Sport
Die Fans in Turin verehren Cristiano Ronaldo.
Die Fans in Turin verehren Cristiano Ronaldo.(Foto: imago/ZUMA Press)
Mittwoch, 11. Juli 2018

Ronaldos Wechsel ist kein Gag: Der Besessene stillt seine Sehnsucht

Von Tobias Nordmann

Nach neun erfolgreichen Jahren verlässt Cristiano Ronaldo Real Madrid. Mit einem emotionalen Brief beendet er die Zweckehe. Bei seinem neuen Klub Juventus Turin findet der Weltfußballer nun, was er zuletzt vermisst hat.

War's das Geld? Natürlich war's das Geld! Darum geht's doch schließlich immer. Auch Cristiano Ronaldo. Der verdient nach seinem Wechsel zu Juventus Turin nun sieben bis neun Millionen Euro mehr - netto. Pro Jahr. Aber erklärt das allein, warum der fünffache Weltfußballer mit Real Madrid die wohl stärkste Vereinsmannschaft verlässt, um bei einer schwächeren zu unterschreiben? Wenn es dem 33-Jährigen lediglich um die Gage gegangen wäre, wäre er vermutlich nicht zum italienischen Meister gewechselt. In China oder auch Japan hätten sich garantiert Oligarchen oder Investoren gefunden, die für Ronaldo viel mehr geboten hätten, als die 30 Millionen jährlich, die er nun verdient. Dieses Netto-Gehalt macht den nach eigenem Verständnis besten Fußballer der Welt zwar nicht zum bestbezahlten Fußballer der Welt, aber immerhin rückt er nah heran an Neymar (Paris St. Germain) und Lionel Messi (FC Barcelona), die rund 35 Millionen verdienen sollen.

Datenschutz

Warum also der Abgang? Warum nicht mehr Real Madrid? Warum Juventus Turin? Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht, dafür ist Cristiano Ronaldo ein zu komplexer Typ. Ausschließen können wir nur eines: Dieser Wechsel ist alles andere als Unsinn, er ist kein PR-Gag, er ist nicht bloß von Geld-Gier getrieben. Auch wenn der Portugiese in Madrid davon zuletzt mehr gefordert haben soll. Ronaldo ist zuallererst Sportler. Der vielleicht ehrgeizigste und besessenste den es überhaupt gibt. So erinnert sich sein ehemaliger Mitspieler Patrice Evra an eine Partie Tischtennis zwischen Ronaldo und Rio Ferdinand bei Manchester United: "Rio hat ihn besiegt, alle haben gejubelt, doch Cristiano war total traurig." Eine Niederlage, die der Portugiese nicht akzeptieren konnte. "Noch am gleichen Tag schickte er seinen Cousin los, um eine Tischtennisplatte zu kaufen", erzählt Evra. "Er hat zwei Wochen lang trainiert und im nächsten Spiel besiegte er Rio, als wir alle zugesehen haben."

Je größer sein Anteil am Titel, desto noch besser

Dieser Ehrgeiz, der sich auch in eine asketische Lebensweise ergeht, hat Ronaldo zum vielleicht besten Fußballer gemacht (eine leidliche Diskussion). Neben seinen nicht mehr aufzuzählenden Auszeichnungen ist er fünffacher Champions-League-Sieger, Meister in Spanien (2x) und England (3x). Außerdem gewann er mit seinem Land 2016 die EM. Zufrieden stellt ihn das bloß für den Moment. Ronaldo sieht es so: Nach dem Titel ist vor dem Titel. Je wertiger umso besser. Und je größer sein Anteil, desto noch besser. In der vergangenen Saison kam er erneut auf unfassbare 44 Tore in 44 Spielen. Und trotzdem träumten sie in Madrid bereits von seinem Nachfolger: Neymar, Kylian Mbappé, Harry Kane, Eden Hazard.

Video

Ronaldo gefällt so etwas freilich nicht. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, soll Ronaldos Reaktion auf den Flirt seines Präsidenten Florentino Pérez mit Neymar nahezu biblisch gewesen sein: Du sollst keinen Gott neben mir anbeten, bedeutete er - im übertragenen Sinne - seinem Chef. Der wohl letzte Clash in einer zunehmenden Alphatier-Rangelei, die oft vom Erfolg kaschiert oder gekittet worden war. Gerangelt wurde eher selten um sportliche Differenzen (einmal ging's beispielsweise um den Verkauf von Mesut Özil an den FC Arsenal), mehr ging's um das ganz Große: die Anerkennung als GOAT (Greatest Of All Times), in Form eines GOAT-Gehalts (ums Geld geht's halt immer) oder auch um mangelnde Unterstützung in seiner Steuer-Affäre. Dass Ronaldo die Anerkennung auch von den eigenen Fans nicht immer so spürte, wie er es für sich qua Spitzenamt beansprucht, hat ihm missfallen. Zwar wurde sein latentes Gequengel als ebenso große Show abgetan wie sein Oberschenkellüften vor einem Freistoß. Nun aber hat Ronaldo seine große Inszenierung auf der königlichen Bühne selbst beendet.

Ronaldo bemüht sich um die Deutungshoheit

Und Ronaldo ist sehr bemüht darum, die Deutungshoheit für den Abgang bei sich zu halten. In einem offenen Brief schreibt er zum Abschied: "Diese Jahre bei Real [...] waren wahrscheinlich die glücklichsten meines Lebens. Ich habe für diesen Klub, diese Fans und diese Stadt nur Gefühle der Dankbarkeit übrig. Ich kann allen für die Zuneigung, die ich erhalten habe, nur danken. Ich denke, jetzt ist der Moment gekommen, eine neue Etappe in meinem Leben zu beginnen und deshalb habe ich den Klub gebeten, dem Transfer zuzustimmen. Ich bitte alle, vor allem unsere Fans, um Verständnis." Gegeben hat er für den Klub alles, er hat ihm die herausragenden Momente geschenkt. Er hat Real wieder zur Nummer eins gemacht. Aber er hat sich in diesem Umfeld der höchsten Erwartungen auch abgearbeitet, er hat sich dosiert. Das Spektakel ist seltener geworden. Und das in jenem Theater, dass alles unterhalb von Spektakel anwidert. Und so ist es wohl auch so, dass Ronaldo auf dem sportlichen Höhepunkt mit dem vierten Königsklassen-Triumph und noch vor dem altersbedingten Umbruch des Teams unstreitbar als sportlich unangreifbare Real-Legende gehen kann. Allerdings von Sockel des Unbezahlbaren - seine festgeschriebene Ablöse lag bei einer Milliarde Euro - gehoben und zum Transfermarkt-"Schnäppchen" umgetopft.

Das Spielsystem von Massimiliano Allegri kommt Cristiano Ronaldo entgegen.
Das Spielsystem von Massimiliano Allegri kommt Cristiano Ronaldo entgegen.(Foto: REUTERS)

In Turin ist alles deutlich gemächlicher. Die Liga. Die Lage. Sieben Mal in Folge gewann Juventus zuletzt den Scudetto. In der kommenden Saison wird sich das kaum ändern, auch wenn die Serie A nach Jahren des Frustes wieder an Niveau gewonnen hat. Der viel weniger auf Knallerei sondern mehr auf Effizienz ausgerichtete Fußball unter Coach Massimiliano Allegri macht's Ronaldo einfacher, seine Qualitäten altersgerecht einzusetzen. In den vergangenen Jahren hat der Portugiese sein kraftraubendes Spiel dosiert, ist von den Außenbahnen ins Sturmzentrum gerückt. Wie effektvoll Ronaldo damit noch immer ist, ließ er Spanien im Vorrundenduell bei der Weltmeisterschaft in Russland gerade erst wissen, als jeder Sprint, jede Ballaktion, ja jeder Abschluss (okay, einer nicht) saß. Mit Ronaldo träumt Juve nun vom zweiten Champions-League-Sieg nach 1996, als damals Ajax Amsterdam in Rom im Elfmeterschießen niedergerungen wurde.

Endlich wieder auf dem Radar

Wie der Klub selbst, lief auch die Mannschaft in den vergangenen Jahren trotz nationaler Dominanz international unter dem Radar. Wenn es um Europas Elite ging, ging's fast immer nur um Real Madrid, den FC Barcelona und den FC Bayern München. Erweitert wurde das Feld zuletzt durch die Oligarchen-Spielbälle Paris St. Germain und Manchester City. Sportlich hält die Elitenbildung der Wahrheit kaum stand, denn Juventus schaffte es in den vergangenen vier Jahren zweimal ins Finale, war dort aber sowohl gegen den FC Barcelona (2015 in Berlin, 1:3), als auch gegen Real (2017 in Cardiff, 1:4) ohne Chance. In der vergangenen Saison scheiterte die "Alte Dame" zwar bereits im Viertelfinale, die erneute Ernüchterung durch Madrid aber war ein unfassbares Drama, denn erst in der siebten Minute der Nachspielzeit des Rückspiels (3:1 für Real) verhinderten die Spanier dank eines umstrittenen Elfmeters die Verlängerung und kamen weiter. Verwandelt natürlich von Ronaldo. Doch so wütend die Turiner waren, so sehr entzündete sich in diesem Duell die Liebe für CR7. Eine Liebe, wie er sie auch einst bei ManUnited gespürt hatte.

Im Hinspiel verzauberte der 33-Jährige das Allianz Stadium in Turin mit seinem vielleicht schönsten Tor, einem irre hohen Fallrückzieher. Ein Tor wie ein teures Gemälde. Ein Tor über dessen Unglaublichkeit in den Medien tagelang gesprochen, das intensiv analysiert wurde. Die Fans im Stadion erhoben sich, sie applaudierten, sie waren gefangen von der Kraft und der Magie des Weltfußballers. Und der begeistert von dieser unerwarteten Herzlichkeit: "Für mich war es ein unglaublicher Moment, als das Stadion für mich aufgestanden ist. Ich muss den Fans danken. Was sie für mich gemacht haben, ist unglaublich. Das ist mir in meiner bisherigen Karriere nicht passiert. Ich bin sehr glücklich."

Bei Fiat werden sie wütend

Und glücklich sind nun auch die Turiner: Noch vor der offiziellen Wechsel-Bekanntgabe flog Präsident Andrea Agnelli nach Griechenland, wo Ronaldo gerade seinen Sommerurlaub verbringt. Er wollte den Superstar einfach persönlich willkommen heißen. 117 Millionen Euro kostet der Transfer (ohne Gehalt) - für Juventus erstmal ein Schnäppchen, das sich durch neue Sponsoren und Trikotverkäufe sowie den Verkauf mindestens eines Stars, viel wird über Gonzalo Higuain (zu Chelsea?) und Paulo Dybala (FC Liverpool?) spekuliert, vermutlich solide gegenrechnet. Oder auch nicht? Denn ob sich der Klub einen solchen finanziellen Kraftakt tatsächlich leisten kann, wird in Italien heftig debattiert. Wie mehrere Medien berichten, sollen 30 Millionen Euro von Fiat kommen. Ronaldo solle im Gegenzug zur Werbefigur werden.

Viele Mitarbeiter des Auto-Konzerns, die seit Jahren mit eingefrorenen Gehältern auskommen müssen, sind alles andere als erfreut. In einer Mitteilung der Vertreter der Arbeiter des Werks in Melfi wird ein Proteststreik zwischen dem Abend des 15. Juli und dem Morgen des 17. Juli angekündigt. Das Geschäft mit Ronaldo sei "nicht hinnehmbar". "Ist es normal, dass eine einzelne Person Millionen verdient und Tausende von Familien mit ihrem Geld nicht bis Mitte des Monats auskommen?", fragt die zuständige Gewerkschaft.

Den Klub interessiert die Wut der Autobauer vermutlich weniger. Denn bereits ohne Cristianos erste Ballberührung hat sich Juventus zurück in den Kreis der europäischen Elite gedribbelt. Und Ronaldo? Der stillt seine Sehnsucht nach Anerkennung.

Quelle: n-tv.de