Fußball

Der Bundesliga-Check: RB Leipzig Die Streber finden neue Opfer

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Bereit für Champions-League-Großtaten: die selbstironischen Fans von RB Leipzig.

(Foto: dpa)

Perfektion - das ist es, wonach RB Leipzig giert. Schlafforschung, GPS-Überwachung, der Bundesliga-Vize lässt keine Stellschraube ungedreht. Dank taktischer Evolution winken dem Liga-Streber auch in der Champions League Bestnoten.

Mein Kader, mein Trainingszentrum, mein Chefcoach, mein Sportdirektor, mein Staff: RB Leipzig ist zweifelsohne der Streber der Bundesligaklasse. Derjenige, der neu an die Schule gekommen ist, wegen Hochbegabung die Grundschule übersprungen hat und direkt in der 5. Klasse eingestiegen ist, in Rekordzeit zum zweitbesten Schüler der Leistungsklasse avancierte und dem es auch nichts anhaben konnte, dass er anfangs heftig dafür gemobbt wurde, dass Papa Didi aus Österreich dank einer gut gehenden Limonadenfirma nicht nur das Schulgeld zahlt, sondern auch alle anderen Streberwünsche erfüllt. Doch weil dieser gut betuchte Musterschüler so brillante Leistungen brachte, dass er die Schule nun sogar international vertritt, soll es inzwischen sogar außerhalb seiner Familie Menschen geben, die ihn mögen. Oder zumindest interessiert beobachten.

Nun gehören Streber im Allgemeinen zu den eher langweiligen Zeitgenossen. Doch auch wenn sie bei RB Leipzig stets rechtzeitig das Licht löschen, weil sie sich mit Schlafforschung beschäftigen, Ernährung als Wissenschaft begreifen und Alkohol als Teufelszeug, und das Konditionstraining ihrer Spieler im Urlaub per GPS überwachen: Langweilig war es in der Sommerpause nicht. Im Gegenteil, einige Themen entwickelten sich durchaus heiter bis skurril:

Erstens trug Emil Forsberg plötzlich auf schwedischen Sportplätzen bunte Jacken der Modemarke Gucci, was Boulevard und Lokalzeitungen mit dem Versuch von Forsbergs Manager in Verbindung brachten, den stillen Schweden zum AC Milan zu transferieren - und das Ganze als "Gucci-Manöver" betitelten.

Zweitens rächte sich Star Naby Keita, den der FC Liverpool für etwa 80 Millionen Euro loseisen wollte, mit einem Revanchefoul im Training so heftig an Kollege Diego Demme, dass Keita reuig an Demmes Krankenbett Wache halten und den Patienten das malade Knie tätscheln musste. "Alles okay" befand Dr. Keita lächelnd. Und Demme prophezeite, in "ein paar Tagen" zurück auf dem Platz zu sein - tatsächlich stieg er am heutigen Mittwoch wieder ins Teamtraining ein. Die Liverpool-Fans deuteten den Vorfall übrigens als sicheres Zeichen dafür, dass Keita wohl bald beim Klopp-Klub unterschreibt. Nichts von beidem geschah: Keita blieb genau wie Forsberg in Leipzig - und Demme war auch über drei Wochen nach dem Frustfoul noch nicht fit und fällt gegen Schalke aus. "Alles okay"?

Und drittens verkündete die Uefa, deren Ermittler zunächst empfohlen hatte, nur einen Red-Bull-Klub zuzulassen, dass der Verband Salzburg und Leipzig nun für ausreichend entflochten hält – personell in den Führungsstrukturen beider Klubs und des Konzerns und optisch (neue Trikots, neue Webseite et cetera). Die Salzburger trugen auch sportlich ihren Teil selbst dazu bei, indem die Österreicher zum zehnten Mal hintereinander in der Champions-League-Qualifikation scheiterten. "La Decima" spotteten sie im Netz.

Genug Gesprächsstoff über den Liga-Secundus gab es also. Und da haben wir von den wichtigen Dingen vor dieser Saison noch gar nicht gesprochen.

Was gibt’s Neues?

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Offensivspieler Jean-Kévin Augustin tauschte Paris gegen Leipzig.

