Fußball

"Holland-Derby" im Schnellcheck Diesmal verliert das DFB-Team nur die Kontrolle

imago1010939146h.jpg

Musiala überzeugte.

(Foto: IMAGO/Team 2)

Der erste große Härtetest für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft unter Hansi Flick führt die DFB-Elf nach Amsterdam. Gegen die Niederlande reißt zwar die Siegesserie, doch eine Reihe von Youngstern spielt sich in den Vordergrund. Einer überzeugt besonders.

Wie war die Ausgangslage in Amsterdam?

Zwei Teams im Umbruch nach einer enttäuschenden Europameisterschaft. Zwei Teams, die am Ende des Jahres um den WM-Titel mitspielen wollen und sich nun in der Amsterdamer Johan-Cruyff-Arena nur wenige Tage vor der Gruppenauslosung für die Wüsten-Weltmeisterschaft gegenüberstanden. Auf der einen Seite die Gastgeber, die von Louis van Gaal trainierte Nummer zehn der Weltrangliste aus den Niederlanden, und auf der anderen Seite die unter Hansi Flick bislang so überzeugend auftretende DFB-Elf, die mit acht Siegen in Folge ins Spiel ging. Das 45. "Derby gegen Holland", wie Thomas Müller es nannte, versprach eine Menge. Und es ging sogar noch um was: Der Sieger der Partie durfte darauf hoffen, als Gruppenkopf in die WM-Auslosung zu gehen. Unter bestimmten, zumindest für die DFB-Elf nahezu unmöglichen Bedingungen.

Flick war das recht egal. Ihm ging es um Selbstvertrauen. "Wenn wir Ende Dezember sagen können, dass wir acht Spiele gewonnen haben, dann könnte ich super gut damit leben", wollte der Bundestrainer auch seinem Startrekord keine zu große Bedeutung beimessen. Dass es aber langsam ernst wird auf der Straße nach Katar, zeigte die Startformation der Adlerträger. Die beiden Julians, Draxler und Weigl, rückten auf die Bank, Marc-André ter Stegen räumte seinen Posten zwischen den Pfosten für Manuel Neuer und Jonathan Tah machte Platz für Antonio Rüdiger, der sein 50. Länderspiel neben dem Freiburger Nico Schlotterbeck feiern durfte.

Leroy Sané ersetzte Draxler und Jamal Musiala übernahm erstmals die Position auf der Doppelsechs neben İlkay Gündoğan. Natürlich startete auch Thomas Müller, dessen große Laufbahn einst unter Louis van Gaal begann und die nach einer dunklen Zeit unter Niko Kovač vom heutigen Bundestrainer während seiner rauschhaften Bayern-Monate wiederbelebt wurde. Van Gaal hatte lange ein Geheimnis um seine Aufstellung gemacht, letztendlich aber nicht viel im Vergleich zum 4:2 gegen Dänemark geändert. Aus Bundesliga-Sicht interessant: Der Dortmunder Donyell Malen bekam eine Chance im Sturm.

Teams und Tore

Niederlande: Flekken - de Ligt, van Dijk, Blind - Dumfries, Koopmeiners (46. Wijnaldum), de Jong, Malacia (74. Ake) - Berghuis (58. Klaassen) - Malen(58. Bergwijn), Depay - Trainer: van Gaal

Deutschland: Neuer - Kehrer (79. Henrichs), Rüdiger, Nico Schlotterbeck, Raum (86. Günter) - Musiala (69. Neuhaus), Gündoğan - Havertz (69. Brandt), Müller, Sané (86. Draxler) - Werner (80. Lukas Nmecha) - Trainer: Flick

Schiedsrichter: Craig Pawson (England)

Tore: 0:1 Müller (45.+1), 1:1 Bergwijn (68.)

Zuschauer: 50.000 (in Amsterdam)

Das "Derby gegen Holland" im Spielfilm

6. Minute: Die Gastgeber erarbeiten sich in den ersten Minuten einen leichten Vorteil und kommen durch einen Kopfball von Bergamo-Profi Teun Koopmeiners nach einer kurzen Ecke zu einem ersten Abschluss. Letztendlich aber eine sichere Beute für Manuel Neuer. Viel geht bis dahin über den Malen, der immer wieder die Duelle mit dem Freiburger Schlotterbeck sucht.

