Fußball

Matips leiser Weg in Liverpool Der unterschätzteste Verteidiger der Welt

imago40229606h.jpg

Joel Matip hat auch die besten Angreifer der Welt im Griff - so wie hier Barcelonas Luis Suarez.

(Foto: imago images / PA Images)

Die Defensive des FC Liverpool steht stabil, das wird meist der Klasse von Abwehrchef Virgil van Dijk gutgeschrieben. Enormen Anteil daran hat aber auch ein Ex-Schalker: Denn die Zweifel, die Joel Matip stets begleiteten, hat er weggegrätscht.

Alberto Moreno steht auf einer Streichliste des FC Liverpool. Der Spanier ist ein solider Mann für die linke Abwehrseite. Aber ein Mann ohne Perspektive bei den Fußballern aus dem Nordwesten Englands. Denn an Andrew Robertson kommt der 26-Jährige nicht vorbei. Der Schotte ist der Dauerläufer der Reds. Er kann grätschen. Und flanken. Beides sogar richtig gut. Auch Stürmer Daniel Sturridge steht auf jener Liste der Spieler, die Coach Jürgen Klopp für verzichtbar hält. Angesichts der Konkurrenz durch Mo Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino scheint das kein allzu wildes Gerücht. Diese Liste ist übrigens kein brisanter "Leak" sondern bloß eine Spielerei des "Mirror". Veröffentlicht vor anderthalb Monaten. Ein besonders großes Risiko geht die Zeitung bei den genannten Spielern nicht ein - zu unwichtig sind sie (geworden).

Tottenham Hotspur - FC Liverpool, 21 Uhr

Tottenham Hotspur: Lloris - Trippier, Alderweireld, Vertonghen, Rose - Wanyama, Sissoko - Son, Alli, Eriksen - Kane; Trainer: Pochettino.
FC Liverpool: Alisson - Alexander-Arnold, Matip, Van Dijk, Robertson - Fabinho, Henderson, Wijnaldum - Mane, Firmino, Salah; Trainer: Klopp. Schiedsrichter: Skomina (Slowenien)

Allerdings hält der "Mirror" auch Joel Matip für überflüssig. Eine Einschätzung, die spätestens seit diesem Freitag überholt ist. Denn da berichtete der "Daily Telegraph", dass der Innenverteidiger vorzeitig einen neuen Vertrag bei den Reds erhalten soll. Sein aktuelles Arbeitspapier würde im Sommer 2020 auslaufen. Gehen lassen wollen die Liverpooler den 27-Jährigen nicht, schon gar nicht ablösefrei. Zu wichtig ist er geworden als Stammspieler an der Seite von Virgil van Dijk, des teuersten und im Moment wohl auch besten Abwehrspielers der Welt. Der Niederländer, der im Winter 2018 vom FC Southampton für die Ablöse von 85 Millionen Euro an die Anfield Road gewechselt war, ist unumstritten. Ein Koloss, schnell, extrem zweikampfstark, mit einem beeindruckenden Kopfball, einer überragenden Spielintelligenz und unerschütterlich chefig im Auftreten.

Joel Matip ist eben genau das nicht. Er ist keine Abwehrwucht, dessen Ausstrahlung allein ausreicht, um den Gegenspieler bereits massiv einzuschüchtern. Matip ist groß, aber schlacksig, dazu ein wenig schüchtern im Auftreten. Und dennoch taugt sein konsequentes Spiel, um die Größten dieses Sports zu entnerven. Im Halbfinal-Rückspiel der Champions League, beim aberwitzigen 4:0 gegen den FC Barcelona, verteidigte der gebürtige Bochumer mal Lionel Messi, mal Luis Suarez und mal Philippe Coutinho. Eine Szene mit nachhaltiger Bedeutung gestattete er diesen drei Weltklasse-Fußballern nicht. Und so staunte selbst Trainer Klopp später bei DAZN: "Was hat denn Joel Matip bitte heute gespielt? In Barcelona schon, aber nochmal heute Abend, das ist ja verrückt. Das hat richtig Spaß gemacht."

"In die Kategorie Weltklasse aufgestiegen"

Das mit dem Spaß ist offenbar ein Ding, das auch andersrum gut funktioniert. So sagt Matip über Klopp: "Er fordert viel, aber er gibt einem auch eine gute Unterstützung. Er versucht dich immer besser zu machen. Es ist sehr schön unter ihm zu arbeiten." Es ist eine Arbeit, die sich auszahlt: Zum zweiten Mal nacheinander steht Liverpool im Finale der Champions League. Im vergangenen Jahr in Kiew gegen Real Madrid fehlte Matip wegen Problemen am Oberschenkel. Für heute Abend ist er fit, dann geht's in Madrid um 21 Uhr gegen Tottenham Hotspur (im Liveticker bei n-tv.de). Eine Mannschaft, so Matip, die alles mitbringt, um die Reds zu ärgern. Eine Mannschaft, die alles mitbringt, um Jürgen Klopps grotesken Finalfluch zu verlängern.

Lobeshymnen bekommt Matip derweil sonst eher selten zu hören. Ein Mann für die erste Reihe ist er nicht. Er tummelt sich nicht in den sozialen Netzwerken, in den Interviews wirkt er mitunter nervös. Ein Attribut, das manchmal auch seinem Spiel anhaftet - wegen seinen schlacksigen Bewegungen. Als Matip, der erst beim VfL Bochum, dann beim FC Schalke 04 groß geworden ist, im Achtelfinale der Königsklasse gegen den FC Bayern die Abwehr chefig organisieren musste, waren viele Fans in Anfield angespannt. Ohne van Dijk, er fehlte gesperrt, und an der Seite des ungelernten Fabinho, galt die Abwehr als anfällig. War sie aber nicht. Auch weil der FC Bayern sich kaum traute, mal massiv Druck auf diese Formation ohne ihren wuchtigen Abwehrchef auszuüben - und stattdessen ein reifes Abwehrstück aufführte. Matip spielte ruhig, unaufgeregt, unauffällig, fehlerfrei. Wie doch eigentlich so oft. Einen kleinen Patzer leistete er sich im Rückspiel - beim eigentlich souveränen 3:1 in München. Da erzielte er den zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich für die Münchener per unglücklichem Eigentor-Abstauber. Robert Lewandowski hatte hinter dem Nationalspieler Kameruns gelauert. Matip musste eingreifen.

Sein vorläufiges Meisterstück lieferte der 27-Jährige zwei Runden später ab, eben gegen Barcelona. "Das war eine Eins Plus. Das war eine Weltklasseleistung - defensiv und offensiv. Joel ist mit diesem Spiel in die Kategorie Weltklasse aufgestiegen", sagte sein ehemaliger Schalker U19-Trainer Norbert Elgert der "WAZ". Seiner weitsichtigen Entscheidung ist es letztlich zu verdanken, dass Matip nicht früh durchs Raster flog. In der "WAZ" heißt es: Lange stand auf der Kippe, ob Matip auf Schalke überhaupt den Sprung von der U17 zu Elgert in die U19 schaffen würde. Als Jugendlicher war er auf einen Schlag ziemlich gewachsen, wodurch seine Koordination ins Wanken geriet. Letztlich sei er "nur mit Ach und Krach" in den Kader der A-Jugend aufgenommen worden. Im Gespräch mit n-tv.de sagt Elgert: "Joel musste sich viele Dinge ganz hart erarbeiten. Er ist dabei extrem ehrgeizig, fleißig, bodenständig und zuverlässig. Aber bis zu seinem Profidebüt unter Felix Magath ist ihm definitiv nichts geschenkt worden."

"Besonders gut, wenn es drauf an kommt"

Tatsächlich wirkt Matips Wirken oft hölzern, undynamisch, manchmal tranig. Dabei ist er ein herausragender Zweikämpfer mit einem starken Timing fürs Tackling, mit einem feinen Gefühl für Situationen. 70 Prozent seiner Mann-gegen-Mann-Duelle hat er in der Liga gewonnen, nur etwas weniger als Abwehrchef van Dijk (76 Prozent). Gleichzeitig aber doch deutlich mehr als Aymeric Laporte, der die Abwehr von Englands Meister Manchester City organisierte und dabei 60 Prozent seiner Zweikämpfe gewann. Auch im Spielaufbau ist Matip eine zuverlässige und gefährliche Konstante - 87 Prozent seiner Pässe kommen an, nicht selten spielt er lange, präzise Balle in die Spitze. Und noch eine Eigenschaft hebt Elgert hervor: "Mental ist Joel sehr belastbar, das heißt, dass er immer dann besonders gut ist, wenn es drauf an kommt." Einzig seinen wuchtigen Kopfball kann er in Liverpool kaum mehr einbringen. Die meisten hohen Bälle nach Standards landen bei van Dijk.

Dass Matip trotz all dieser Eigenschaften immer wieder von Kritik begleitet wird, schiebt Elgert auf die Persönlichkeit des Innenverteidigers: "Er ist halt kein Lautsprecher und hat lieber seine Ruhe. Er stellt sich nie in den Vordergrund, sondern immer in den Dienst der Mannschaft." Diese Zurückhaltung macht ihn für seinen ehemaligen Jugendtrainer zu "einem der unterschätztesten Spieler, obwohl er inzwischen einer der besten Innenverteidiger der Welt ist". Das hat nun offenbar auch der "Mirror" erkannt. Zur anstehenden Vertragsverlängerung des 27-Jährigen schrieb die Zeitung am Freitag: "Matip hat seine Chance genutzt, an der Seite von Virgil van Dijk hat er beeindruckt."

Nur an einem Abwehr-Streichkandidaten hält die Zeitung fest: an Alberto Moreno.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema