Fußball

Abstieg unbedingt akzeptieren Eine Vision für den FC Schalke 04

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Beim FC Schalke wundern sie sich nur noch. An Wunder glaubt wohl niemand mehr.

(Foto: imago images/RHR-Foto)

Klar, der Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga ist für Schalke 04 noch möglich. Dafür müsste aber etwas her, das größer als ein Wunder ist. Um endlich wieder zu gesunden täte der Verein besser daran, den GAU vorübergehend anzuerkennen.

Eine ganz wichtige Servicenachricht vorneweg. Diese Servicenachricht ist deshalb so wichtig, weil sie für das Verständnis des nachfolgenden Textes elementar ist: Es gibt einen ganz großen Unterschied zwischen "den" Wundern und "dem" Wundern. Das Wunder (von "den" Wundern), das würden die tragisch Fußball-Leidenden in Gelsenkirchen gerne von ihren Bundesliga-Profis geschenkt bekommen. Aber, nächste (bittere) Servicenachricht, dieses Geschenk ist nicht verfügbar. Und das liegt nicht an pandemiebedingten Lieferengpässen.

Dass die Sache mit dem Wunder nicht aufgehen wird, das liegt daran, dass der Artikel "fußballerischer Erfolg" in Gelsenkirchen derzeit (und schon deutlich länger) nicht mehr produziert wird. Als Konsequenz wurde am Sonntag beim FC Schalke 04 wieder einmal abgeräumt. Gleich fünf Mitarbeiter mit relevanten Funktionen wurden ausm Schacht gejagt, darunter Trainer Christian Gross und Sportvorstand Jochen Schneider. Weniger über die Entscheidung an sich als über die Radikalität des Handelns darf man sich wundern (dem Wundern). Denn diese Radikalität gehörte zuletzt nicht zu den Stärken beim Traditionsklub.

Nun ist sehr viel Geschichte von dem, was in Gelsenkirchen gerade als krankmachendes Übel ausgemacht worden war. Dass der in seinen Entscheidungen fast dauerhaft sehr unglückliche Schneider womöglich über seine erst im Winter verpflichteten Neuzugänge Sead Kolasinac, Klaas-Jan Huntelaar und Shkodran Mustafi (angebliche Revolte gegen Gross) gestolpert ist, es wäre die bitterste, aber wohl passendste Pointe zum Ende seines Wirkens.

Kaputt machen kann man nichts mehr

Nun, alle Mann weg und Neustart. Ja, das ist die Lage. Ob der allerdings gelingt oder nicht, das hängt ganz stark davon ab, welches Ziel an den Neustart getackert wird. Bleibt's beim nicht verfügbaren Wunder, schreiben die Schalker ihren Horror traurig fort. Begleitet von noch mehr Wut, von noch mehr Enttäuschung und von noch mehr Zynismus. Ein giftiger Cocktail, der den Klub nur noch kränker macht. Wird der Neustart indes mit der Akzeptanz des eigentlich unvermeidlichen Abstiegs verknüpft, mit der Symbiose aus würdevollem Abgang und direktem Wiederaufbau, dann kann schnell eine gute Vision für die Zukunft entstehen.

Und so radikal wie am Sonntag personell abgeräumt wurde, so radikal muss es bleiben. Bei der Besetzung eines neuen Aufsichtsrats ebenso wie bei der Aufstellung des Teams. Nicht mehr die womöglich besten Fußballer des Kaders braucht es auf dem Platz, sondern jene, die in der kommenden Saison tragende Rollen einnehmen sollen. Das gilt ganz besonders für die Talente aus der hochgelobten Knappenschmiede. Neben Matthew Hoppe und Malick Thiaw könnten das vor allem Can Bozdogan, Levent Mercan, Kerim Calhanoglu und der derzeit noch verletzte Nassim Boujellab sein. Regelmäßige Einsätze jetzt, schaffen einen wichtigen Erfahrungssprung in der Vorbereitung auf die kommende (Zweitliga-)Saison.

Und was gäbe für sie zu verlieren? Nichts! Dort, wo ohnehin schon alles kaputt ist, kann man schließlich nicht noch mehr kaputt machen. Und tatsächlich liegt der so stolze und große Fußball-Bundesligist aus Gelsenkirchen nun endgültig in seinen letzten Kohle-Resten. Klar ist indes auch: Nur mit Empfehlungen von Talente-Schmied Norbert Elgert (durchaus auch ein Kandidat als Trainer zur neuen Saison) werden die Schalker keine Mannschaft aufstellen, die den heftigen Betriebsunfall im Eilverfahren reparieren kann. Neben der dringenden Hoffnung auf kostengünstige Neuzugänge - die miserable Finanzlage gibt kein anderes Szenario her - muss der aktuelle Kader gründlich auf taugliche Trümmermänner gescannt werden. Kleiner Spoiler: Bemerkenswerte Funde wird es leider kaum geben. Und wenn doch, dann müssten sie erst einmal bereit sein, den bitteren Weg mitzugehen, inklusive üppiger Gehaltseinbußen.

Neururers Mini-Kosmos als Schutzglocke?

Und dann braucht es schließlich auch noch einen Trainer, der sich diese Aufgabe antun will. Die Liste umfasst Namen wie Mike Büskens (jetzt schon zuständig für die Kaderplanung und die kurzfristige Trainingsgestaltung), Steffen Baumgart und Dimitrios Grammozis. Und dann ist da wieder einmal Peter Neururer. Er würde es machen, diese Botschaft hat er unmissverständlich gesendet. Es wäre eine charmante Idee. Eine Idee, die den Druck sofort von der Mannschaft nehmen würde.

Die Geschichte seines sensationellen Comebacks würde natürlich jedes Interesse auf sich ziehen. Und er würde das Interesse in seiner typischen Art dauerhaft bespielen. Als schützender und meinungsfreudiger Mini-Kosmos über den geprügelten Fußballern. Die hatte er zwar zuletzt mehrfach heftigst angezählt, aber womöglich ist das eben die Chance zum Kader-Umbau.

Der Verein strebt derweil eine längerfristige Lösung an. Die Aussage von Aufsichtsratschef Jens Buchta deutet darauf hin: "Die sportliche Situation ist eindeutig, deshalb müssen wir bei jeder noch zu treffenden Personalentscheidung auch über die Saison hinausdenken." Eine Blitz-Option Neururer würden dem Klub wichtige Zeit erspielen. Zeit, um sich in (einigermaßener) Ruhe um den personellen und strukturellen Aufbau einer neuen sportlichen Führung und einer Vision für die Zusammenstellung künftiger Mannschaften zu kümmern.

Was dann aus Neururer würde? Denkbar wäre ein "Aufstieg" in die sportliche Planung. Seine Leidenschaft, sein Netzwerk, sie würden dem Klub gut tun. Einem neuen Trainer würde somit direkt auch mal der Makel des Abstiegs erspart.Und man müsste sich auch nicht wundern, wenn so doch noch das Wunder gelänge.

Quelle: ntv.de

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