Fußball

Fußball-Zeitreise, 11.05.1977 Der pinke Skandal-HSV holt den Cup

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Aus einer Zeit, in der Mannschaftsbilder noch Charme hatten - und der HSV noch Erfolg: 1977 holten die Norddeutschen den Europapokal der Pokalsieger.

(Foto: imago/Horstmüller)

HSV-Manager Peter Krohn ist mit Sicherheit eine der schillerndsten Gestalten der Bundesliga-Historie – und ein unglaublich umtriebiger Mann. Ausgerechnet zur Europapokal-Saison packt er die pinken Trikots aus. Und dann gewinnt der HSV auch noch den Cup!

Den Job von Trainer Kuno Klötzer möchte man Mitte der 70er-Jahre beim Hamburger SV nicht gerne gehabt haben. Jede einzelne Entscheidung, jede Aufstellung und jede Personalie musste Klötzer mit seinem Manager Dr. Peter Krohn besprechen. Woher die interessierte Öffentlichkeit das so genau weiß? Man kann es heute noch in den Zeitungen und Magazinen von damals nachlesen.

Peter Krohn erzählte sehr freizügig jedes einzelne Detail dieser internen Konferenzen noch vor den jeweiligen Partien der heimischen Presse. Der Mann liebte das Leben im Rampenlicht des Fußballs und genoss es, wenn seine Sprüche für Schlagzeilen sorgten. So plante er beispielsweise zum 90-jährigen Vereinsgeburtstag im September 1977 eine dreistündige Gala unter dem Motto "Das ist der HSV". Die gesamte Show-Branche Deutschlands sollte auftreten und Krohn natürlich moderieren. Ein Problem gab es allerdings aus seiner Sicht noch und das tat er grinsend kund: "Ich suche eine hübsche Partnerin, denn schöne Frauen stimulieren mich!"

Startschuss zur goldenen Ära des HSV

Man kann sich vorstellen, dass die extrovertierte Art des Managers in dem hanseatisch vornehmen Hamburg nicht immer auf Wohlgefallen stieß. Und als Krohn dann auch noch nach dem DFB-Pokalgewinn 1976 zur Saisoneröffnung neben einer Blaskapelle und Blödelheini Mike Krüger neue Trikots ganz in Pink präsentierte, schien seine Zeit in der Hansestadt langsam abzulaufen. Doch es kam anders, als viele dachten: Denn der HSV schloss eine eher durchschnittliche Bundesliga-Saison zwar nur auf dem sechsten Platz ab, aber gewann am 11. Mai 1977 nach einer spektakulären Spielzeit den Europapokal der Pokalsieger. Dieser unverhoffte Triumph war nach dem DFB-Pokalgewinn ein Jahr zuvor der endgültige Startschuss zu einer goldenen Ära des HSV, die diesen Verein heute noch nachhaltig prägt.

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HSV-Trainer Kuno Klötzer (l.) und Manager Peter Krohn erlebten gemeinsam eine interessante Zeit in Hamburg.

(Foto: imago/Horstmüller)

Im Nachhinein wird sich Trainer Kuno Klötzer vermutlich häufiger die Frage gestellt haben: Wie habe ich das damals mit diesem Mann nur ausgehalten? Doch der Erfolg im Finale von Amsterdam im Mai 1977 als Schlussakkord auf ein spätexpressionistisches Zwölftonstück á la Schönberg zwischen den Widersachern Krohn und Klötzer überspielt triumphal die Misstöne zwischen den beiden während der vierjährigen Amtszeit des Trainers. Dennoch war es folgerichtig von Klötzer nach dem Sieg im Endspiel gegen den RSC Anderlecht den Weg frei zu machen für einen neuen Mann. Noch eine Spielzeit wäre dieses knallharte Duell nicht gut gegangen.

Man muss sich vorstellen, dass Manager Krohn nach einem überzeugenden 4:2-Hinspielerfolg in der zweiten Runde über Heart of Midlothian aus Sorge, dass es im Rückspiel bei den Schotten aufgrund der zuvor gezeigten Leistungen des HSV in der Bundesliga problematisch für die Hamburger werden könnte, der Presse erzählte: "So, meine Herren, ich darf Ihnen heute mitteilen, dass für die Mannschaftsaufstellung und die taktische Ausrichtung einzig und allein Herr Klötzer verantwortlich ist!"

Max Merkel wartet vergeblich

Für den Fall der Fälle, dass es tatsächlich bei den Schotten schief gegangen wäre, so munkelte man damals, soll Krohn sogar schon einen Nachfolger für Klötzer in Hamburg sitzen gehabt haben. Max Merkel soll bereits voller Vorfreude auf seine Berufung in einem Hotel gesessen haben.

Aber dazu kam es nicht, denn der HSV schlug Heart of Midlothian im eigenen Stadion mit 4:1. Und was machte Manager Krohn direkt nach der Partie? Er berichtete der Presse, dass er natürlich gehörigen Anteil an diesem überzeugenden Sieg habe, denn er wäre es schließlich gewesen, der verhindert habe, dass Georg Volkert auflief. Und genau das wäre ja das entscheidende taktische Mosaiksteinchen für den Triumph gewesen. Unfassbar eigentlich, aber damals war dieses Gebaren in Hamburg an der Tagesordnung.

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Doch die verbale Schlammschlacht des Managers war nur die eine Seite. Die andere waren kleine Sticheleien, die schließlich fast zur Rebellion des gesamten Teams und zum vorzeitigen Rückzug Klötzers führten. Denn vor dem Halbfinal-Hinspiel in Madrid ließ Krohn den Bus zum Abschlusstraining ohne den Coach und einige Spieler vorzeitig ins Stadion von Atlético abfahren – nur weil sich die Beteiligten um wenige Minuten verspätet hatten. Ein Skandal, der in weiteren schlimmen verbalen Scharmützeln zwischen den beiden – wie immer öffentlichkeitswirksam ausgetragen über die Boulevardpresse – mündete. Doch auch dies alles wurde überdeckt von einem phänomenalen Rückspiel des HSV gegen die Spanier, als man die 3:1-Hinspielniederlage durch ein kolossales 3:0 in der Rückpartie wettmachte.

Und dann kam der 11. Mai 1977. Über 60.000 Zuschauer sahen in Amsterdam ein kampfbetontes Spiel mit viel Klasse und einen Hamburger SV, der seine Chancen eiskalt nutzte. Als in der 79. Minute Arno Steffenhagen im Strafraum des RSC Anderlecht gefällt wurde, behielt Georg Volkert die Nerven und netzte den Ball vom Elfmeterpunkt ein. Das Tor von Felix Magath zum 2:0 Sekunden vor Abpfiff der Partie ging fast im Jubel unter.

"Fußball ist kein Buch mit sieben Siegeln"

Ein paar Wochen später war Kuno Klötzer beim HSV Geschichte. Rudi Gutendorf sollte ihm als neuer Trainer der Hamburger nachfolgen. Und Manager Peter Krohn? Der tat das, was er schon immer am liebsten machte – er redete mit Journalisten. Mit stolz geschwellter Brust erklärte ihnen nach dem Europapokal-Triumph zum Saisonstart: "Meine Herren, tun Sie doch nicht so, als ob Fußball ein Buch mit sieben Siegeln sei. Wenn man ein paar Mal richtig hinschaut, weiß man doch, wie der Hase läuft!" Doch das stimmte nicht.

Ende des Jahres war auch für Peter Krohn Schluss beim HSV. Nachdem er sich ein Jahr später mit einer eigenen Show beim Fernsehen präsentieren durfte, schrieb ein gewisser Klaus O. aus St. Wendel in einem
 Leserbrief durchaus ketzerisch: "Ein weiser Mann hat einmal gesagt: Zwei Dinge sollte man den Fachleuten überlassen, die Prostitution und die Nationalökonomie. Er hat Krohn nicht gekannt, sonst hätte er eine dritte Variante hinzugefügt." Aber bei aller Kritik: Tüchtig Leben hat Peter Krohn mit seiner sehr speziellen Art durchaus in die Bundesliga gebracht. Und den Sieg im Europapokal der Pokalsieger vom 11. Mai 1977 wird man ebenfalls auf ewig mit ihm verbinden.

Quelle: n-tv.de

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