit gegen Aufsteiger in der letzten Saison. Mit dem sportlichen Horror von 1:5, 1:4, 0:6, 0:5, 0:4 reisten die Borussen also an - und nach 32 Minuten durften sie davon ausgehen, dass mit einer weiteren deftigen Abreibung wieder abreisen würden. Thomas Müller hatte gerade eine sensationell schöne und weiche Flanke von Alphonso Davies per Kopf zum 2:0 für den FC Bayern verwertet, zuvor hatte bereits Corentin Tolisso getroffen, da schauten die Dortmunder, wie sie oft schauen, wenn die Torhymne durch die (diesmal wieder leere) Arena gejagt wird. Sie schauten bedröppelt. Allesamt.

Dass sich die Mannschaft von Lucien Favre am Ende darüber ärgern musste - und das auch tat -, dass sie eine große Möglichkeit verspielt hatten, den Münchnern auch mal einen Titel zu vergeigen, das war in dieser 32. Minute nicht vorhersehbar. Mit 2:3 (0:2) aus Sicht des BVB endete der Supercup, der in einer Saison mit maximaler Terminschwere noch irgendwie dazwischen gequetscht werden musste. Über den Sinn und Unsinn dieser Ansetzung darf man sicher streiten.

Sogar für eine Weltklasse-Abwehr zu schnell

Weniger umstritten ist indes: Dieses Spiel war sehr unterhaltsam. Weil die Bayern bisweilen eben die Bayern waren und weil der BVB spektakulär zwischen "Oh"- und "Ohje"-Momenten changierte. So fatal sie teilweise die Bälle im Aufbau herschenkten, auch der späte Slapstick-Siegtreffer vom willenswuchtigen Titelmonster Joshua Kimmich (82.) fiel nach einer Unaufmerksamkeit im Mittelfeld, so berauschend kombinierte sich die Borussia durch die Arena.

FC Bayern - Borussia Dortmund 3:2 (2:0)

Tore: 1:0 Tolisso (18.), 2:0 Müller (32.), 2:1 Brandt (39.), 2:2 Haaland (55.), 3:2 Kimmich (82.)
München
: Neuer - Pavard (76. Richards), Süle, Hernandez, Davies - Kimmich, Martinez (84. Musiala), Tolisso - Müller, Coman (54. Gnabry) - Lewandowski (83. Zirkzee). - Trainer: Flick
Dortmund: Hitz - Can, Hummels (76. Piszczek), Akanji - Meunier (67. Schulz), Dahoud, Delaney, Passlack - Brandt (76. Bellingham), Reus (72. Reyna) - Haaland (68. Renier). - Trainer: Favre
Schiedsrichter: Bibiana Steinhaus (Langenhagen)
Zuschauer: keine (in München)
Gelbe Karten: Hernandez

Wie schnell, wie souverän und abgezockt die Dortmunder, bei denen diesmal mit Giovanni Reyna, Jude Bellingham (beide zunächst nur auf der Bank) und Jadon Sancho (krank) drei spektakuläre Youngster fehlten, spielen können, das zeigte sich unter anderem beim 1:2. Mit aggressivem Pressing ergaunerte sich der BVB den Ball. Über Marco Reus und Erling Haaland blitzkombinierten sich die Borussen zu Julian Brandt, der schließlich technisch überragend abschloss und den Ball im Eins-gegen-eins an Manuel Neuer vorbeidrosch. Das alles ging selbst für eine Weltklasse-Abwehr ein wenig zu schnell.

Und auch beim 2:2 (55.) war die Defensive der Münchner staunender Zuschauer von Balleroberung, Pass, Schuss und Tor. Diesmal zockte Haaland den Ball lässig an Neuer vorbei. "Wir haben viele Sachen richtig gemacht", lobte Favre. "Wir haben gut gepresst. Die Balleroberungen waren da, und wir haben uns einige Torchancen erarbeitet. Das war gut." Was nicht so gut war: "Man bekommt gegen Bayern nicht so viele hundertprozentige Torchancen. Eine von denen muss dann sitzen", analysierte Brandt. "Da müssen wir die Hartnäckigkeit haben, die dann auch zu machen.

Vier Minuten nach dem Ausgleich dann fast die gleiche Szene. Wieder hat Haaland den Ball, wieder ist er frei. Wieder wartet nur noch Neuer, doch diesmal ist der Keeper da, pariert sensationell. In nicht mal 15 Minuten hätte der BVB seinen Halbzeitfrust in einen Goldrausch veredeln können. Aber so war am Ende alles wie immer - und nicht ganz so katastrophal.

Die Niederlage tue "sehr weh", sagte Haaland, "wir hätten gewinnen sollen und können. Es fühlt sich sch... an, weil wir so nah dran waren." Weil er so nah dran war. "Ich hätte ein Tor mehr schießen müssen." Aber Neuer habe eben auch gezeigt, warum er so ein guter Keeper ist. Er bleibt stehen - 97 Prozent der Torhüter gehen runter und ich treffe. Aber nicht dieser Typ!" Das sei eben noch "der Unterschied zwischen den Besten der Welt und uns: Sie ziehen diese Spiele zu sich rüber und gewinnen sie."

Quelle: ntv.de