Fußball

So läuft der DFB-Quali-Abschluss Ein Straftäter spielt für Aserbaidschan

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Freut sich auf die Testphase auf Topniveau: Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Ein Journalist muss sterben, weil er einen Fußballer kritisiert. Und dieser Fußballer spielt heute mit Aserbaidschan gegen die deutsche Nationalelf. Unter diesem Aspekt ist die letzte WM-Qualifikationspartie tatsächlich Nebensache.

Was wird heute Abend besonders wichtig?

Bevor wir zur deutschen Nationalmannschaft, der WM-Qualifikation und der Partie gegen Aserbaidschan in Kaiserslautern kommen, soll es hier um Rasim Alijew gehen. Er musste sterben, weil er einen Fußballer kritisierte. Es ist eine total bizarre Geschichte, über die das investigativ-kritische WDR-Magazin Sport Inside in der vergangenen Woche berichtete. Der Journalist ist tot; der Fußballer Jawid Hüseynow, 29 Jahre alt, aber wird wahrscheinlich heute Abend für Aserbaidschan spielen. Dabei saß er als Auftraggeber eben jenes Gewaltverbrechens im Gefängnis, bei dem Alijew starb. Die Geschichte seines Todes beginnt beim Spiel seines FK Qäbälä gegen das Apollon Limassol aus Zypern im August 2015.

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Hüseynow provozierte die Gäste nach dem Spiel mit einer türkischen Flagge auf dem Platz. Auf Fragen zu seinem Verhalten reagierte er wütend und beleidigt. Rasim Alijew, einer der wenigen unabhängigen und kritischen Journalisten im autoritär regierten Aserbaidschan, schreibt bei Facebook: "Ich möchte nicht, dass so ein unverschämter und schlecht erzogener Fußballer mich auf den Fußball-Plätzen Europas repräsentiert." Ein Post mit tödlichen Folgen. Denn bei einem als Versöhnung getarnten Treffen tauchen Schläger auf und traktieren Alijew mit brutalen Tritten, eine Überwachungskamera filmt die Szene. Alijew stirbt wenig später im Krankenhaus - eine Woche vor seinem 31. Geburtstag. Ein Gericht identifiziert Hüseynow und verurteilt ihn zu vier Jahren Haft. Der Haupttäter, sein Cousin, muss wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge für 13 Jahre ins Gefängnis.

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Oslo, 1. September: Jawid Hüseynow spielt für Aserbaischan gegen Norwegen.

(Foto: imago/Action Plus)

Nach 14 Monaten kommt der Fußballer Hüseynow frei, nachdem ein Berufungsgericht die Strafe überraschend reduziert hat. Warum, das bleibt unklar. Im März dieses Jahres spielt er gegen Deutschland erstmals wieder Fußball. DFB-Präsident Reinhard Grindel verlangt nun von Aserbaidschan Aufklärung. "Dieser Vorgang ist unfassbar tragisch, das Leid der Familie unermesslich." Vor dem Hinspiel sei dem deutschen Verband der ganze Sachverhalt nicht bekannt gewesen. Jetzt wolle  er die Verbandsvertreter beim offiziellen Essen darauf ansprechen. Jeder Straftäter, sagte Grindel, habe ein Recht auf Resozialisierung, aber der DFB stehe "für good governance und die Einhaltung von Presse- und Meinungsfreiheit". Es müsse im Interesse der aserbaidschanischen Regierung liegen, deutlich zu machen, warum die Haftzeit verkürzt worden sei.

Worum geht's beim Spiel?

Um den 548. Sieg der DFB-Elf in der 936. Partie. Was daran so spektakulär ist? Nichts. Aber: Ist halt so. Weil das Gruppensieg- und WM-Direktticket für Russland, gebucht beim 3:1 (2:0) am Donnerstag um 22.34 Uhr, der 547. Erfolg in der Geschichte war. Ach ja, der neunte im neunten Qualifikationsspiel war's auch. Das allein reicht allerdings noch nicht, um sich dem Guardiola'schen Superlativ - der katalanische Genius ist ja dieser Tage ein wichtiger Mann im deutschen Fußball, hat er der bayrischen Trainerentscheidung doch seinen Segen gegeben - zu bedienen. Denn so richtig top-top-top wird diese Super-Super-Qualifikation erst dann, wenn am Abend (ab 20.45 Uhr bei RTL und im Liveticker bei n-tv.de) die Maximalausbeute von 30 Punkten eingefahren ist. Es wäre das erste Mal für Bundestrainer Joachim Löw. Zumindest in einer WM-Qualifikation. Den Weg zur Europameisterschaft 2012 hat er bereits verlustpunkfrei bestritten. Der nächste persönliche Bundestrainer-Rekord kann nun durchaus gelingen, denn der Gegner zum Abschluss heißt ja bekanntermaßen Aserbaidschan. Das allein darf natürlich nichts heißen. Das wäre nämlich respektlos.

Wie ist die Ausgangslage?

Deutschland - Aserbaidschan

Deutschland: Leno - Kimmich, Boateng, Hummels (Rüdiger), Plattenhardt - Can, Rudy - Sané, Goretzka (Müller), Draxler (Stindl) - Wagner; Trainer: Joachim Löw.
Aserbaidschan:
Agajew - Mirzabekow, Sadigow, Gulijew, Paschajew - Richard Aleida, Amirjulijew, Hüseynow - Ismailow, Qurbanow, Nazarov; Trainer: Prosinecki.
Schiedsrichter:
Treimanis (Lettland)
Spielort:
Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern ab 20.45 Uhr

Führen wir nun also weiter aus, warum die deutsche Mannschaft gegen Aserbaidschan (10 Punkte, drei Siege) erneut gewinnen kann. Denn das war bisher immer so. Fünf Spiele gab's, fünf Mal hieß der Sieger Deutschland. Die Torbilanz ist prima, sie wurde im Hinspiel in Baku (4:1) im März auf 19:3 ausgebaut. Zweifacher Torschütze war damals übrigens Dortmunds André Schürrle. Für all jene, die im Casting-Wahn der üppigsten deutschen Topspielerauswahl aller Zeiten die Übersicht verloren haben: Schürrle ist eben der Mann, der den WM-Triumph von Brasilien aus dem Jahr 2014 vorbereitet hat. Vorbereitet für Weltmeistermacher Mario Götze. Auch so einer, den die allerallerjüngsten Fans der DFB-Elf nur aus Geschichtsbüchern kennen. Das aber könnte sich schon im kommenden Monat ändern, wenn Löw seine Auswahl gegen England (10. November im Wembley-Stadion) und dann entweder gegen Frankreich (wahrscheinlich) oder gegen die Niederlande (14. November in Köln) zum nächsten Re-Re-Re-Call für Russland bittet und auch verdienten, aber lange verletzten Kräften signalisieren möchte, dass sie sich ihr Ticket für die Liveshow 2018 im Oligarchen-Paradies noch verdienen können.

Wie ist die DFB-Elf drauf?

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Emre Can darf ran.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Prima. Das hat sie in Belfast bewiesen. Vor allem haben das jene Fußballer getan, die entweder schon einmal aussortiert wurden (Sebastian Rudy vor der EM 2016) oder denen eigentlich gar keine so großen Chancen eingeräumt werden (Sandro Wagner). Das freut den Bundestrainer. Aber das hat er ja schon oft genug gesagt. Und in seinen Freuden-Espresso dabei auch ein wenig Anstrengung mitreingerührt. Denn es sei natürlich schwierig, aus so einem großen Pool an Spitzenkräften die 23 spitzesten Spitzenkräfte auszuwählen. Er wäre aber dennoch "heilfroh", wenn er bei der endgültigen Kader-Zusammenstellung diese "Riesenauswahl" hätte. Denn es ist ja so, sagt Löw:  "Alle Spieler müssen auf den Punkt genau auf dem höchsten Niveau sein, um zu jeder Minute, zu jeder Sekunde des Turniers Topleistung abzurufen. Nur dann ist der Titel möglich." Jeder Einzelne müsse daher den "immensen Hunger haben, dieses Turnier unbedingt zu gewinnen." Am besten schon jetzt.

Und so bürdet sich der Bundestrainer gegen Aserbaidschan noch mehr Arbeit auf. Denn er lässt wieder frisches Personal vorspielen, was den Druck auf die Etablierten (also die Weltmeister) und Halbetablierten (also die Stammkräfte beim Confed-Cup-Triumph) erhöht. Zwei von diesen Jungs sind Emre Can (FC Liverpool) und Leroy Sané (Manchester City), ins Tor rotiert der Leverkusener Bernd Leno für Marc-André ter Stegen (FC Barcelona). "Es ist der Beginn der Testphase für die WM." Das aber heißt gar nichts. Für das sportliche Niveau jedenfalls. Das MUSS nämlich unverändert hochbleiben: "Wir wollen Aserbaidschan von Beginn an unter Druck setzen. Die Zuschauer sollen Freude an unserem Spiel haben." Wohl so wie beim letzten Heimspiel gegen die Osteuropäer, am 7. September 2010. In Köln gewann Deutschland damals mit 6:1 - unter anderem mit Marko Marin, Cacau, Heiko Westermann und Sascha Riether. Ohje, armes Aserbaidschan - ...

Was machen die Aserbaidschaner so?

... obwohl, eigentlich nicht. Denn sie machen ihre Sache in der WM-Qualifikation ordentlich. Selbst wenn sie am Donnerstag daheim mit 1:2 gegen Tschechien verloren haben. Aber weil die Tschechen ja in der Regel auch ganz gut Fußball spielen, ist das kein Grund für Krisengerede. Denn die aktuelle Runde - mit zwei Siegen gegen San Marino, einem Erfolg gegen Norwegen und einem Remis in Tschechien - dient der Mannschaft des kroatischen Trainers Robert Prosinecki - jaja, genau, der einst bestbezahlte Fußballer der Welt und Spielmacher von Real Madrid - ohnehin nur zum Lernen. Zum Lernen für die EM 2020. Vier Spiele finden bei diesem Turnier mit 13 Austragungsländern sogar in Aserbaidschan statt. Diese Qualifikation ist also das große Ziel, wenn nicht sogar der Staatsauftrag in dem autoritär regierten Land. Prosinecki sagt dazu: "Das ist ein Traum, ja. Aber es wird für Aserbaidschan immer sehr schwer sein, eine WM oder eine EM zu erreichen. Das ist kein klassisches Fußball-Land. Unsere Liga hat nur acht Mannschaften. Das Niveau ist nicht so hoch wie in anderen Ländern." Das ist nicht unbedingt das, was der Autokrat Ilham Alijew an der Staatsspitze bei diesem Thema hören will. Aber es ist die Wahrheit. Und die liegt auf dem Platz.

Quelle: ntv.de

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