Fußball

Fußball-Zeitreise, 2. 2. 1968 Der böseste Trainer der Bundesliga

imago02489774h.jpg

Alles andere als unauffällig: Max Merkel.

Mit seinen Beleidigungen und eindeutigen Gesten war die Nürnberger Ikone Max Merkel einfach zu weit gegangen. Dann hatte der Fußballtrainer des Bundesliga-Tabellenführers erstmals in seinem Leben richtig Angst - vor dem DFB-Gericht.

Max Merkel ging es schlecht. Richtig schlecht: "Erstmals in meinem Leben nahm ich am letzten Donnerstagabend zwei Schlaftabletten", gestand der Fußballtrainer im Februar des Jahres 1968. Eigentlich hatte er für heute eine große Show angekündigt und einen auf dicke Hose machen wollen, doch dann war ihm auf einmal bewusst geworden: Es geht hier und heute um alles oder nichts! Max Merkel drohte der Lizenzentzug, mitten in der Saison. Und das wäre nie tragischer gewesen als in diesem Moment, in dem sein Verein, der 1. FC Nürnberg, für alle Fußballfans in Deutschland überraschend auf dem ersten Tabellenplatz der Bundesliga stand. Der Klub konnte Meister werden, doch sein Trainer rastete immer wieder aus. Oder wie es DFB-Chefankläger Hans Kindermann an diesem 2. Februar 1968 formulierte: "Herrn Merkel fehlen die sportliche Einstellung, die Erziehung zur Sportlichkeit und die Rücksichtnahme auf den Gegner."

Die Liste der Vergehen, die man dem Nürnberger Coach vorwarf, war erschreckend lang. Dennoch war sie bereits auf die wesentlichen Vorkommnisse zusammengekürzt worden. Und: Es waren nur Delikte aus dieser Saison, die in Frankfurt verhandelt werden sollten - alle anderen Vergehen wurden nicht berücksichtigt. Doch schon diese Liste las sich wie ein Bundesliga-Schauermärchen und vor allem wie ein Bericht aus einer fernen Zeit. Unvorstellbar, dass ein Trainer, der sich auf eine solche Art und Weise in der Öffentlichkeit präsentiert, heutzutage auch nur einige wenige Spiele auf der Bank eines Bundesligisten überleben würde - eine These, die ein Auszug Merkels Sündenkartei eindrucksvoll untermauert. Jedes Delikt wurde damals einzeln mit einer Geldstrafe zwischen 1000 bis 3000 D-Mark bestraft.

Der Schiedsrichter sei ein "Anfänger"

imago07632973h.jpg

Klare Worte.

(Foto: imago/Ferdi Hartung)

Bei einem Spiel war Max Merkel komplett ausgekreist. Wegen dieser Partie beim 1. FC Köln im November 1967 drohte Max Merkel im Besonderen der Entzug seiner Trainerlizenz. Dem Kölner Weltmeister und Trainer-Assistenten Hans Schäfer hatte der Nürnberger Coach angedroht, dass er im Rückspiel jedem seiner Spieler 100 D-Mark zahlen werde, wenn er sich dazu bereit erklären würde zu holzen. Ebenfalls in Köln präsentierte Merkel beim Hinsetzen auf die Trainerbank in provozierender Art und Weise sein Hinterteil. Das Gericht umschrieb diese Tat als "schwäbischen Gruß mit einer Aufforderung des Götz von Berlichingen".

Etwas weniger schwer ins Gewicht fiel seine Äußerung, dass alle Kölner Spieler Rugbyspieler und Catcher seien. Hart geahndet wurde allerdings, dass er gegenüber der Presse meinte: "Was mit uns gemacht wurde, war ein Verbrechen!", weil er den Schiedsrichter der Partie, Klaus Ohmsen, als "Anfänger" bezeichnete und in Zusammenhang mit Schiedsrichter-Obmann Wolff, dessen Schwiegersohn Hans Schäfer und Kölns inzwischen verstorbenem Vorsitzenden Franz Kremer brachte. Da war es am Ende eigentlich gar nicht mehr so schlimm, dass er dem FC-Trainerkollegen zum Abschied mit auf den Weg gab: "In Nürnberg werden wir euch die Knochen brechen." Die überaus intensiv geführte Partie zwischen dem FC und dem "Club" endete übrigens mit 3:3.

Beleidigung "mit voller Absicht"

Max Merkel, der Meistercoach des TSV 1860 München der Saison 1965/66, sah sich zu dieser Zeit als unantastbar an. Sein Verlag, der mit ihm zusammen kurz vor dem Prozess das Buch "Mit Zuckerbrot und Peitsche" herausgebracht hatte, umschrieb den Lautsprecher der Liga so: "Max Merkel, populärster und erfolgreichster Fußballtrainer Deutschlands, erzählt die Geschichte seines Lebens, seiner Karriere, seiner Spiele - hautnah, offen und ohne Schönfärberei. Dieses Buch kennt keine Tabus! Es räumt gründlich mit vielen überholten Vorstellungen vom 'König Fußball' auf!" Und Merkel polterte wie eh und je: "Sollte ich in diesem Buch jemanden beleidigt haben, so geschah dies mit voller Absicht."

Fußball. Die Liebe meines Lebens
EUR 14,00
*Datenschutz

Trotz seiner vielen Vergehen verließ Max Merkel an diesem 02. Februar 1968 als lizensierter Bundesligatrainer den DFB-Gerichtssaal. Doch die Strafe von 12.000 D-Mark sprach eine deutliche Sprache: So schnell sollte sich der Nürnberger Trainer in Frankfurt nicht mehr blicken lassen. Und auch wenn am Ende der Saison tatsächlich die überaus überraschende Meisterschaft mit dem 1. FC Nürnberg im Karrierebuch des Max Merkel stand - seine Boshaftigkeit gegenüber den Gegnern und auch gegenüber seinen eigenen Spielern ("Wisst ihr, warum Kühe Glocken um den Hals tragen? Damit sie nicht im Stehen einschlafen. Übrigens, ich habe gerade ein Dutzend für euch bestellt") hatte schwere Folgen für seine weitere Laufbahn. Seine Stippvisiten wurden immer kürzer und endeten nie gut.

Als er beispielsweise in der Spielzeit 1978/79 bei den Bayern im Gespräch war, kündigte die Mannschaft öffentlich einen Boykott an, falls der gebürtige Wiener verpflichtet werden sollte. Torwart Sepp Maier: "Erst darf Merkel jahrelang gegen uns Dreck werfen - dann holt ihn unser Präsident. Niemals!" Doch der Vertrag war da bereits schon unterschrieben. Gut für Merkel, der zwar die Bayern nie trainierte, aber zwei Jahre pünktlich sein Gehalt überwiesen bekam. Auch bei seiner letzten Station, beim Karlsruher SC, waren die wenigsten Fans des Klubs aus Baden begeistert. Gleich bei seinem ersten Spiel hielten sie ein Plakat mit dem Spruch in die Höhe: "Merkel, go home!". Nach diesem letzten, kurzen Abenteuer verabschiedete sich der böseste Trainer der Bundesligageschichte in Deutschland endgültig in seinen Ruhestand.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema