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"Es tut uns richtig weh" Der Hamburger SV dankt ab

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Der Abstieg soll für den Hamburger SV zum Neubeginn werden - mit Trainer Christian Titz.

(Foto: imago/Hübner)

Die Hoffnung des Hamburger SV ist groß, doch die Rettung bleibt aus. Weil der Trainerwechsel zu spät kommt. Weil der Klub die Quittung für die vergangenen Bundesliga-Saisons erhält. Neben Tränen und frommen Wünschen gibt es auch Randale.

Um 17:19 Uhr war der Hamburger SV am Sonnabend abgestiegen. Er führte zwar in diesem letzten Bundesligaspiel gegen Borussia Mönchengladbach durch Tore von Aaron Hunt und Lewis Holtby 2:1. Doch das war nicht mehr relevant. Denn der einzige Kontrahent im Kampf um Relegationsplatz 16, der VfL Wolfsburg, lag gegen den 1. FC Köln 4:1 vorn. Und somit war klar, dass der HSV trotz dieses Sieges die Bundesliga nicht halten würde. Was fehlte war nur noch der letzte Akt in Form des Schlusspfiffes von Schiedsrichter Felix Brych.

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Als der Unparteiische schließlich in seine Pfeife blies, war es jedoch nicht das Ende der Hamburger Bundesligazugehörigkeit nach 54 Jahren und 261 Tagen, sondern eine leider notwendige Maßnahme. Brych musste die Partie unterbrechen, weil schwarz vermummte Chaoten im HSV-Fanblock Pyrotechnik gezündet hatten und Böller auf das Spielfeld warfen. Laute Explosionen und dicker schwarzer Rauch prägten das Bild vor der Nordkurve. Die Spieler zogen sich in die Katakomben zurück, Polizei marschierte auf. Mehr als zehn Minuten konnten die rund 100 Unbelehrbaren machen, was sie wollten. Die Polizei schritt nicht ein, entschied sich für Passivität, um die Situation zu deeskalieren. "Wir sind Hamburger und ihr nicht", skandierten die wahren Fans den Vermummten entgegen. "Das ist eine klare Minderheit, von der sich das restliche Publikum distanziert hat - und das ist, glaube ich, auch ein starkes Zeichen", sagte der HSV-Vorstandsvorsitzende, Frank Wettstein und ergänzte, dass sich "solche Sachen wohl nicht komplett verhindern", ließen.

Rauch und Randale übertünchen gute Leistung

Es sind vorrangig diese Bilder, die Deutschland vom 1866. und vorerst letztem Bundesligaspiel des HSV in Erinnerung behalten wird. Rauch und Randale werden die erneut gute Leistung der Hamburger übertünchen. Auch wenn Mönchengladbachs Trainer Dieter Hecking hervorhob, dass man diesen Aktionen "keine Bedeutung" zukommen lassen solle. "Die beste Reaktion war die Redaktion der 56.500 anderen Fans - die gezeigt haben, dass Fußball Spaß machen kann", so Hecking.

Er könne die Enttäuschung der Fans verstehen, meinte Verteidiger Kyriakos Papadopoulos. "Aber sowas will natürlich niemand sehen", betonte der Grieche. Er redete leise, wirkte aber dennoch gefasst. Kapitän Gotoku Sakai hingegen hatte einige Mühe, in der Mixedzone seine Tränen zu unterdrücken. "Es tut uns richtig weh. Wir haben die letzten Wochen richtig Gas gegeben, um unser Ziel noch erreichen können", sagte Sakai, der dem Klub in der 2. Liga treu bleiben will.

Prägende Ära von Trainer Titz

Gemeint war die letztlich zu kurze, aber doch sehr prägende Ära von Christian Titz. Als er die Mannschaft am 13. März vom erfolglosen und komplett überforderten Bernd Hollerbach übernahm, hatte der HSV als Vorletzter sieben Zähler Rückstand zu Relegationsplatz 16. Nach der 0:6-Niederlage bei Bayern München drei Tage zuvor hatten wütende Fans gar elf Kreuze am Trainingsgelände aufgestellt und ein Plakat hinzugehängt mit der Drohung: "Eure Zeit ist abgelaufen! Wir kriegen euch alle!"

