Fußball

Die Lehren des 28. Spieltags Die Notelf bringt den FC Hollywood in Not

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Nein, mit dieser Mannschaft wollte Hansi Flick nicht in den Saisonendspurt gehen.

(Foto: EIBNER/Sascha Walther)

Kürzlich entscheidet der FC Bayern die Meisterschaft, eine Woche später nimmt er die Entscheidung wieder zurück. Im Tabellenkeller passieren derweil wunderliche Dinge. Die haben auch mit dem FC Schalke zu tun - und können einen einst Geretteten zurück in Not bringen.

Das Comeback des FC Hollywood

Herrscht beim FC Bayern eigentlich gerade auf oder abseits des Platzes mehr Chaos? Die Bayern sind auf dem besten Weg zurück zum FC Hollywood. Was zählt, ist derzeit nicht auf dem Platz, sondern was daneben passiert. Der ewige Zoff zwischen Trainer Hansi Flick und Sportvorstand Hasan Salihamidzic. Es geht um Jérôme Boateng. Es geht immer noch um David Alaba. Es geht um die Kaderplanung im Allgemeinen. Das Intervenieren von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und Präsident Herbert Hainer.

Die Urteile vieler Beobachter und Experten, die so ganz anders sind als die des Inner Circle. Die wollen unbedingt mit allen Beteiligten weitermachen - von außen lautet es dagegen klar: Einer muss gehen, so kann es auf Dauer nicht funktionieren. Und Flick selbst? "Nächste Frage!" Der Coach hält sein selbst auferlegtes Schweigegelübde. Allerdings sprechen Mimik und Gestik eine eigene Sprache - und die ist genervt. Er macht überklar, dass er nichts klarmachen will - und klärt damit nur, dass die Gerüchte weiter sprießen.

Das geht auch an den Spielern nicht mehr spurlos vorbei. Manuel Neuer stärkt Flick den Rücken, Thomas Müller adaptiert die Antwort seines Trainers gleich ganz. Und doch bleibt der Knatsch nicht abseits des Platzes. Die Niederlage in der Champions League gegen Paris St. Germain. Das Remis in der Bundesliga gegen den 1. FC Union. Da werden beim FC Bayern derzeit sehr viele Faktoren vermischt und dann überlagert von einem: dem Unmut Flicks.

In der Not hilft auch nicht die Notelf

Die Niederlage in der Champions League gegen Paris St. Germain. Das Remis in der Bundesliga gegen den 1. FC Union. Diese Spiele sind natürlich längst nicht nur das Ergebnis der schwelenden Debatten. Der FC Bayern hat einfach derzeit etwas für ihn sehr Ungewöhnliches: ein Personalproblem. Wer die Aufstellung und die Ersatzbank des Union-Spiels anschaute, hat sich verwundert die Augen gerieben. Wer ist Josip Stanisic in der Startelf? Wer sind Christopher Scott, Remy Vita und Dimitri Oberlin auf der Bank? Ja, Flick schickte eine Notelf ins Rennen, bei der Jamal Musiala, Javi Martinez und sogar Bouna Sarr und Tiago Dantas in die Startelf rückten. Neun Profis musste Flick nur drei Tage vor dem Paris-Rückspiel ersetzen.

Die Bayern bemühten sich, Musiala tanzte seinen Klub denn auch sehenswert in Führung, aber die Gäste schafften es doch, gegen die Bayern in dieser Saison ungeschlagen zu bleiben. Flick sprach zwar von einer "guten Mentalität". Doch so in Not wie aktuell war der Klub schon lange nicht. Das ist kein gutes Vorzeichen für eine Rettung in der Königsklasse.

Und wieder wird der BVB von einem Teenie gerettet

Erling Haaland kam als Teenie zu Borussia Dortmund. Genauso wie Jadon Sancho. Jude Bellingham, Giovanni Reyna, Reinier und Youssoufa Moukoko sind es noch. Sie alle versetzten bereits Fans und Experten in Verzückung. Und diesmal? Diesmal war es Ansgar Knauff. Der 19-Jährige, der erst am Dienstag in der Champions League sein Startelf-Debüt gegeben hatte und nun mit seinem ersten Tor dem BVB den Sieg gegen den VfB Stuttgart bescherte.

Und als wäre das nicht schon sensationell und schön genug, gibt es zu Ansgar Knauff natürlich auch noch eine wunderbare Geschichte. Nämlich die eines Fotos aus dem Jahr 2014. Auf diesem ist Jürgen Klopp zu sehen, der damalige Starcoach der Schwarzgelben, der immer noch unerreichte, der immer noch heißgeliebte und schmerzlich vermisste. Eben jener Klopp hat väterlich seinen Arm um einen kleinen Jungen gelegt, schaut zu ihm herab und spricht dabei ins Mikrofon. Eben jener kleiner Junge ist der damals zwölfjährige Knauff. Er wurde von Klopp geehrt als bester Spieler beim Jugendturnier "Family Cup". "Damals habe ich noch in Göttingen gespielt", erklärte Knauff bei Sky. Er habe zwar die Einladung zum Probetraining bei Dortmunds U13 bekommen, sei aber zunächst zu Hannover 96 gewechselt. Dortmund "war zu weit weg". 2016 zog es ihn dann doch zum BVB - spätestens seit diesem Wochenende eine gute Idee. Und für die BVB-Fans ein neuer Teenie, von dem sie schwärmen können.

Was wird aus Werder?

Vor vier Wochen, nach einem schmeichelhaften, eher herbeigekrampften 2:0-Sieg gegen Arminia Bielfeld, betrug der Vorsprung von Werder Bremen auf den Relegationsplatz 16 noch satte elf Punkte. Florian Kohfeldt hatte seinerzeit zwar noch gemahnt, man müsse "weiter Punkte sammeln, um sicher in der Liga zu bleiben", gleichzeitig war der Trainer der in der Vorsaison nur haarscharf am Abstieg vorbeigeschlidderten Norddeutschen zuversichtlich, dass man angesichts des komfortablen Vorsprungs jetzt aber "wieder mehr Mut entwickelt". Weg vom pragmatischen Punkte zusammenarbeiten wollte man, hin zu einer ansehnlicheren Offensivarbeit. Der alte Weg, er schmerzte Kohfeldt, daran ließ der ehrgeizige Coach nie einen Zweifel.

Die Realität aber ist: Inzwischen steht dem SV Werder das Wasser wieder bis zum Hals, seit der Idee vom sportlichen Kurswechsel ist der Vorsprung auf schlanke vier Zähler auf den Relegationsrang zusammengezurrt. Und ein ganzes Potpourri aus Schwierigkeiten muss den Norddeutschen Sorgen bereiten: Während man selbst nicht mehr punktet, hält die Konkurrenz gar nichts mehr von Nulldiät: Mainz stockt das Punktekonto regelmäßig auf, Bielefeld gewinnt enge Spiele und Hertha BSC hat immerhin das Potenzial, Spiele zu gewinnen.

Gegen Leipzig ging Werder selbst derweil völlig chancenlos unter (1:4), dazu verletzte sich noch Abwehrroutinier Ömer Toprak. Das Projekt "Offensivkultur" ist vorerst gescheitert, in der Abwehr fällt ein Stabilisator vorerst aus. Am Sonntag geht es nun zum BVB, schon am Mittwoch drauf reist Mainz 05 nach Bremen, dann muss Bremen zu Union Berlin. Mit Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach stehen danach noch weitere Hochkaräter auf dem Spielplan. Elf Punkte hörte sich im März noch so gut an.

Bielefelder Eigentorjäger begeistern

Nein, viele hatten es Arminia Bielefeld nicht zugetraut, nach dem 28. Spieltag noch voll mitzumischen im Kampf um den Klassenerhalt. Und doch sind die Ostwestfalen voll dabei, stehen als 16. zwar auf dem Relegationsrang, das nächste Bundesligajahr ist aber angesichts von einem Punkt Rückstand auf Hertha BSC auf dem rettenden Platz 15 und zwei Punkten auf das mit einem knüppelharten Endspurt gestrafte Mainz 05 in greifbarer Nähe. Dass man neben dem abgeschlagenen FC Schalke möglicherweise noch mindestens einen, möglicherweise zwei finanziell und strukturell deutlich besser aufgestellte Vereine am Ende hinter sich lassen könnte, läge dann auch an einem bemerkenswerten Phänomen: Der Aufsteiger provozierte beim so wichtigen 1:0-Sieg am Freitagabend gegen den SC Freiburg bereits das fünfte (!) kuriose Heimtor unter maßgeblicher Hilfe der Gegenspieler.

Im November tritt Leverkusens Torwart Lukas Hradecky über einen harmlosen Rückpass - Tor. Im Dezember werden zwei Bielefelder Torschüsse von Mainzern unhaltbar abgefälscht - zum 2:1-Heimsieg. Im Januar klärt Stuttgarts Marc-Oliver Kempf eine Doan-Flanke ins eigene Netz, am Ende siegt Bielefeld 3:0. Und gegen Freiburg sorgt Freiburgs Schöngeist Baptiste Santamaria für das siegbringende Bielefelder (Eigen-)Tor. Gegen Leverkusen brachte der Auftakt der Serie nichts Zählbares, in den anderen Spielen hagelte es Punkte. Die Punkte für den Klassenerhalt?

Aufstand im Keller

Kurios: Die letzten Vier der Bundesligatabelle holten am 28. Spieltag mehr Punkte (9), als die ersten Vier (7). Zu diesem überraschenden Ergebnis trug auch der FC Schalke seinen Teil bei - und feierte gegen den FC Augsburg beim 1:0 tatsächlich den ersten Sieg seit 13 Spielen, den zweiten in dieser Saison. Damit entledigte man sich zwar nicht irgendwelcher Abstiegssorgen oder darf ein bisschen Hoffnung auf den Klassenerhalt feiern. Nein, der Abstieg ist angesichts der Siege der Konkurrenten Mainz und Köln und weiterhin 13 Punkten Rückstand auf den Relegationsrang sogar noch ein gutes Stückchen näher gerückt.

Aber immerhin muss man sich jetzt nicht mehr damit beschäftigen, die stolze Klubhistorie mit dem Etikett "Schlechtester Absteiger der Bundesligageschichte" versehen zu müssen. 13 Punkte sind schließlich jetzt schon der zweitschlechteste Wert aller Absteiger , mit dem zweiten Saisonsieg zog man mit dem "ewigen" Negativvorbild Tasmania Berlin gleich - und es sind ja noch sechs Spiele. In denen will Trainer Dimitrios Grammozis "noch viele Punkte holen". Siegtorschütze Suat Serdar will sogar noch mehr: "Wenn wir so weitermachen, können wir noch ein paar Siege holen. Dann wird man sehen, was passiert."

Passieren müsste bei noch 18 zu vergebenden Punkten schon sehr viel, mindestens ein Wunder. Aber: "Es sieht nicht gut aus für uns, das weiß jeder. Aber rechnerisch ist noch alles möglich." Zu den kommenden sechs Gegnern gehören auch die Mit-Kellerkinder Bielefeld (Tabellen-16.), Hertha (15.) und Köln (17.). Der zweite Saisonsieg nach 28 Spieltagen lässt dauerdeprimierte, dauerdeprimierende Schalker wieder träumen. Oder wie der "brutal glückliche" Grammozis seine Gefühlslage Minuten nach dem Abpfiff einordnete: "Es ist wahrscheinlich so ein Gefühl, als ob man das erste Mal verliebt ist." Liebe auf Schalke. Welch wundersame Wendung.

Quelle: ntv.de

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