Fußball

Ein Sieg zum StühlewerfenDer BVB entwickelt sich zum brutalsten Phänomen der Liga

05.04.2026, 06:08 Uhr
imageVon Emmanuel Schneider, Stuttgart
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Borussia Dortmund bejubelt die späten Treffer in Stuttgart. (Foto: REUTERS)

Borussia Dortmund trifft in der Fußball-Bundesliga mit den ersten Torchancen in der Nachspielzeit zum Sieg in Stuttgart. Der BVB zerreißt das schwäbische Kryptonit und weiß selbst nicht so recht, wie ihm das gelang. Doch das Ganze hat System. Und am Ende fliegen sogar Stühle.

Selten war das Prädikat "glücklicher Sieg" angebrachter als an diesem Samstagabend. Das wusste auch BVB-Trainer Niko Kovac, der damit seine Einordnung zum Spiel auf der Pressekonferenz schloss. Es bedurfte durchaus etwas mysteriöser schwarzgelber Magie, dass Borussia Dortmund als Sieger im Topspiel gegen den VfB Stuttgart vom Platz ging.

So kam es kurz nach Abpfiff zu Szenen, die wenige Minuten zuvor sehr unwahrscheinlich gewesen waren: Die Dortmunder Spieler feierten ausgelassen vor der Gästekurve den Auswärtssieg, während auf der anderen Seite die VfB-Profis eine Ansage aus dem Ultrablock erhielten.

Aufgebrachte VfB-Fans klettern über den Zaun

Diesen Austausch gab es, weil die beiden BVB-Treffer in der Nachspielzeit in direkter Sicht- und Rufweite zur Cannstatter Kurve gefeiert wurden. Aus Perspektive der VfB-Fans zu ausgiebig. Bei einigen schwäbischen Gemütern kochten die Emotionen und der Frust über die späten Rückschläge über. Ungefähr zwei Dutzend Anhänger kraxelten über den Zaun, liefen zum Spielfeldrand, pöbelten – es flogen auch zwei Klappstühle über die Bande. Schnell mischten sich noch die emotionalen Leader Ermedin Demirovic und Deniz Undav in die hitzigen Diskussionen mit den BVB-Spielern ein. Auch Kovac und Sebastian Hoeneß gerieten auf dem Rasen in ein Wortgefecht.

Die beiden Trainer verbinden Respekt und Rivalität. Kovac hat das schwäbische Kryptonit vorerst zerrupft und zwei Negativ-Serien gestoppt. Ihm gelang zum einen der erste Sieg gegen ein Hoeneß-Team. Sieben Spiele in Serie hatte der BVB zudem bis zum Samstag nicht gegen die Schwaben triumphiert. Dass der Ballspielverein Borussia 09 die Partie zwischen dem Tabellenzweiten und -dritten gewinnen würde, hatte sich allerdings überhaupt nicht angedeutet.

Gregor Kobel sieht "ein bisschen Quatsch"

In der ersten Halbzeit liefen die Gäste dem ballbesitzstarken VfB zumeist hinterher, hatten kaum Abschlüsse, geschweige denn gefährliche Situationen. Stuttgart war die bessere und spielbestimmende Mannschaft, das zeigten auch die Chancen von Chris Führich (13.) und Angelo Stiller (19.). Die Dortmunder Offensivreihe um Maximilian Beier und Serhou Guirassy war hingegen komplett abgemeldet. Das schwache Auftreten in der ersten Halbzeit interpretierte selbst BVB-Keeper Gregor Kobel frei als "ein bisschen Quatsch", wie er mit verschränkten Armen später in der Mixed Zone erklärte.

Die zweite Halbzeit war dann zwar mehr, "was wir uns vorgenommen haben", sagte Kobel, doch ein Fußball-Leckerbissen entwickelte sich nicht. Nach dem Seitenwechsel hielt der BVB besser mit, die Gastgeber waren der Führung aber immer noch näher als die Westfalen. Es wirkte mitunter, wie das Spiel zwischen einem Team, das nicht will, und einem, das nicht so richtig kann. Auch der VfB tat sich zunehmend schwer, gute Chancen herauszuarbeiten. Die beiden Mannschaften egalisierten sich über weite Strecken. Das Topspiel verzwergte sich zum lauen Lüftchen.

Als alle schon mit dem 0:0 rechneten, stach der BVB eiskalt zu. Ausgerechnet durch zwei Konter, die bis dato überhaupt nicht stringent zu Ende gespielt worden waren. "Wir wussten, dass sie bei Kontern anfällig sind", sagte Kobel über den BVB-Plan.