Seitdem war viel passiert - auch wenn sich der Tabellenrang nicht verändert hatte. Doch Hamburg spielte durchaus ansehnlichen Offensivfußball. Hamburg gewann endlich wieder. Hamburg kämpfte sich bis auf zwei Zähler heran an Platz 16. Hamburg hatte Hoffnung. "Titz verwaltet nicht, er lässt agieren. Ballbesitz, Offensive und Mut. Diese Art und Weise gefällt mir", lobte Matthias Sammer. Der heutige Eurosport-Experte ist überzeugt, dass der "HSV niemals in der aktuellen Situation" wäre, hätte die Mannschaft die gesamte Saison über diesen Einsatz, Willen und Charakter gezeigt, der seit zwei Monaten unter Titz zu sehen ist.

Ein Abstieg als Aufstieg

Als er die Aufgabe vor acht Wochen übernommen habe, sei ihm bewusst gewesen, "dass dieser Tag heute kommen kann", meinte Titz auf der Pressekonferenz. Doch für ihn wird der Abstieg zum Aufstieg. Denn seit Donnerstag ist klar: der 47-Jährige bleibt Cheftrainer, soll den HSV zurück in die Bundesliga führen. Titz ist in der dunkelsten Stunde des Traditionsvereins der große Hoffnungsträger. "Ich kann mir gut vorstellen, dass er eine gute Mannschaft aufbauen kann. Der Trainer ist für das Team und auch für mich sehr wichtig", meinte Sakai. Unter Titz sei die Freude am Fußball zurückgekehrt, so der Kapitän, der unmittelbar nach Spielende klarstellte, dass er beim Verein bleiben werde.

Der Coach sei "der Hauptgrund, dass der HSV so aufgeblüht ist", sagt Papadopoulos. "Er hat eine Spielidee, einen Plan, zeigt uns, wie er spielen will, was er von uns erwartet", so der Verteidiger weiter. Und dann sagt Papadopoulos einen Satz, der nach der Entwicklung der vergangenen Wochen vielen ebenfalls auf den Lippen liegt: "Er ist leider zu spät gekommen." Der hoch Gelobte gab die Komplimente artig zurück. Wenige Sekunden nach dem Schlusspfiff bildete Titz mit seinen Spielern auf dem Rasen einen Kreis. Er habe den Profis gesagt, dass ihn die Auftritte der Mannschaft in den vergangenen acht Wochen stolz gemacht hätten, so Titz.

Seit 2014 ständiger Abstiegskampf

Der HSV würde es sich jedoch zu einfach machen, in der Gesamtanalyse nur auf die Leistungen der vergangenen zwei Monate zuschauen. Trotz der vier Siege in acht Spielen und 13 Punkten - die, auf die Saison hochgerechnet, eine Bilanz von 55 Zählern und somit eine sicherere Europapokal-Teilnahme bedeuten würden. Denn der Dino rangierte seit der 1:3-Niederlage am 17. Spieltag in Mönchengladbach durchgehend auf einem direkten Abstiegsplatz, schwebte in akuter Lebensgefahr. Wie schon so oft seit 2014. Kein anderer Klub hat in den vergangenen fünf Jahren die Bälle so kontinuierlich an den Klippen zum Abgrund entlangjongliert, wie der HSV. Seit Beginn der Saison 2013/14 holte der Klub in 170 Bundesligaspielen nur 172 Punkte. Das sind mehr als 30 Zähler weniger als der zweitschlechteste Verein.

Die Quittung dafür bekam der HSV am Sonnabend um 17:37 Uhr. Das Herz des Bundesliga-Dinos hat aufgehört zu schlagen. Es war ein qualvoller, aber, aufgrund der vergangenen Jahre auch absehbarer Tod.

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Quelle: n-tv.de

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