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Sportexperte zu Sanés Verletzung "Eine Diagnose dauert keine vier Tage"

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Eine Kreuzbandverletzung ist nicht nur schmerzhaft, sondern muss auch lange heilen. Das bekommt nun Leroy Sané am eigenen Leib zu spüren.

(Foto: imago images / PRiME Media Images)

Es sollte der deutsche Traum-Transfer dieses Fußball-Sommers werden. Doch am Donnerstag bestätigte der englische Meister Manchester City, dass der vom FC Bayern umworbene Leroy Sané sich wegen einer Kreuzbandverletzung am rechten Knie einer Operation unterziehen muss. Angesichts der zu erwartenden Zwangspause droht der Wunschtransfer der Münchner zu scheitern. Wie lange Sané voraussichtlich ausfallen wird und was so eine Verletzung für seine Karriere bedeutet, verrät Professor Ingo Froböse von der Sporthochschule in Köln n-tv.de.

n-tv.de: Seit gestern Abend herrscht Gewissheit. Leroy Sané hat sich sein Kreuzband im rechten Knie verletzt und muss operiert werden. Dass er eine Zwangspause einlegen muss, steht außer Frage. Doch wie lange wird diese voraussichtlich dauern?

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Professor Ingo Froböse ist Sportwissenschaftler an der Sporthochschule in Köln.

Prof. Dr. Ingo Froböse: Dieses Jahr wird Sané auf keinen Fall mehr spielen können. Bis zur vollständigen Genesung dauern Kreuzbandverletzungen im Schnitt 240 bis 260 Tage. Bei einem besonders guten Verlauf kann man auch mal nach etwa 200 Tagen wieder fit sein. So oder so ist es aber ein relativ langer Heilungsprozess.

Manchester City gab erst vier Tage nach dem verheerenden Spiel Sanés Verletzung offiziell bekannt. Dauert die Diagnose immer so lange?

Auf keinen Fall. Jeder Experte hat bei den Fernsehaufnahmen sofort gesehen, dass das eine massive Verletzung ist. Ein nach innen gekipptes Bein, das sehr stark gebeugt ist und dann noch verdreht - schon anhand der Verletzungsmechanik wusste man sofort, dass da etwas kaputt ist. Normalerweise steht die Diagnose dazu bereits am Abend fest.

Eine gute Versorgung sieht so aus, dass der Patient nach der Verletzung sofort ins MRT gebracht wird. Ich bin mir sicher, dass Manchester City sogar ein eigenes MRT-Gerät hat. Die Bilder geben dann eindeutig Auskunft über die Schwere der Verletzung. Warum das so lange gedauert hat, kann ich mir nicht erklären. Vier Tage braucht man dafür auf keinen Fall.

Zu der Art der Kreuzbandverletzung sagte der englische Meister bislang nichts. Es ist aber die Rede von einem Einriss. Wäre die Heilungschance in diesem Fall besser als bei einem Durchriss?

Im Gegenteil, manchmal ist ein Einriss sogar problematischer. Dazu muss man wissen, dass das Bandgewebe nicht gut durchblutet ist. Somit ist die Heilungsphase eines eingerissenen Bandes deutlich länger. Zudem bildet sich Narbengewebe, das die Funktionstüchtigkeit des Bandes einschränken kann. Somit kann die vollständige Heilung eines eingerissenen Kreuzbandes durchaus schlechter verlaufen als wenn man eine neue Sehne einsetzt.

Bei einem Durchriss wird also eine neue Sehne eingesetzt?

Die Grundproblematik ist bei einem Bänderriss, dass es ja kein Ersatzband gibt. Man hilft sich immer mit einem Teil einer Sehne aus und pflanzt dieses ein - hoffentlich im gleichen Verlauf des alten Kreuzbands. Die Sehne muss dann lernen, dass sie zu einem Band werden muss. Das dauert ein paar Monate, da beide eigentlich unterschiedliche Funktionen haben. In der Regel ist diese neue Struktur in der 6. bis zur 10. Woche noch relativ schwach. In dieser Phase bekommt der Patient nur eine leichte Physiotherapie, Massagen und Lymphdrainagen. Die eigentlich effektive Therapie beginnt dann erst nach 10 bis 12 Wochen. Vorher kann auch ein Leistungssportler nichts anderes machen als ein normaler Mensch, der darauf wartet, wieder leistungsfähig zu werden.

Danach unterscheidet sich die Therapie von Profisportlern zu normalen Patienten?

Ja, zumindest ein wenig. Leistungssportler bekommen bereits ab dem dritten Monat die erweiterte ambulante Physiotherapie (EAP). Das ist eine tägliche Reha, bei der bis zu fünf Stunden trainiert wird. Dementsprechend ist sie sehr intensiv. Das unterscheidet dann schon den Normalverbraucher vom Profi. Aber trotz allem sind die Heilungsprozesse immer ähnlich. Die kann man dadurch nicht beschleunigen. Daher gehe ich gehe davon aus, dass Sané frühestens nach einem dreiviertel Jahr wieder einsatzbereit sein wird.

Würden Sie ihm davon abraten, früher auf den Platz zu gehen?

Wenn eine derart massive Knieverletzung nicht ordentlich ausheilt, endet sie häufig in einer Arthrose. Menschen mit einer Kreuzbandverletzung haben immer das Risiko, irgendwann eine Veränderung der Knorpelstruktur zu bekommen. Die Stabilität des Gelenkes, für die das Kreuzband ja zuständig ist, ist nicht mehr vorhanden. Dann bewegt sich das Knie nicht mehr so wie es sollte. Das führt zu arthrotischen Veränderungen. Sané ist erst 23 Jahre alt. Gerade in diesem jungen Alter ist es wichtig, die Verletzung vollständig auszukurieren. Sonst ist er mit Ende 20 durch.

Kann heutzutage eine Kreuzbandverletzung das Karriereaus für einen Profisportler bedeuten?

Nein. Aber sie ist definitiv limitierend. Wenn die Therapie nicht optimal durchgeführt wird, bleibt immer etwas zurück. Im schlimmsten Fall wird das Knie nie wieder richtig stabil. Das bedeutet nicht unbedingt das Ende der Karriere, kann sich aber durchaus negativ auf sie auswirken. Wie groß die Einschränkungen nach einer Kreuzbandverletzung sind, hängt von der Motivation des Patienten ab, wieder gesund werden zu wollen. Sané wird, denke ich, hochmotiviert sein. Dennoch ist ein einmal verletztes Kreuzband immer anfälliger gegenüber einem gesunden.

Mit Prof. Dr. Ingo Froböse sprach Hedviga Nyarsik.

Quelle: n-tv.de

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