Wenn es immer passiert, ist es kein Zufall

Erst fiel Joker Karim Adeyemi ein Ball vor die Füße. Der Angreifer schob zur überraschenden Führung ein (90.+4) und jubelte mit einer BVB-Spielertraube vor der Heimkurve. Der verdatterte VfB drückte den Re-Start-Knopf, verlor aber erneut den Ball und der ebenfalls eingewechselte Julian Brandt versenkte nach einer starken Aktion und Vorarbeit von Fabio Silva sehenswert die Kugel ins Eck (90.+6). Es folgte die nächste Jubel-Party, die dem VfB den Stecker zog und den bereits beschriebenen Fast-Platzsturm samt Klappstuhl-Chaos bescherte. Der Schlussakt einer merkwürdigen Partie, die vermutlich auch als ein geeignetes Abziehbild der BVB-Saison 2025/26 taugt.

Die Schwarzgelben glänzen nicht. Sie dominieren nicht. Sie spielen keinen packenden Rock'n'Roll-Fußball, den einst Jürgen Klopp der fußballverrückten Stadt bescherte. Der BVB 2025/26 verteidigt hart, gezielt, gekonnt und ist dann in den entscheidenden Szenen oft mit viel Effizienz und Qualität zur Stelle. Nicht falsch verstehen, das ist ein Kompliment. Denn hier greift die alte Fußball- (und auch Lebens-)Weisheit: Wenn es immer wieder passiert, ist es kein Zufall. Genau so stellt sich die Lage beim BVB dar. Der Kovac-Ball hat System. Ihm fliegen nicht unbedingt die Herzen zu – aber dafür ziemlich viele Punkte. Aktuell 64. Das sind schon sieben mehr als in der gesamten vergangenen Saison. Und das ist dann meist doch ziemlich entscheidend zur Bewertung einer Saison. Rock 'n' Roll hin oder her. Im vergangenen Jahr hätte der BVB dieses Spiel gegen den VfB wohl nicht gezogen.

Die Statistik lügt nicht. Der BVB hat in dieser Bundesligasaison nur gegen die Bayern verloren – auch der spielfreudige VfB zerschellte am Kovac-BVB. Und diese Abgezocktheit unterscheidet die Dortmunder eben von der bisherigen Nummer drei VfB Stuttgart (wie schon gegen den FC Porto in der Europa League) und den weiteren Champions-League-Aspiranten. Spätestens nach diesem Sieg ist klar, dass Dortmund vorerst der Bayern-Herausforderer Nummer eins bleibt.  Den Vorsprung auf den VfB in der Tabelle baute der BVB auf satte elf Punkte aus.

Der neue Sportdirektor Ole Book kann mit der Vizemeisterschaft planen. Nach seinem Debüt auf der BVB-Bank stellte er das Positive heraus. "In der zweiten Halbzeit haben wir besser gespielt. Wir waren besser im Spiel", erklärte er. Der BVB sei physisch präsenter gewesen und habe vielleicht am Ende "mehr Körner" gehabt. Dann habe auch der Trainer noch gut gewechselt mit der individuellen Qualität. Kovac redete seine Profis stark: "Wie wir die Konter gefahren haben, zeigt die Qualität, die in dieser Mannschaft steckt."

Hoeneß zieht vor Abgezocktheit den Hut

Das entlockt auch dem gegnerischen Trainer viel Lob. "Wir müssen dem BVB großen Respekt zollen", sagte Hoeneß und nannte dann die entscheidenden Dortmunder Punkte, die seiner Mannschaft gefehlt haben: Effizienz und vorne das Tor zu treffen. Der BVB-Erfolg sei "kein Zufall", betonte Hoeneß. "Weil sie diszipliniert verteidigen und vorne die Situationen nutzen."

Über das Wortgefecht mit seinem Trainerkollegen an der Seitenlinie wollte er dann weniger detailliert berichten. Das Duell zwischen dem BVB und VfB habe sich in den vergangenen Jahren zu einem entwickelt, in dem inzwischen die Emotionen hochkochen, so Hoeneß. Auch die Fan-Szenen am Ende ordnete er ein: "Ich muss klar sagen, dass mir die Bilder nicht gefallen. Ich kann das nicht befürworten."

Zwischen Mannschaft und Fans waren die Wogen kurz vor dem Osterfest wohl schon wieder geglättet. "Alles entspannt mit den Fans. Alles entspannt", berichtete ein kurz angebundener Deniz Undav vom Austausch am Zaun. Und bei allen Dortmundern herrschte ohnehin Feiertagsstimmung.

Quelle: ntv.de

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