(Foto: dpa)

Neben einem neuen Koch und einigen neuen Mitarbeitern im sogenannten Funktionsteam verpflichtete Sportdirektor Rangnick auch noch sechs neue Spieler im Gesamtwert von etwa 40 Millionen Euro. Zwei davon - Konrad Laimer und Bruma ­- haben zum Bundesligaauftakt auf Schalke Startelfpotenzial, weil Demme noch verletzt ist und Forsberg vor Saisonstart eine Angina plagte. Stürmer Jean-Kévin Augustin, der von Paris St. Germain kam, ist erster Einwechsler für Yussuf Poulsen oder Timo Werner.

Spielerisch und taktisch wollen sie bei Rasenballsport weg von der reinen Pressingmannschaft, hin zu einem Team, das besonders hartleibige Gegner auch effizient mit Ballbesitzspiel bearbeiten kann. Weitere Herausforderung: Durch die ungewohnte Dreifach-Belastung soll das RB-Spiel ökonomischer werden. Stürmer Timo Werner kündigte etwa an, nicht mehr jedem Ball hinterherjagen zu wollen, sondern nur noch jedem erreichbaren. Zudem kündigte Hasenhüttl an, vielbeinig agieren zu wollen: "Wir haben keine erste Elf, sondern eine erste Sechzehn oder Siebzehn." Frei nach Sepp Herberger: Siebzehn Freunde müsst ihr sein!

Auf wen kommt es an?

Auf dem Platz auf die Stars Keita, Forsberg, Werner - die auch in dieser Saison den Unterschied bei RBL machen sollen. Zudem werden auch Yussuf Poulsen und Marcel Sabitzer, die ausgeruht sind und gute Frühform haben, noch stärker im Fokus stehen. Wenn sie noch effektiver vor dem Tor werden, könnte das Duo hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung zu dem Trio aufschließen. Im Hintergrund gehört Athletiktrainer Nicklas Dietrich zu den wichtigsten Mitarbeitern. Der Fitnesscoach, der auch die deutsche Nationalmannschaft betreut, muss dafür sorgen, dass Leipzigs Duracell-Fußball auch dreimal pro Woche funktioniert. Sein Hauptrezept: genügend Regeneration.

Was fehlt?

Champions-League-Erfahrung. Zwar hat Hasenhüttl als Spieler mit Austria Wien, Austria Salzburg und dem KV Mechelen bereits 17 Spiele in der Königsklasse bestritten. Doch als Trainer hat der Österreicher ebenso wenig Erfahrung wie fast alle seine Spieler. Lediglich die Zugänge Bruma und Augustin sowie Forsberg (mit Malmö FF) haben die Hymne ("Die Beeeeeeesten ...") schon einmal als Aktive gehört und bringen es zusammen auf gerade 17 Einsätze, 1090 Einsatzminuten - mit Abstand die wenigsten in der gesamten Konkurrenz.

Wie lautet das Saisonziel?

Gefragt nach dem Saisonziel hatte Rangnick Leicester City als Vorbild genannt. Das Viertelfinale in der Champions League und ein Mittelfeldplatz in der Liga würden RB angeblich glücklich machen. Doch wer die ehrgeizigen Macher und das Potenzial des abermals jüngsten Kaders des Klassements kennt, weiß, dass Rangnick, Hasenhüttl & Co. erneut einen Champions-League-Startplatz belegen wollen und müssen, um ihre begehrten Kicker zu halten und weiter zum Spitzenklub zu reifen.

Die Prognose von n-tv.de?

RB Leipzig strebt mit viel Motivation auch in der Champions League nach Höherem und wird auch etablierte Klubs rechts überholen. Genau wie viele Bundesligisten sich erst an den Pressing-Gegenpressing- und Umschaltfußball der Leipziger gewöhnen mussten, werden auch die europäischen Konkurrenten Probleme haben. So übersteht der Red-Bull-Klub die Gruppenphase. Und da sie am Leipziger Cottaweg gut vorbereitet sind, genügend Lösungen parat und einen breiteren und qualitativ besseren Kader haben als im vergangenen Jahr, endet auch die Bundesligasaison erneut mit einem Platz unter den ersten Vier. Typisch Streber halt.

Quelle: ntv.de

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