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Verabschiedet sich Antoine Griezmann mit seinem ersten großen Titel von Atlético?
Verabschiedet sich Antoine Griezmann mit seinem ersten großen Titel von Atlético?(Foto: imago/Marca)
Mittwoch, 16. Mai 2018

Marseille fordert Atlético: Die Angst, die Gier und Grizous Adieu

Von Tobias Nordmann

Antoine Griezmann ist einer der begehrtesten Fußballer Europas - jetzt will er in seinem wohl letzten Highlight-Spiel für Atlético endlich den ersten großen Titel. Das Europa-League-Finale steht aber nicht nur daher unter besonderer Beobachtung.

Diego Simeone sitzt wieder nur auf der Tribüne. Das macht den emotionalen Argentinier sehr traurig, sagt er. Viel lieber würde er doch an der Seitenlinie stehen. Dort wo er sich als Trainer normalerweise aufhalten sollte. Wo er seine Mannschaft anleitet, strukturiert und anfeuert. Dass er das auch am Abend im Finale der Europa League gegen Olympique Marseille (ab 20.45 Uhr bei Sport1 und im Liveticker bei n-tv.de) nicht darf, lastet schwer auf seiner Seele. Die hatte sich im Halbfinal-Hinspiel des Wettbewerbs gegen den FC Arsenal bereits nach 13 Minuten vom kleinlich pfeifenden Schiedsrichter Clement Turpin so gereizt gefühlt, dass Simeone vom Unparteiischen völlig überhitzt auf die Tribüne geschickt und von der Uefa später für insgesamt vier Europacup-Spiele gesperrt worden war.

Olympique Marseille - Atlético Madrid, 20.45 Uhr

Olympique Marseille: Mandanda - Sakai, Luiz Gustavo, Rami - Sarr, Ocampos, Zambo, Sanson, Payet, Amavi - Thauvin; Trainer: Rudi Garcia. Atlético Madrid: Oblak - Juanfran, Savic, Godin, Filipe Luis - Thomas, Saul Niguez - Gabi, Koke - Griezmann, Diego Costa; Trainer: Diego Simeone.
Schiedsrichter: Björn Kuipers (Niederlande)
Stadion: Groupama Stadium (Lyon)

Den emotionalen Stöpsel hat der Verband den Rojiblancos mit der Innenraum-Verbannung des Trainers aber nicht gezogen. Denn auch Simeones Assistent Germán Burgos trägt das Gen zur wütenden Ekstase tief in sich. Wie sich die Deutsche Presseagentur erinnert musste auch der Mann mit dem Türsteher-Format schon einmal vehement von einem tätlichen Angriff auf den Schiedsrichter abgehalten werden. Zum großen Thema aber machen die Madrilenen die Trainergeschichte nicht. Denn überlagert wird das Finale im Groupama Stadium in Lyon von einer anderen Personalgeschichte. Vom sich abzeichnenden Abgang des Topstars Antoine Griezmanns zum FC Barcelona.

Der neue spanische Meister wirbt seit Monaten öffentlich heftig um den französischen Stürmer. Das geht den Rojiblancos gewaltig auf den Keks. "Wir haben Barcelonas Verhalten satt", schimpfte Atléticos Klubboss Miguel Ángel Gil Marín vor wenigen Tagen. Zuvor hatte der Präsident der Katalanen, Josep María Bartomeu, in einem Interview erklärt, bereits im Oktober mit dem Manager des umworbenen Spielers gesprochen zu haben. Griezmann kann den Europa-League-Finalisten ab dem 1. Juli trotz Vertrags bis 2022 für eine festgeschriebene Ablösesumme von 100 Millionen Euro verlassen. Gerne würde man hören, was der Franzose aktuell zu sagen hat, aber er wird derzeit bestens abgeschirmt. Beim "Media Day" zum Finale vor einer Woche, einem Termin wo Fußballer Journalisten zum Gespräch treffen, wurde ausgerechnet Griezmann den Medien vorenthalten, berichtet die "Süddeutsche Zeitung".

Gibt's das Titel-Happy-End?

Im Fokus bleibt er trotzdem. Denn sein vermeintlich letztes großes Spiel für das favorisierte Atlético endet so oder so mit einer emotionalen Pointe. Entweder geht er mit seinem ersten großen Pokal - oder die Liebesgeschichte, die war es zweifellos, zwischen dem Klub und dem schmalen Angreifer, den sie Grizou rufen, endet ohne Titel-Happy-End. Es wäre fast tragisch, denn Griezmann schleppt einen ihn erdrückenden Makel mit sich herum. In seinem wohl wichtigsten Spiel für die Madrilenen setzte er im Champions-League-Finale 2016 gegen den Stadtrivalen Real einen Strafstoß kurz nach der Pause an die Latte (Stand da, 0:1). Zwar traf er später im Elfmeterschießen, das Spiel aber ging verloren (3:5 n.E.) und der Franzose haderte mit seinem ersten Fehlschuss: "Ich bin sicher, dass wir dann gewonnen hätten." Im gleichen Sommer verlor er mit der französischen Nationalmannschaft übrigens auch noch das WM-Finale "maison" gegen Portugal.

Nun, in Lyon will er diesen Makel endlich tilgen. Als besonders motiviert empfindet ihn dieser Tage sein Teamkollege Saúl Ñíguez. Womöglich liegt das nicht nur an Griezmanns emotionaler Bindung zum Klub, für den er seit 2014 spielt, sondern auch an der Nähe des Finalorts zu seiner Heimat. Der Geburtsort Mâcon liegt gerade einmal 75 Kilometer von der Final-Spielstätte entfernt. Aber Lyon ist auch für den Gegner mit Emotionen verbunden. 25 Jahre nach dem letzten Europacup-Triumph - am 26. Mai 1993 schlug Olympique Marseille mit Rudi Völler und dank eines Treffers von Basile Boli, den AC Mailand im Landesmeister-Finale im Münchener Olympiastadion - können die Franzosen in ihrer Heimat wieder Geschichte schreiben. "Die Sieger von damals sind immer noch Helden in unserem Klub", sagt Nationalspieler Dimitri Payet, "wenn wir das Finale gewinnen, werden unsere Namen ebenfalls in die Geschichtsbücher des Klubs eingetragen." Und Olympique hat einen prominenten Unterstützer, der zusätzlich Brisanz bringt: Zinedine Zidane, Coach von Atléticos Erzrivalen Real, ist in Marseille geboren und Anhänger des Klubs, obwohl er dort nie gespielt hat. Er sagt: "Ich werde für Marseille vibrieren."

Heftig vibrieren wird's wohl leider auch auf den Rängen. Das EL-Finale wird als Hochsicherheitsspiel eingestuft. Große Sorgen bereiten die Problemfans von Marseille, die mit den Anhängern von Olympique Lyon, Platzherr im Groupama-Stadion, aufs Allerhärteste verfeindet sind. In den letzten Duellen der beiden Klubs war es zu massiven Ausschreitungen gekommen. Ultras hatten Sitze aus der Verankerung gerissen und diese wie auch Teile der Sanitäranlagen als Wurfgeschosse benutzt. "Wir haben reagiert und deutlich mehr Maßnahmen ergriffen als zu Spielen der EM 2016", sagte Polizeisprecher Stephane Boillon laut Sportinformationsdienst. 1250 Polizisten sind im Einsatz, ein Hubschrauber und zwei Wasserwerfer stehen bereit. Marseille bringt sogar 200 eigene Ordner mit nach Lyon.

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Quelle: n-tv.de