12. Minute: Über Havertz gelangt der Ball zu Leroy Sané, der ihn aber für Thomas Müller durchlässt und sich mit einer Drehung in den Strafraum begibt. Der Weltmeister setzt ihn mit einem tollen Chip in Szene, doch Sané ist da bereits zu weit nach außen abgekommen. Sein Schuss erreicht aus spitzem Winkel nur das Außennetz.

19. Minute: Malen entwischt Schlotterbeck. Aber dann misslingt dem Dortmunder ein einfacher Querpass in die Mitte. Der heraneilende Tyrell Malacia kann nur den Kopf schütteln und die deutsche Abwehr durchatmen. Das ist das sichere 1:0 für die Gastgeber. Beinahe im Gegenzug steht Timo Werner im Abseits. Der Weg dahin ist sehenswert. Havertz bewegt sich gut zwischen den Linien, bringt den Ball auf die Seite zu David Raum, der flankt, wie er so flanken kann. Nur Werner steht im Abseits. Sein Kopfball an die Latte geht in keine Statistik ein.

29. Minute: Musiala zieht eine Gelbe Karte. Der junge Münchener macht das in seiner tiefen Rolle bislang ordentlich. Organisiert das Spiel, befreit sich mit geschickten Drehungen aus engen Situationen, gefällt mit seinem Ballvortrag. Nur nicht Memphis Depay. Der Barcelona-Stürmer zieht entnervt am Trikot und holt sich den ersten Karton des Abends ab.

35. Minute: Wieder Malen. Wieder entwischt er der deutschen Verteidigung. Depay raubt Gündoğan den Ball und steckt ihn dann blitzschnell auf den Dortmunder durch, er kommt frei in den Strafraum, bekommt einen leichten Schubser von Rüdiger mit und vergibt so die nächste Chance für die Gastgeber.

45+1. Minute: Tooooor für Deutschland: Die Adlerträger kombinieren sich herrlich auf die linke Seite, auf der auf einmal Timo Werner auf dem Flügel auftaucht und so Platz für Musiala schafft. Ein Tiefenlauf, ein versuchter Ball auf Havertz, der aber über Malacia zu Müller gelangt. Es müllert mit links. Der Münchener war bis dahin kaum aufgefallen. So ist das als Schleicher. In der ewigen Torschützenliste zieht Müller mit seinem 43. Treffer mit Uwe Seeler gleich. So geht es in die Kabinen. Nicht unverdient.

47. Minute: Perfekter Ball für David Raum, der nach einem herrlichen Konter über Thomas Müller und Leroy Sané frei im Strafraum steht. Aber der Hoffenheimer hat zwar den Weg in die finale Zone gefunden. Sein Abschluss jedoch fliegt nicht nur über Keeper Mark Flekken, sondern auch über das Tor.

57. Minute: Wie schon in der ersten Halbzeit bringt eine kurze Ecke Gefahr für das Tor von Manuel Neuer. Der Ball rutscht zu Matthijs de Ligt durch, dessen Schuss wie von einem Laser gesteuert in Richtung Tor rauscht. Letztendlich nur ein Stück zu hoch angesetzt. Im Anschluss wechselt van Gaal durch. Der ehemalige Bremer Davy Klaasen und Tottenham-Ass Steven Bergewijn kommen. Für Malen ist Schluss.

68. Minute: Tooooor für die Niederlanden: Manuel Neuer ist überwunden. Nach einem Einwurf auf der rechten Seite wandert der Ball auf die linke Seite. Thomas Müller eilt hinterher, rennt im Mittelfeld einen eigenen Spieler über den Haufen. Der Ball von de Jong segelt in den Strafraum. Am langen Pfosten läuft Denzel Dumfries in Position. Er gewinnt das Kopfballduell mit Raum, legt auf Bergewijn zurück. Keine Chance für Neuer. Flick wechselt durch. Julian Brandt und Florian Neuhaus kommen für Musiala und Havertz.

71. Minute: VAR, VAR, VAR! Thilo Kehrer legt Depay im Strafraum. Klarer Elfmeter, aber nicht für den VAR, der auf Wunsch der Niederländer Teil des Spiels ist. Schiedsrichter Craig Pawson nimmt den Strafstoß zurück. Chaotische Minuten.

82. Minute: Drangphase der Niederländer. Deutschland gerät ständig unter Druck und kann sich bei dem mehrfach faustenden Manuel Neuer bedanken, dass die Gastgeber das Spiel nicht vollständig gedreht haben. Weitere Wechsel befeuern die Unruhe.

88. Minute: Müller setzt sich hervorragend durch und steckt den Ball auf den eingewechselten Lukas Nmecha. Noch einmal eine gute Chance für die DFB-Elf. Mehr aber nicht.

Was war gut?

Neuntes Spiel unter Flick und zum ersten Mal kein Sieg. Nach 60 überzeugenden Minuten gab die Nationalmannschaft das Spiel aus der Hand. Aber nicht komplett. Sie hielten dem späten Druck stand und retteten ein respektables Unentschieden über die Zeit. Der Bruch im deutschen Spiel kam nicht zuletzt mit dem Ausscheiden von Jamal Musiala zustande. Der Münchener kontrollierte das Spiel von der Doppelsechs aus.

Flicks Kniff mit Musiala auf der tiefen Position gelang gerade in den ersten 45 Minuten. Der Münchener hat noch einen langen Weg vor sich, aber beeindruckte nicht nur mit seiner Vorarbeit zum 1:0, sondern auch durch seine an Thiago Alcântara erinnernden Drehungen und ersten Kontakte. Auch für Grätschen war er sich nicht zu schade. Der 19-Jährige macht sich als Mittelfeldalternative immer unentbehrlicher. Wie natürlich auch Kai Havertz, der seit Wochen in starker Form ist und auch gegen die Niederlande überzeugte. Mit Schlotterbeck wächst eine weitere Defensivalternative heran. Der Freiburger ist der Gewinner der März-Spiele.

Was war schlecht?

Der Hoffenheimer David Raum interpretierte seine Rolle als Linksverteidiger sehr offensiv - und brachte so mehrfach Nico Schlotterbeck im Zentrum in Verlegenheit. Der Freiburger machte es dann meist gut. Auch Raum konnte mit seinem Tempo einige gefährliche Situationen auflösen. Er nimmt für Flick in der Nationalmannschaft die Rolle ein, die Alphonso Davies bei den Bayern innehatte. Von dessen Speed ist er ein Stück entfernt. Am 1:1 hatte Raum seine Anteile, als er nicht aktiv gegen den Ball verteidigt, an der Entstehung zum schlussendlich zurückgenommenen Elfmeter ist er mit einer schwachen Kopfballabwehr beteiligt. Der steile Aufstieg ist vorerst gestoppt. "Für ihn ist das eine Erfahrung, hier zu spielen, vor 50.000. Das hat er nicht allzu oft gemacht in den letzten zwei Jahren", sagte Flick.

Der Bruch im Spiel der DFB-Elf nach rund 60 Minuten und spätestens nach den Auswechslungen von Havertz und Musiala, die chaotischen zehn Minuten rund um das Gegentor sind auf höchstem Niveau ein Problem. Die vollkommene Abwesenheit defensiver Kontrolle in diesen Minuten kann Sorgen bereiten. "Wir haben ein bisschen die Kontrolle verloren", sagte Thomas Müller nach dem Spiel.

Das sagen die Beteiligten

Hansi Flick: "Für die Zuschauer war das ein Topspiel mit hoher Intensität. Wir hatten 60 Minuten lang den Gegner gut im Griff und hätten durch David Raum das 2:0 machen müssen. Riesenkompliment dennoch an meine Mannschaft, das ist einfach schön, wie sie spielt, wie alle den Weg mitgehen: mutig, erfrischend, selbstbewusst. Mit dem 1:1 können wir zufrieden sein, obwohl wir lieber gewonnen hätten."

Manuel Neuer: "In Richtung Katar müssen wir jeden Test ernsthaft nutzen, das ist wertvoll. Das war über weite Strecken ordentlich. Unter dem Strich ist die Mannschaft auf einem sehr guten Weg."

Quelle: ntv.de, sue

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen