Fußball

Fußball-Zeitreise, 26.05.99 Der höchste Feiertag der Bayern-Hasser

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Fassungslos und untröstlich: Oliver Kahn.

(Foto: imago/HJS)

Oliver Kahn bezeichnet das legendäre Champions-League-Finale des FC Bayern München gegen Manchester United im Mai 1999 einmal als die "Mutter aller Niederlagen". Bis heute ist diese unvergessliche Nacht ein Sinnbild der Hoffnung für alle Gegner des FC Bayern.

Vor vielen Jahren in einer Kneipe in Deutschland. Ein Fan eines großen Vereins der 70er-Jahre bemerkt plötzlich, wer neben ihm sitzt: ein Sympathisant des FC Bayern München. Er ist entsetzt und stupst den Mann in Rot an. Beide erheben sich von ihren Barhockern. Dann kneift der Anhänger des mehrfachen deutschen Meisters aus dem Fußballwesten seine Augen zu ganz kleinen Schlitzen zusammen und spricht. Jedes einzelne Wort ist wohlakzentuiert: "Hör mal zu, Bayern-Fan. Für mich gibt es genau drei Highlights in meinem Leben. Erstens 1989, die Geburt meiner Tochter. Zweitens 1992, die Geburt meines Sohns. Und drittens 1999, der Höhepunkt meines bisherigen Lebens, als ich live dabei gewesen bin, wie die Bayern im Camp Nou einen auf den Arsch gekriegt haben. Amen!" Der Fan eines großen Vereins der 70er-Jahre trinkt sein Bier aus und geht. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

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Vor Anpfiff im Camp Nou war die Welt des FC Bayern noch in Ordnung

(Foto: imago images / Plusphoto)

Bis auf den heutigen Tag ist der 26. Mai 1999 für Gegner des FC Bayern München so etwas wie der höchste Feiertag des Jahres. Dieser Tag ist ein Symbol, ein Stück Hoffnung dafür, dass nicht immer die Bayern das gute Ende auf ihrer Seite haben müssen. Es ist dieser eine Abend, den auch die Fans des FC Bayern München gerne anführen, wenn sie zeigen wollen: Schaut her, auch wir wissen, wie man leidet! Und tatsächlich ist der Schmerz dieser Nacht noch heute (nach-)fühlbar. Oliver Kahn hat später einmal dieses historische Erlebnis der Fußballgeschichte so wunderbar in Worte gekleidet, als er sagte: Das 1:2 gegen Manchester United in der Nachspielzeit des Champions-League-Finals des Jahres 1999 im Camp Nou von Barcelona sei die "Mutter aller Niederlagen" gewesen.

Partie lebte vom Kampf - und der Dramatik

Es war kein hochklassiges Fußballspiel. Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld hat einmal gemeint: "Wir haben drei erstklassige Stürmer plus Alexander Zickler." Und genau dieser Zickler spielte von Beginn an – und war nicht einmal der schlechteste Akteur auf dem Feld. Auf Seiten von Manchester United fehlten die gesperrten Hochkaräter Roy Keane und Paul Scholes. Und so lebte die Partie vor allem vom Kampf, der Leidenschaft – und natürlich am Ende von der Dramatik.

Bereits in der sechsten Minute hatte Mario Basler die Münchener mit einem Freistoß in Führung gebracht. Danach entwickelte sich bis zur Pause ein offener Schlagabtausch mit wenigen echten Chancen auf beiden Seiten. Das schmeckte dem Coach von Manchester United, Alex Ferguson, überhaupt nicht. In der Halbzeit stellte sich der Schotte vor sein Team und sprach Worte, die im Nachhinein zu einer Legende wurden: "Der Pokal steht nur ein paar Meter neben dem Spielfeld, aber wenn wir verlieren, dürft ihr ihn nicht einmal berühren. Ich sage euch: Viele von euch werden nie näher an diesen Pokal herankommen. Wagt also nicht, in die Kabine zurückzukommen, wenn ihr nicht euer Bestes gegeben habt."

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Mario Basler trifft schon in der 6. Minute.

(Foto: imago/Sven Simon)

Doch die Worte des Trainers schienen keine durchschlagende Wirkung zu haben. Auch in der zweiten Hälfte hatten die Bayern die besseren Möglichkeiten auf ihrer Seite. Und allen Fans im Stadion und den Millionen Zuschauern vor den TV-Geräten war klar: Hätte entweder der Pfostenschuss von Mehmet Scholl oder der Lattenknaller nach einem Fallrückzieher von Carsten Jancker den Weg ins Tor anstatt ans Aluminium gefunden – die Partie wäre entschieden gewesen.

