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Liga-Check: Fortuna Düsseldorf Der ekeligste Klub der Bundesliga?

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Nach sechs Jahren ist die Fortuna aus Düsseldorf zurück in der Fußball-Bundesliga - mit einem Mini-Etat.

(Foto: imago/Jörg Schüler)

Friedhelm Funkel und die Unglückszahl 13. Das passt. Im Guten wie im Schlechten. Sechs Mal stieg er in die Fußball-Bundesliga auf, sieben Mal ab. Um seine persönliche "13" in Stein zu meißeln, setzt der Trainer aufs "Kill-your-Darlings"-Prinzip.

Der "Kicker" erzählt eine schöne Geschichte. Sie handelt von Marvin Ducksch und Friedhelm Funkel. Der Erstgenannte ist 24 Jahre alt. Er ist Stürmer und neu bei Fortuna Düsseldorf. Der Zweitgenannte ist genau 40 Jahre und neun Monate älter. Er ist Trainer und schon ein bisschen länger beim rheinischen Neu-Bundesligisten und noch viel länger im deutschen Fußball unterwegs. Dass er sich in seinen 17 Jahren als Profi und 29 Jahren als Coach ein stabiles Fundament an Expertise erarbeitet hat, ist keine Erkenntnis mit Wow-Effekt. Und dennoch geriet Ducksch, in der vergangenen Saison mit Sensationsaufsteiger Holstein Kiel und deren Trainer-Entdeckung Markus Anfang Torschützenkönig der zweiten Bundesliga, nach dem ersten Kontakt mit Funkel ins Staunen: "Er hat mir gesagt, wie ich mich in bestimmten Situationen noch besser verhalten muss. Das hätten nicht viele Leute gesehen."

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Voll motiviert bei seiner letzten Trainerstation: Friedhelm Funkel.

(Foto: imago/Horstmüller)

Tatsächlich kann Funkel für sich verbuchen, (fast) alles gesehen zu haben: Sechs Aufstiege, sieben Abstiege, den Uefa-Cup, das DFB-Pokalfinale - nur die Champions League, die bekam er nie serviert. Und dabei wird's auch bleiben. Denn nach der Fortuna ist Schluss. Das hatte er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" unmittelbar nach dem Aufstieg im Mai erklärt. Schluss ist dabei allerdings ein zeitlich eher flexibles Konstrukt: "Wie lange ich noch hier arbeiten werde, hängt davon ab, wie erfolgreich wir spielen." Und Erfolg bemisst sich in Düsseldorf mit dem kleinsten Etat der Liga (rund 30 Millionen Euro) zumindest mittelfristig ausschließlich am Klassenerhalt.

Was gibt's Neues?

"Kick it like Robben" hat der "Express" am Flinger Broich ausgemacht. Die Fortuna hat eine neue Attraktion. Sie (also eigentlich natürlich er) heißt Dodi Lukebakio. Und auch die "Bild"-Zeitung hat sich im Boulevardrausch direkt in den 20-jährigen Leihspieler vom FC Watford verliebt. Beim Testspiel gegen den AC Florenz (1:1) sahen die Kollegen zahlreiche pfeilschnelle Läufe auf der rechten Außenbahn, eine großartige Übersicht, Spielverständnis, drei Zuckerpässe - allerdings auch eine Schludrigkeit vorm 0:1, die Funkel bei ebenfalls aller Wertschätzung für den jungen Belgier "scheiße" fand. Da sich aber selbst die von hektischen Euphorieschüben verschonte "Süddeutsche Zeitung" zu vorsichtiger Begeisterung für Lukebakio hinreißen lässt, sagen wir einfach mal: bestimmt 'nen guter Mann.

Die Zugänge der Fortuna

Marvin Ducksch (FC St. Pauli, war zuvor an Holstein Kiel ausgeliehen, zwei Millionen Euro), Benito Raman (Standard Lüttich, war zuvor ausgeliehen, 1,5 Millionen Euro), Jean Zimmer (VfB Stuttgart, war zuvor ausgeliehen, 900.000 Euro), Davor Lovren (Dinamo Zagreb II, 750.000 Euro), Aymen Barkok (Eintracht Frankfurt, ausgleihen 500.000 Euro), Dodi Lukebakio (FC Watford, ausgeliehen, 200.000 Euro), Takashi Usami (FC Augsburg, erneut ausgeliehen, Ablöse unbekannt), Kevin Stöger (VfL Bochum, ablösefrei), Diego Contento (Girondins Bordeaux, ablösefrei), Alfredo Morales (FC Ingolstadt, ablösefrei), Kenan Karaman (Hannover 96, ablöserei), Matthias Zimmermann (VfB Stuttgart, ablösefrei), Georgios Siadas (A-Jugend), Kemal Rüzgar (Viktoria Köln, Leihende), Marlon Ritter (SC Paderdorn, Leihende)

Besser beurteilen können wir das bei Kevin Stöger. Den gab's in der vergangenen Saison regelmäßig mit Premium-Leistungen beim VfL Bochum zu sehen. Mit dem 24-Jährigen hat die Fortuna den wohl besten Spielmacher - neben dem Kieler Dominic Drexler (jetzt 1. FC Köln) der vergangenen Zweitliga-Saison -verpflichtet. Der Österreicher ist technisch stark, extrem ballsicher, tritt sehr gute Standards und hat eine herausragende Spielübersicht. Blöd für ihn: Seine Lieblingsposition, die "Zehn", ist im Funkel-System so nicht vorgesehen, gesetzt ist Stöger trotzdem, vermutlich auf der Doppel-Sechs. Weniger Sorgen um den "richtigen" Platz muss sich Stürmer Ducksch machen. Beim ihm schwingt eher die Frage mit: Kann er Bundesliga? Oder wird's ähnlich zäh wie bei seinen Torschützenkönigs-Vorgängern Simon Terodde (VfL Bochum, VfB Stuttgart), Rouwen Hennings (Sturmkollege in Düsseldorf) oder Mahir Saglik (SC Paderborn)? 15 Mal hat Ducksch schon in Liga eins auf dem Rasen gestanden, dabei ein Tor erzielt. Als seriöses Maß für seine Qualität dient die Statistik indes nicht. Bei seinem Heimatklub Borussia Dortmund durfte er nur 150 Minuten ran, verteilt auf sechs Spiele. In seinen neun Einsätzen für Paderborn kam er auch nur auf überschaubare 205 Minuten.

Auf wen kommt's an?

Natürlich auf Funkel. Auf seine Ruhe. Auf seine Gelassenheit. Auf seine Erfahrung. Auf seine Qualität, nie die Übersicht zu verlieren, wie Fortunas Boss Robert Schäfer sagt. Und für seine letzte große Aufgabe (wir erinnern uns kurz: erfolgreich sein) spielt Funkel im Taktischen "kill your darlings". Er sagt: "Wir wissen, dass wir in der Bundesliga ganz anders auftreten müssen. Gegen Mannschaften wie Bayern, Dortmund und Schalke werden wir viel weniger Ballbesitz haben und unseren Offensiv-Fußball aus der vergangenen Saison nicht so durchdrücken können." Funkel setzt daher, wie die "Sport Bild" analysiert, auf den (von Freunden des schönen Spiels verabscheuten) nationalen (einfallslosen, aber erfolgreichen) Trend: tief und kompakt stehen, schnell und überfallartig kontern. Mit dem fest verpflichteten Belgier Benito Raman und dem erneut ausgeliehenen Takashi Usami hat die Fortuna zwei Leistungsträger für das Umschaltspiel gehalten, mit Alfredo Morales und Aymen Barkok kommen Fußballer dazu, denen keine Wege zu weit sind. Denn inhaltlich soll die Elf das Funkel'sche Ideal über eine höchst intensive Laufleistung und leidenschaftliches Kämpfen auf den Rasen bringen: "Wir wollen ein ekliger Gegner sein, nicht unfair, aber sperrig, aggressiv, unangenehm zu spielen."

Was fehlt?

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Mit 104 Spielen ist Michael Rensing der erfahrenste Fortune.

(Foto: imago/Sven Simon)

Erstliga-Erfahrung. Zwar kommen wir beim Durchzählen des Kaders auf 570 Spiele, verteilt allerdings auf 29 Köpfe. Außer dem zuletzt ewig verletzten Torwart Michael Rensing (104) - er liefert sich ein Duell mit der letztjährigen Stammkraft Raphael Wolf (48 Erstligaspiele) - kann kaum ein Fortune regelmäßige und stabile Einsatznachweise vorbringen. Und ob der ehemalige Bayern-Reservist Diego Contento nach einer Saison ohne Berücksichtigung bei Girondins Bordeaux (nur drei Ligaspiele) ein Gewinn ist? Nun. Gesucht wird auf jeden Fall noch ein erfahrener Innenverteidiger. So sagt Funkel: "Das ist eine Position, in der es auch mal Sperren wegen Gelber Karten geben kann. Und da brauche ich nicht unbedingt einen, der nur den Kader auffüllt, sondern die Lösung soll so gut wie möglich sein. Eine echte Alternative zu den Innenverteidigern, die wir haben." Top-Kandidat: Marcin Kaminski vom VfB Stuttgart.

Wie lautet das Saisonziel?

Das "Kicker"-Sonderheft ist ja eigentlich eine zuverlässige Quelle für das Saisonziel. Im Trainer-Interview wird stets danach gefragt. Doch eine Antwort suchen wir vergeblich. Funkel hat's einfach ignoriert. Oder ist's der Zensur zum Opfer gefallen? Denn die hatte die Fortuna ja vergangene Woche erst eingeführt. In einem Schreiben an mehrere Medien (n-tv.de bekam keine Post) soll es geheißen haben: "Einzelne Zitate von Spielern, Trainer Friedhelm Funkel und seinem Team sowie von Kluboffiziellen, die am Telefon ohne Beisein der Medienabteilung eingeholt werden, (...) vor Veröffentlichung zur Freigabe an uns." Coach Funkel hält indes nichts von den Methoden seines Chefs. Der "Bild" sagte er: "Ich werde weiter meine Meinung sagen! Wenn jemand meint, meine Zitate doch noch jemandem vorlegen zu müssen, ist das ganz allein seine Sache." Also einfach kein Saisonziel? Nun, es ist immerhin so: "Wir gehen demütig an die Sache ran. Wir machen uns nicht kleiner, als wir sind, aber wir sind darauf eingestellt, dass es weniger Erfolge geben wird als im letzten Jahr."

Die Prognose von n-tv.de

Tja, was sollen wir prognostizieren - so ganz ohne definiertes Ziel. Klassenerhalt? Der klappt. Der Kader ist stark genug. Auch wenn mit Genki Haraguchi (von Hertha nun an Hannover 96 abgegeben) und Florian Neuhaus (Borussia Mönchengladbach) zwei wichtige Spieler aus der Zentrale den Klub nach Leihe wieder verlassen mussten. Die Abwehr um Kaan Ayhan und Andre Hoffmann steht auch Neuzugang stabil. Die Offensive wurde mit Stöger, Ducksch und Lukebakio sinnvoll verstärkt. Und außerdem erkennt Dirk Fischer vom "nimmmichvolley.over-blog.de": "Mein Verein wird die Fehler nicht wiederholen, als im Finish einer kalten Söldnertruppe Kraft und Motivation flöten gingen." Und fürs Herz haben die Fortunen ja gesorgt: Sie haben den legendären Lumpi (Andreas Lambertz) zurückgeholt (als Kapitän der U23 allerdings) und den ebenfalls legendären Axel Bellinghausen zum Co-Trainer gemacht (Schwerpunkt Standards). Der war nach dem letzten Abstieg 2013 - als seine Mannschaft nach starker Hinrunde ab Spieltag 21 keine einzige Partie mehr gewinnen konnte - philosophisch geworden: "Wo Worte fehlen, sind Tränen manchmal das beste Ausdrucksmittel." Nicht im späten Frühling 2019.

Quelle: n-tv.de

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