Fußball

Titel-Bann im Revierderby Der FC Schalke rächt sich am Erzrivalen BVB

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Die Schalker jubeln: Dem Abstieg entronnen - und dem BVB die Suppe versalzen.

(Foto: imago images / Nordphoto)

Sechs Tore, zwei Rote Karten, ein strittiger Handelfmeter - und am Ende gewinnt der FC Schalke 04. Im Revierderby rettet das Team von Huub Stevens wohl den Verbleib in der Fußball-Bundesliga. Und verdirbt dem BVB höchstwahrscheinlich gleichzeitig die Meisterschaft.

Fragt man den gemeinen Dortmunder, wie er seine Stadt findet, erhält man nicht selten die vielsagende Antwort: "Woanders is auch scheiße." Am späten Samstagnachmittag allerdings dürfte es in der Westfalenmetropole noch beschissener gewesen sein, zumindest für jenen Teil der Einwohnerschaft, der es mit den schwarz-gelben Fußballern hält. Denn der Ballsportverein Borussia Dortmund verlor nicht nur das hochprestigeträchtige Revierderby gegen den FC Schalke 04 überraschend mit 2:4 (1:2), sondern mit diesem Match wohl auch die Meisterschaft.

Grund dafür war ein enorm engagierter Auftritt der Gäste aus Gelsenkirchen, die mit einer beeindruckenden Leistungssteigerung in einem großen Fußballspektakel mit wechselnder Führung, mit einem Elfmeter, mit zwei Roten Karten und mit sechs zum Teil höchst sehenswerten Treffern ihren Teil zu einem denkwürdigen Revierderby beitrugen. Bei noch drei ausstehenden Partien, einem Vorsprung von sechs Zählern und dem besseren Torverhältnis ist der vierte Abstieg der Knappen um ein Vielfaches unwahrscheinlicher geworden als die neunte Meisterschaft des BVB. "Derbys", so Schalkes Trainer Huub Stevens nach Spielschluss, "das sind die Spiele, in denen du über dich hinauswachsen kannst". Und weiter: "Wir brauchten die drei Punkte ganz dringend. Und wenn das in Dortmund passiert, dann ist das um so schöner."

Traumabewältigung à la Schalke

Für die mitgereiste blau-weiße Anhängerschaft, die ihre Mannschaft nach Spielschluss frenetisch feierte, war dieses Derby zwischen den Erzrivalen genau das eine Spiel, das eine vergurkte Spielzeit am Ende rettet, weil man neben den drei Zählern dem ungeliebten Gegner aus der verbotenen Stadt in die Meisterschaftssuppe gespuckt hat. Mehr noch: Für viele Königsblaue muss diese besondere Situation Trauma-Bewältigung gewesen sein, weil vor 13 Jahren der BVB mit einem 2:0-Heimsieg am vorletzten Spieltag den Schalkern den Titel versaute. Revanche geglückt also. Auch wenn der Konkurrent aus Dortmund nach diesem Match noch immer historische 39 Punkte vor den Blau-Weißen liegt, könnte die Stimmungslage in beiden Lagern nach dem "emotionalsten Spiel der Saison" (BVB-Sportdirektor Michael Zorc) entgegengesetzter kaum sein. Stevens ließ in der Stunde des Triumphes den Anhängern ihre große Freude, blieb selbst aber kritisch. "Dieses eine Spiel macht unsere Saison nicht wieder gut", so der Holländer. "Uns ist Schlimmes passiert, was nicht hätte passieren dürfen."

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Trainer Huub Stevens spricht von seiner "größten Herausforderung".

(Foto: dpa)

Sehr wohl aber freute er sich darüber, dass seine vor Wochen eingeleiteten Korrekturmaßnahmen endlich Früchte trugen. Der Mann, der auch den bislang letzten Schalker Derbysieg in Dortmund aus dem Jahr 2012 zu verantworten hat - damals gewannen die Gelsenkirchener mit 2:1 - hatte die richtige Taktik gegen eine von Beginn an überlegen spielende Borussia gewählt, auch wenn die Dramaturgie der Begegnung zunächst zu einer anderen Deutung zwingt. Schalke stand tief, ließ den BVB kommen und hoffte auf Konter. Der Klub lag aber nach 13 Minuten bereits 0:1 hinten, weil Supertalent Jadon Sancho mit einem gefühlvollen Schlenzer die dichte Abwehrkette der Schalker überspielte und Mario Götze per Kopf verwandelte. Ein Geniestreich.

Stevens Arbeit fruchtet

Erst danach lockerten die Gäste ihren Klammergriff, brauchten aber ein streitbares Handspiel von Julian Weigl, den Videoassistenten und einen treffsicheren Caligiuri, der den fälligen Strafstoß zum 1:1 verwandelte (18.). Und nach einer Ecke von Caligiuri nickte Abwehrchef Salif Sané per Kopf zur Führung ein (28.). Die Standards hatten Früchte getragen, das Spiel war auf den Kopf gestellt, weil Schalke aus einer Chance zwei Tore gemacht hatte. "Es hat Zeit gebraucht, bis die Dinge wieder funktionieren", so Stevens nach dem Match. "Ich hätte es lieber einige Wochen früher gehabt."

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Embolo schießt das erlösende Siegtor.

(Foto: REUTERS)

Ganz sicher aber trug der Aufritt der Schalker auch nach dem Wechsel die Handschrift des "Jahrhunderttrainers". Allerdings halfen die Dortmunder tatkräftig mit. Ein ebenso resolutes wie ungeschicktes Einsteigen von Kapitän Marco Reus trug ihm die Rote Karte ein (60.). Wieder verwandelte Caligiuri, diesmal einen Freistoß aus 24 Metern in den Winkel. Ein weiterer Platzverweis gegen Marius Wolf (65.), der Anschlusstreffer zum 2:3 von Axel Witzel (84.) und das erlösende Siegtor durch Breel Embolo (86.) erzählen die Geschichte dieses denkwürdigen Derbys zwar zu Ende, rückblickend aber werden wohl die Geschehnisse nach rund einer Stunde die beiden Momente gewesen sein, in denen Dortmunds Meisterschaftstraum zerbrach. Das sah auch Rot-Sünder Reus so. "Solange wir unsere Spiele nicht gewinnen, ist es theoretisch schwierig, die Bayern einzuholen", so der BVB-Kapitän.

"Das ist ein Skandal!"

Praktisch natürlich auch. Aber Feinheiten dieser Art waren den Schalkern an diesem April-Abend ziemlich egal. Selbst Stevens, in den vergangenen Wochen extrem reizbar, gab sich versöhnlich und stimmte seinem Gegenüber Lucien Favre, der sich über die Elfmeterentscheidung aus Halbzeit eins und vor allem über die Regelauslegung enorm echauffiert hatte ("Das ist ein Skandal!"), in diesem Punkt zu. "Ich finde es schade, dass solche Elfmeter gegeben werden", so der 65-Jährige. "Ich sehe oft die Verteidiger mit den Händen auf dem Rücken. Das ist doch kein Verteidigen. Da muss eine klare Linie kommen."

Bis dahin wird er aber nicht mehr Trainer der Schalker sein. Für die Blau-Weißen geht es nun darum, rasch weitere Planungssicherheit zu schaffen und die nächste Saison vorzubereiten. Ein neuer Chef-Übungsleiter muss her. Und auch die Mannschaft soll in Teilen runderneuert werden. Es geht darum, ihr wieder eine Seele einzuhauchen. Namen sind einige im Gespräch, konkret ist - zumindest offiziell - noch nichts. Stevens wird sich dann wieder auf seinen Aufsichtsratsposten zurückgezogen haben und die Dinge aus der Distanz begleiten. Die Erinnerungen an die letzten Monate der Saison 2018/19 aber werden nicht so rasch verlöschen. "Das war die bislang größte Herausforderung, die ich je hatte", sagte er, und irgendwie hatte er der Mannschaft trotz eines kollektiv gelungenen Arbeitstages noch nicht ganz verziehen. "Ich überlege ernsthaft, ob ich meiner Mannschaft nun freigeben kann. Schließlich haben wir noch zwei Heimspiele, in denen wir unsere Fans nicht enttäuschen wollen." Die Zeit der Wiedergutmachung ist offensichtlich angebrochen am Schalker Markt. Und das mit einem verdammt guten Ergebnis.

Quelle: n-tv.de

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