Champagner war schon auf dem Weg

Doch dann kam die Nachspielzeit. Am nächsten Tag beschrieb eine englische Zeitung diese außergewöhnlichen Minuten des Teams von Manchester United so: "Sie konnten nicht gewinnen wie eine normale Mannschaft. Nicht diese Männer. Nicht diese bemerkenswerten, unaufhaltsamen und unschlagbaren Männer von Manchester. Fergusons Götter." Mario Basler erinnerte sich später so an diese Momente: "Als ich damals in der 89. Minute ausgewechselt wurde, war der Champagner schon auf dem Weg zu uns. Die Mützen waren bereitgelegt. Eine hatte ich sogar schon ganz kurz auf". Doch dann fiel nach genau 90 Minuten und 36 Sekunden der Ausgleich durch den eingewechselten Teddy Sheringham für Manchester. Und Basler: "Da sagte ich zu unserem Zeugwart Charly: Stell noch mal kalt, das dauert noch ein bisschen."

Doch der Mittelfeldspieler der Bayern sollte sich täuschen. Nur knapp 30 Sekunden nach dem Ausgleich erkämpfte sich Manchester einen Eckball. Beckham flankte, Sheringham verlängerte und der ebenfalls eingewechselte Ole Gunnar Solskjaer drückte den Ball nach 92 Minuten und 17 Sekunden über die Linie. Kommentator Clive Tyldesley sollte wenige Augenblicke später seine legendären Worte ins TV-Mikrofon sprechen: "Manchester United have reached the Promised Land!" Und Basler? Der schmiss seine Mütze zur Seite und rannte in die Kabine: "Ich hab mir sofort eine Zigarette angesteckt. Dann kam Franz (Beckenbauer, Bayern-Präsident, Anm.d.Red.). Wir haben fünf, sechs Minuten gar nicht gesprochen, nur den Kopf geschüttelt. Dann kamen die Jungs. Die Stimmung wurde natürlich nicht besser."

"Fußball, bloody hell"

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Am Ende feiert Manchester United.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Draußen stammelte ein total enthemmter Alex Ferguson in die Kameras: "Ich kann es nicht glauben. Ich kann es einfach nicht glauben. Fußball, bloody hell!" Und nachdem er sich wieder etwas gefangen hatte, erinnerte er an den großen Trainer von Manchester United, Matt Busby, der am 6. Februar 1958 bei einem Flugzeugabsturz in München große Teile seiner Mannschaft, genannt die "Busby Babes", verloren hatte: "Heute wäre der 90. Geburtstag von Sir Matt Busby gewesen. Er hat bestimmt da oben rumgekickt." 


Und bei den Bayern? Da feierte nur noch einer: Basler. Er machte die Nacht zum Tag: "Beim Präsidium habe ich den Tisch kaputt getanzt. Da rief mir Rummenigge hoch: Du bekommst einen Vertrag auf Lebenszeit. Da rief ich: Da müssen aber zwei unterschreiben." Und tatsächlich war Basler zwei Jahre später nicht mehr mit dabei, als der FC Bayern München im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia den Champions-League-Pokal holte.

Für die anderen Spieler wie Kahn, Jens Jeremies, Mehmet Scholl, Carsten Jancker, Thomas Linke, Sammy Kuffour oder Stefan Effenberg war die "Mutter aller Niederlagen" eine Offenbarung. Die simple Weisheit, dass ein Spiel erst zu Ende ist, wenn der Schiedsrichter das letzte Mal in seine Pfeife geblasen hat, hatte dieses Team auf die schmerzhafteste Weise, die es überhaupt geben kann, verinnerlicht. Die engen Meisterschaftskämpfe in den Jahren 2000 gegen Bayer Leverkusen und 2001 gegen den FC Schalke 04 waren Ausdruck dieser neu gewonnenen mentalen Stärke. Jeremies hat einmal gesagt: "Diese Schmach von Barcelona hat uns die Kraft gegeben, nicht lockerzulassen, bis wir es sind, die ganz oben stehen." Und genau das haben sie schließlich mit dem Champions-League-Gewinn im Jahr 2001 geschafft.

Den Gegnern des FC Bayern München bleibt seit damals nur die Erinnerung an diese unvergesslichen Minuten der Nachspielzeit von Barcelona, als das Team von Manchester United am 26. Mai 1999 der Welt zeigte, dass auch die Bayern am Ende des Tages nicht immer als Gewinner vom Platz gehen müssen.

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Quelle: n-tv.de

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