Fußball

Klopps Reds feiern das CL-Wunder Eine "Genie"-Ecke blamiert Messis Barcelona

Jürgen Klopp sieht es nicht, so überraschend kommt es: Dank einer genialen Blitzecke schafft der FC Liverpool tatsächlich das Champions-League-Wunder gegen den FC Barcelona. Matchwinner der Reds ist ein Mann, der vor ziemlich genau einem Jahr Holstein Kiels Träume zerstörte.

Trent Alexander-Arnold hat in diesem Moment die beste Idee seines Lebens. Eigentlich schlurft der junge Rechtsverteidiger des FC Liverpool in dieser 79. Minute von der Eckfahne weg. Den Ball hat er zuvor schon bereitgelegt. Trent Alexander-Arnold, so scheint es, überlässt diese Standardsituation Xherdan Shaqiri. Der Schweizer, der nur spielte, weil Superstar Mo Salah verletzt war, trabt langsam zu dem Punkt, an dem der Ball bereitliegt. Dann beschleunigt Alexander-Arnold sein Handeln, er dreht sich, macht zwei ganz schnelle Schritte, schießt den Ball flach in die Mitte zu Divock Origi - Tor, 4:0, das legendäre Anfield bebt, der FC Barcelona ist blamiert. Erneut dramatisch gescheitert in der Champions League - diesmal im Halbfinale, trotz eines üppigen 3:0-Vorsprungs aus dem Hinspiel, trotz guter Gelegenheiten im Rückspiel.

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Neun Spieler der Katalanen und Torwart Marc-André ter Stegen stehen in diesem Moment am oder im eigenen Strafraum. Sie gucken, sie orientieren sich, sie sind mit ihren Gedanken, mit ihren Blicken irgendwo, nur nicht bei Alexander-Arnold. Und auch nicht bei Origi. Der Mittelstürmer steht am Fünfmeterraum völlig alleine, er nimmt die Hereingabe direkt und löffelt sie knapp neben den linken Innenpfosten (aus Sicht des Schützen) und knapp unterhalb der Latte ins Tor. Barcas Abwehrchef Gerard Piqué und ter Stegen zucken zwar noch, als Gegenwehr gehen diese physischen Reflexe aber nicht durch. Für Origi, der ebenfalls nur spielte, weil mit Roberto Firmino ein weiterer Topstürmer der Reds nicht einsatzbereit war, ist es bereits das zweite Tor an diesem Abend - auch das 1:0 (7.) hatte er erzielt. Es war das wichtigste, das emotionalste Tor seines Lebens. Er hatte den Wahnsinn von Anfield vollendet, den Georginio Wijnaldum mit seinem 122-Sekunden-Doppelpack (54./56. Minute) massiv eingeleitet hatte.

"Mit jedem anderen Team hätte ich nicht geglaubt, dass es möglich ist", staunte Jürgen Klopp. "Fucking mentality giants" nannte er seine Jungs. Mentalitätsgiganten. Tatsächlich hatten die alles auf das Wunder ausgerichtet. Sie hatten sich einen Teufel drum geschert, dass mit Salah und Firminio zwei ihren Besten nicht spielen konnten. Sie hatten sich einen Teufel drum geschert, dass beim FC Barcelona Lionel Messi spielt, der ihnen im Hinspiel mit zwei Toren und einem Traumfreistoß noch so wehgetan hatte. Sie hatten ihn einfach doppelt und dreifach belagert, wenn er am Ball war. Und wenn sie selbst am Ball waren, dann hatten sie einfach Klopp-Fußball gespielt - schnell, wild, voller Leidenschaft, voller Power. "Es war eine außergewöhnliche Nacht. Das haut dich um", so Klopp. "Es ist einfach unglaublich, diese Saison, diese Spiele, diese Verletzungen, die wir hatten. Was sie heute geleistet haben, war wirklich besonders. Ich werde das niemals vergessen."

"Wow, was für ein genialer Moment"

Vor allem nicht diese historische Ecke, selbst wenn Klopp die im Stadion gar nicht live gesehen hatte. "Das war eine Idee von Trent. Wow, was für ein genialer Moment. Der Junge ist 20 Jahre alt, geboren hier in Liverpool. Was für ein Kerl. Unglaublich", schwärmte der Coach. "Ich habe noch mit irgendjemandem gequatscht, dann kommt Ben Woodburn auf mich zu und fragt, was da gerade passiert sei." Ganz aus dem Nichts kam der Geniestreich nicht. "Wir verwenden viel Zeit darauf, wollen schnelle Standardsituationen haben." Weniger überrascht war Origi - zum Glück für den FC Liverpool. "Ja, es war einstudiert. Jürgen Klopp sagt im Training immer, dass wir aufmerksam sein und diese Chancen nutzen sollen. Ich habe gesehen, dass Barcelona unaufmerksam war, und habe den Ball gefordert", erklärte der Halbfinal-Held. "Ein unglaublicher Abend. Von diesen Toren werde ich mein Leben lang träumen."

Liverpool - Barcelona 4:0 (1:0)

Liverpool: Alisson Becker - Alexander-Arnold, Matip, van Dijk, Robertson (46. Wijnaldum) - Fabinho - Henderson, Milner - Shaqiri, Mane, Origi  (85. Gomez)Trainer: Klopp
Barcelona: ter Stegen - Sergi Roberto, Pique, Lenglet, Jordi Alba - Sergio Busquets - Vidal (75. Arthur), Rakitic - Messi, Luis Suarez, Coutinho (60. Semedo) Trainer: Valverde
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Tore: 1:0 Origi (7.), 2:0 Wijnaldum (54.), 3:0 Wijnaldum (56.), 4:0 Origi (79.)
Gelbe Karten: Fabinho (12.), Matip (66.) - Sergio Busquets (45.), Rakitic (53.), Semedo (76.)
Zuschauer: 52.000 (ausverkauft)

Die Geschichte des 24 Jahre alten Belgiers ist durchaus bemerkenswert. Vor ziemlich genau einem Jahr, am 17. Mai 2018, hatte er schon einmal ein wichtiges Tor geschossen, für den VfL Wolfsburg, in der Relegation gegen Zweitligist Holstein Kiel. Der Treffer bereitete den Weg für den Klassenerhalt des niedersächsischen Erstligisten. Und was machte Origi? Von dem kam lange nichts. Er kehrte nach Liverpool zurück (er war an den VfL nur ausgeliehen), spielte in der Premier League in dieser Saison gerade einmal 303 Minuten und schoss dabei drei Tore. In der Champions League kommt er auf 189 Minuten, zusammengestückelt über sieben Spiele, auf zwei Torschüsse - und zwei Tore. "Vor dem Spiel habe ich mit meiner Familie gesprochen. Die haben mir gesagt, dass das mein Spiel werden wird. Es ist unglaublich, diese Tore gemacht zu haben. Es ist einer der schönsten Momente meiner Karriere."

Den FC Barcelona dagegen trifft dieses "Miracle-Déjà-vu" hart. Schon in der vergangenen Saison vergeigte die Mannschaft einen souveränen Hinspiel-Vorsprung. 4:1 hatten die Katalanen am 4. April 2018 gegen den AS Rom gewonnen, um eine Woche später mit 0:3 aus dem Viertelfinale zu fliegen. Damals wie gestern stand beim Gegner übrigens der überragende Alisson Becker im Tor. "Ich entschuldige mich bei den Fans, weil es uns schon wieder passiert ist. Das ist sehr hart", erklärte Sergio Busquets. Und hat womöglich Konsequenzen. Für Trainer Ernesto Valverde. "Als Trainer muss ich die Verantwortung übernehmen." Für die Niederlage. Und für die Schläfrigkeit bei Trent Alexander-Arnolds bester Idee.

Quelle: n-tv.de

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