Fußball

Vierte Liga statt Bundesliga Die tragische Karriere des Holger Badstuber

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Holger Badstuber hat beim VfB Stuttgart keine Zukunft.

(Foto: dpa)

Holger Badstuber war einst ein großes Versprechen des deutschen Fußballs. Doch es kommt alles anders: Verletzungen bremsen den Aufstieg des Innenverteidigers, manchmal steht er sich selbst im Weg. Nun ist ein Tiefpunkt erreicht.

Wieder einmal muss Holger Badstuber akzeptieren, dass seine Karriere nicht so läuft, wie er das will. Oder wie es möglich gewesen wäre, wie es hätte sein sollen. Doch diesmal ist es nicht der Körper, der in dazu zwingt, einen anderen Weg einzuschlagen, dieses Mal ist es sein Arbeitgeber. Der VfB Stuttgart hat in seinem Profiteam keine Verwendung mehr für den 31-Jährigen. Ab sofort trainiert und spielt der Innenverteidiger in der zweiten Mannschaft, in der vierten Liga. Diese Degradierung ist der vorläufige Tiefpunkt einer Karriere, die einst so hoffnungsvoll beim FC Bayern gestartet war.

2009 holt der niederländische Coach Louis van Gaal Badstuber in die Bundesligamannschaft des FC Bayern, gemeinsam mit einem anderen jungen Mann namens Thomas Müller. Beiden gehört das Vertrauen van Gaals, der vorher beim FC Barcelona den späteren Weltstars Andres Iniesta und Xavi zu ihren Profidebüts verholfen hatte.

Und beide führt eine starke Debütsaison in die Nationalmannschaft, beide gehören zum DFB-Kader bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Müller wird Torschützenkönig, Badstuber schaut meistens zu. Zehn Jahre später ist Müller Weltmeister, deutscher Rekordspieler in der Champions League, steht derzeit vor seinem zweiten Triumph in der Königsklasse - und ganz Fußball-Deutschland fordert seine Rückkehr in die Nationalmannschaft.

"Nicht als Stinkstiefel auftreten"

Für Badstuber ist dagegen beim Bundesliga-Aufsteiger VfB Stuttgart kein Platz mehr. Im Defensivbereich wollen die Schwaben "verstärkt auf andere Spieler setzen", sagte Sportdirektor Sven Mislintat, "für diesen Entwicklungsprozess halten wir auch eine entsprechende Kadergröße für notwendig und sinnvoll". Auch wenn es ihm schwerfällt, akzeptiere er die Entscheidung, erklärte Badstuber. So werde er auch nicht als Stinkstiefel auftreten, auch wenn eigentlich überzeugt davon sei, "dass ich dem Team in der Bundesliga helfen kann".

Diesen Glauben haben sie aber in Stuttgart inzwischen verloren, so wie vorher schon die Verantwortlichen beim FC Bayern und später beim FC Schalke 04. Bei letzteren freilich gibt es durchaus unterschiedliche Versionen der Geschichte der Trennung.

Im Januar 2017 verlässt Holger Badstuber den FC Bayern München auf Leihbasis zum FC Schalke 04. Der Abschied soll einer auf Zeit sein und das vorläufige Ende einer langen Leidenszeit markieren. So der Plan. Zumindest der von Badstuber. Am 1. Dezember 2012 hatte der Verteidiger den ersten von zwei Kreuzbandrissen im rechten Knie in seiner Bayern-Zeit erlitten, musste insgesamt viermal am Gelenk operiert werden.

Zwei schwere Verletzungen im linken Oberschenkel und ein Sprunggelenkbruch machten den Innenverteidiger da schon schnell zur tragischen Gestalt: immer wieder vom Schicksal gebeutelt, immer wieder tapfer aufstehend. Erst Ende Oktober 2016 hatte er beim Erfolg im DFB-Pokal gegen den FC Augsburg nach 259 Tagen sein emotionales Pflichtspiel-Comeback bei den Münchnern gegeben. Es war das letzte von vielen, für den FC Bayern würde er nie wieder auf dem Platz stehen. Das freilich weiß damals noch niemand.

Viel Ärger beim FC Schalke

Die Idee mit der Spielpraxis auf Schalke geht fürchterlich schief: An den Stammkräften Benedikt Höwedes und Matija Nastasic arbeitet sich Badstuber vergeblich ab, kommt nur zu zehn Einsätzen. Von den Verantwortlichen des FC Schalke 04 fühlt er sich gelinkt. "Zu Schalke zu gehen war im Nachhinein definitiv ein Fehler. Wohl gefühlt habe ich mich dort nicht, der Bruch war zu groß", sagte er dem Podcast Rasenfunk später. "Mir wurde etwas vorgegaukelt."

Trainer Markus Weinzierl habe ihm gesagt, "er bräuchte meine Passsicherheit und Qualität. Sonst wäre ich nicht von Bayern weg." Dass sie auch in München angesichts der Innenverteidiger Jerome Boateng, Mats Hummels und Javi Martinez kaum mehr Verwendung für ihn gehabt hätten, verschweigt Badstuber.

Dem damaligen Schalke-Manager Christian Heidel, der auf einer Pressekonferenz verkündet, dass sich der Verein gegen eine Verpflichtung seines Leihspielers entschieden habe, wirft Badstuber Unehrlichkeit vor. "Das waren einfach Lügen, dass sie nicht mit mir verlängern wollen. Für mich stand außer Frage, dass ich auf Schalke bleiben will." Der Weg zum FC Bayern zurück ist aber verbaut, trotz eines bis 2018 gültigen Vertrags lässt der Rekordmeister seinen verdienten aber nicht mehr benötigten Spieler ablösefrei ziehen.

Zum VfB Stuttgart, aus dessen Jugend er stammt, kehrt er 2017 zurück, um seine Karriere mit einer starken Saison wieder ein bisschen in Richtung internationale Klasse anzuschieben. Als Sprungbrett will er den Klub nutzen, ein völlig unüblicher Einjahres-Vertrag dokumentiert die Idee des Arrangements."Die Champions League ist das, was ich anstrebe. Es war immer das Schönste, sich mit den Besten zu messen. Das ist nach wie vor mein Ziel", sagt er im Frühjahr 2018, den VfB hält er emotional immer etwas auf Distanz. Badstuber meidet die "Wir"-Form, wenn er vom Verein und seinen Ansprüchen spricht.

"Muschi"-Ärger und Weinzierl-Frust

Den Kurz-Vertrag lässt er auslaufen, der Traum von der Champions League platzt aber: Es findet sich kein entsprechender Klub für den hochveranlagten, hochambitionierten Verteidiger. Und so unterschreibt er doch nochmal aus der Not für drei Jahre beim VfB Stuttgart, der nicht sein VfB Stuttgart ist. Und ganz schnell wird aus dem Sprungbrett das Karrieregrab. Sportlich überzeugt er nicht, dann streikt mal wieder der Körper - und dann übernimmt mit Markus Weinzierl ein Trainer die Mannschaft, mit dem Badstuber seit der gemeinsamen Zeit auf Schalke über Kreuz liegt.

Als Weinzierl als Trainer der Schwaben vorgestellt wird, war das "völlig unverständlich. Ich hatte mit ihm auf Schalke keine gute Zeit", berichtet Badstuber Rasenfunk. "Als Weinzierl kam, habe ich zu Mario Gomez gesagt: 'Das wird eine zähe Saison.'" Ein halbes Jahr später ist Weinzierl wieder weg, der VfB Stuttgart steigt ab.

Sein Glück findet Badstuber in Stuttgart nie. Im Gegenteil, es gibt sogar reichlich Ärger, vor allem in der abgelaufenen Saison. Im November, beim Zweitliga-Spiel gegen Holstein Kiel (0:1), sieht der vielfache deutsche Meister in der 53. Minute zunächst Gelb-Rot wegen wiederholten Foulspiels, anschließend schimpft er beim Verlassen des Platzes lautstark in Richtung der Unparteiischen: "Ihr seid Muschis geworden, Muschis." Badstuber entschuldigt sich später über die sozialen Netzwerke.

Kassel statt Champions League

Statt sich aber reuig zu zeigen oder wenigstens in Deckung zu gehen, legt Badstuber nach: Außenmikrofone sollten aus seiner Sicht nicht so nah an den Spielfeldern platziert werden. "Ich möchte auf dem Platz meine Emotionen ausleben können. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, die Mikrofone etwas weiter hinten aufzustellen", sagt der Verteidiger der "Sport Bild" damals. Dass ein geringschätzendes Wort wie "Muschi" genauso wenig auf dem Platz zu suchen hat, wie "Schwuchtel", die ewige Laier vom "Männerfußball" und sonstiges, kommt Badstuber nicht in den Sinn.

Die letzten Spiele der Aufstiegssaison verpasst der einstige Nationalspieler, weil er intern wohl etwas zu laut Kritik äußert. "Laut zu werden, wenn es nötig ist, gehört zu meiner Art und Weise. Ich fühle mich verantwortlich und lebe den Fußball", rechtfertigte er sich nach dem Aufstieg in der "Sport Bild". Die Art des Holger Badstuber ist in Stuttgart nicht mehr gefragt, auch wenn seine Klasse nach wie vor unbestritten ist.

Die Verantwortlichen des VfB würden sich freuen, den Spitzenverdiener schnell von der Gehaltsliste zu bekommen. Der aber hatte erst kürzlich betont, seinen bis Ende Juni 2021 laufenden, gut dotierten Vertrag unangetastet zu lassen.

Und so verabschiedet sich Holger Badstuber - der sechsfache deutsche Meister, der Champions-League-Sieger, der van-Gaal-Liebling, der 31-fache Nationalspieler - von den Profis des VfB Stuttgart nicht etwa in die Champions League, sondern in Richtung Kassel. Beim dortigen KSV Hessen startet die Zweitvertretung des VfB Anfang September in die Regionalligasaison.

Quelle: ntv.de