Fußball

Ewald Lienen und die Zettel Der Hippie mit dem Fußball auf dem Hals

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Von 1977 bis 1981 spielte Ewald Lienen für Borussia Mönchengladbach.

(Foto: imago/Kicker/Eissner, Liedel)

Ewald Lienen kandidiert für die Friedensliste, sie nennen ihn Öko" und "Papiertiger", Jupp Heynckes vergleicht ihn mit Präsident Ronald Reagan. "Das Gewissen des deutschen Fußballs" feiert seinen 65. Geburtstag. Zum FC St. Pauli passt er perfekt.

Die Wahrsagerin Medusa beschrieb den damaligen Kölner Trainer Ewald Lienen einmal so: "Der wird früher oder später überall scheitern. Ein großer Kämpfer zwar, doch er steht sich oft selbst im Weg. Dieser Mann findet keine Ruhe, weil er alles 1000-prozentig machen will. Er gibt sich nie zufrieden, schafft sich dadurch viele Feinde. Er kann einfach keine Fehler verzeihen." Was Lienen beruflich machte, wusste Medusa, die Alfred Biolek und Michail Gorbatschow zu ihren Kunden zählte, angeblich nicht. Denn von Fußball "verstehe sie leider gar nichts".

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So ist er: Für den guten Zweck lässt sich Ewald Lienen gern einbinden.

(Foto: imago/Future Image)

Das ist bei Lienen schon immer ganz anders gewesen. Er sagte einmal über sich: "Manchmal denk' ich, was da auf meinem Hals sitzt, ist nur ein riesiger Fußball." Sie nannten ihn "Papiertiger", den "Pfarrer Albertz des Fußballs" und "Zettel-Ewald". Sein Kollege Felix Magath verweigerte bei der Analyse eines Spiels sogar die Auskunft: "Ich werde einen Teufel tun und Ewald widersprechen. Er hat sich ja alles ganz genau notiert."

Lästermaul Max Merkel setzte da noch einen drauf, als er den Mann aus Schloß Holte-Stukenbrock so beschrieb: "Der Ewald Lienen saß früher auf der Trainerbank mit Bleistift, Block und einem Gesicht wie bei einer Vollbremsung." Die älteren Fußballfans erinnern sich vor allem an einen jungen, begabten Fußballspieler mit einer auffälligen Gesichtsbehaarung und einer langen Mähne, der allerdings nicht nur durch sein Äußeres schon immer aus dem Rahmen fiel.

Sepp Maier beschrieb dies einmal so: "Ewald Lienen von Borussia Mönchengladbach hat immer einen Hang nach links gehabt. Nicht, weil er Linksaußen spielt. Lienen kämpfte gegen Berufsverbote, gegen Menschenhandel im Fußball." 1985 zog Lienen sogar in den Wahlkampf. Die Kollegen interessierte aber weniger, welche politischen Ziele er vertrat, sondern mehr die Verdienstmöglichkeiten als zukünftiger Abgeordneter. Sein damaliger Trainer Jupp Heynckes sah die Sache schon etwas differenzierter. Einerseits wollte er natürlich nicht, dass sein Schützling in seinen Leistungen auf dem Rasen nachließ, andererseits unterstützte er Lienen bei seinen Ambitionen. Mit dem Blick auf die USA, wo Ronald Reagan vier Jahre zuvor an die Macht gekommen war, sagte er: "Wenn ein Cowboy und Schauspieler Präsident der Vereinigten Staaten sein kann, dann kann ein politisch so engagierter Mann wie Ewald Lienen ja wohl für den Landtag kandidieren."

Ein Pullover verdirbt das "Tor des Monats"

Die Frau des Mönchengladbacher Vereinspräsidenten Helmut Beyer wusste Lienen ohnehin auf seiner Seite. Nachdem er durch ein Tor in letzter Minute die Borussia vor einer Heimpleite bewahrt hatte, kam sie zu ihm und bedankte sich: "Öko, du bist ein Schatz." Auch sonst schien Lienen die politische Arbeit eher zu beflügeln. Nach einem 3:2-Sieg der Gladbacher in Stuttgart hatte Lienen ("Sie können mich alles fragen über den Ostermarsch") eine gute Begründung für seine ansprechende Leistung: "Bei der Landtagswahl hat meine Friedensliste 0,7 Prozent der Stimmen bekommen, ich in meinem Wahlkreis 1,2. Da musste ich mich doch dafür bedanken."

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Doch sein Engagement war nicht überall gut gelitten. Als Lienen im Herbst 1985 bei der Uefa-Pokal-Partie der Gladbacher gegen Lech Posen das "Tor des Monats" Oktober schoss, wollte die Redaktion der ARD-Sportschau vorab wissen, was er denn bei der Übergabe der Medaille anziehen würde. Lienen reagierte irritiert. Wollten die vom Fernsehen ihm tatsächlich seine Kleidung vorschreiben? Und warum eigentlich? Schnell stellte sich heraus, dass die Sorge groß war, dass Lienen, wie kurz zuvor bei einem anderen Anlass, seinen Pullover mit der Aufschrift "Sportler gegen Atomraketen - Sportler für den Frieden" anziehen könne. Der WDR-Redakteur erzählte dem Gladbacher Profi von den heftigen internen Diskussionen, die es nach der Live-Sendung gegeben hatte. Er versicherte Lienen, dass die allermeisten Kollegen überhaupt kein Problem mit seinem Pullover gehabt hätten, doch die Anweisung vom Intendanten wäre eindeutig: Politische Werbung auf Kleidung oder sonstwo habe in öffentlich-rechtlichen Sendungen nichts zu suchen. Und Friedenswerbung wäre nach WDR-Auffassung politisch.

"Der Depp, dieser Hippie"

Ob er denn in diesem Sinne bitte zusichern könne, dass sein Pullover im Kleiderschrank bliebe, wollte der TV-Redakteur abschließend wissen. Lienen legte wütend auf. Für ihn war die Sache nun eine Stufe höher angesiedelt: Es ging ihm ums Prinzip. Er argumentierte, dass der Sender kein Theater gemacht hätte, wenn sein Pullover mit Werbebotschaften zugekleistert gewesen wäre ("... mit dem Kommerz hat das Fernsehen ja keine Probleme").

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Der geschlitzte Oberschenkel ...

(Foto: imago/Sven Simon)

Jahre zuvor wollte Lienen eigentlich komplett mit dem Fußball aufhören, um endlich sein Pädagogikstudium zu beenden. Doch so ganz konnte er es doch noch nicht lassen und schlug dem Verein vor: "Wenn Borussia mir mehr Geld bietet, könnte ich mein Studium hinausziehen, da ich keine Regelstudienzeit habe." Und tatsächlich bemühte sich der Klub, Lienen mit ungewöhnlichen Ideen auch über die Saison 1980/1981 an sich zu binden. Trainer Heynckes hatte sich eine spezielle Argumentation für den angehenden Sozialpädagogen Lienen ausgedacht: "Wenn du noch drei, vier Jahre spielst, hättest du genug Geld, ein Haus zu kaufen und dort mit Behinderten zu arbeiten. Wir müssten vom Verein aus mal überprüfen, welche Voraussetzungen gegeben sein müssten, damit du die Heimleiterfunktion erfüllen kannst. Selbstständig arbeiten jedenfalls könntest du dann!"

Zu dieser Zeit fuhr der Profi im Sommer mit einem Campingbus und 20 behinderten Kindern an die Ostsee. Die Kosten für den Bus bezahlte er zum Teil aus der eigenen Tasche. Einigen Spielern in der Bundesliga erschien das Engagement Lienens zunehmend sonderbar. Werner Lorant, der beinharte Verteidiger der Eintracht, konnte das "Gewäsch" des Gladbachers nicht mehr hören: "Der Depp, dieser Hippie. Der soll bloß den Mund halten. Schließlich verdient er wie wir alle sein Geld mit Fußball!" Von Anfang an war Lienen durchaus ein Spezialtyp. Seine Frau Rosi versuchte seine Außenwirkung geradezurücken: "Viele Fans wollen nicht begreifen, weshalb mein Mann keine Autogramme schreibt. Die halten das für Arroganz. So ein Unsinn. Der Ewald setzt sich halt lieber hin und quatscht mit den Leuten ihre Probleme aus." Seine Meinung damals, die immer wieder für heftige Kontroversen sorgte: "Ich werde nicht für Fotos posieren, für widerwärtigen Personenkult, den ich hasse wie die Pest."

Lienen ist ein Spezialtyp

Heynckes mutmaßte in den frühen Zeiten von Lienens Karriere: "Der Ewald ist schließlich niemand, der nach seiner Laufbahn mit einer Sportartikelvertretung zufrieden wäre." Damals konnte noch niemand ahnen, dass Lienen sein ganzes Leben lang dem Profi-Fußball treu bleiben würde. Und obwohl er immer mittendrin war, sollte er seinen kritischen Blick auf das Geschäft behalten: "Wenn du heute in die Fußgängerzone gehst, musst du aufpassen, dass nicht jeder Dritte dich anspricht und dir einen Spieler andrehen will."

Und da es das Leben mit Lienen gut meint, hat es die vorläufige Schlusspointe besonders sorgfältig ausgewählt. Sein heutiges Engagement beim FC St. Pauli war längst überfällig. Das hätte ihm die Wahrsagerin Medusa schon damals prophezeien können. Schön, dass es ihn nun zum Ende seiner Karriere in die Hansestadt verschlagen hat. Besser hätte es im Grunde nicht laufen können. Auch für diesen Artikel zu seinem 65. Geburtstag. Denn einen Text über sich ohne den aufgeschlitzten Oberschenkel hat er sich nun wahrlich verdient. Alles Gute zum Geburtstag und Glück auf, lieber Ewald Lienen!

Quelle: n-tv.de

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