In Liverpool kippt die StimmungNur die Champions League kann Arne Slot wohl noch retten

Der amtierende englische Meister FC Liverpool erlebt eine Saison mit vielen Dellen. Nach der jüngsten Pokal-Blamage gegen Manchester City steigt der Druck aufs Team und Trainer Arne Slot. Sein Stuhl wackelt kräftig.
Diese Niederlage tat richtig weh. Vier Schellen vom Rivalen Manchester City im FA Cup (0:4) rissen über Ostern in Liverpool wieder Wunden auf und bescherten den Reds eine erneute Debatte um die Zukunft von Trainer Arne Slot. Der Erfolgscoach aus dem vergangenen Jahr steckt in einer Dauerkrise – und ausgerechnet vor dem schweren Hinspiel in der Champions League gegen Paris St. Germain (21 Uhr/DAZN und im ntv.de-Liveticker) bringt sie wieder mehr Gewicht auf die Waage. Für den Niederländer geht es in den beiden Duellen womöglich schon um alles. Wie konnte das passieren?
Die Experten, die es nicht gut mit dem Trainer meinen, werfen ihm vor, dass er vor rund zwei Jahren eine "gmahde Wiesn" von Trainer-Legende Jürgen Klopp übernommen habe. Ein funktionierendes Top-Team mit Entwicklungspotenzial. Slot kam, sah und gewann sofort die Meisterschaft in der Premier League. Es schien so, als gehe die von Klopp eingeläutete Ära einfach weiter. Doch in dieser Spielzeit klaffen plötzlich tiefe Risse. Es droht eine dicke Blamage in der Liga, Liverpool könnte die Champions League verpassen. Slot hat als Cheftrainer seine Aktien darin. Er bastelte den Kader um, und der Trend ging in die falsche Richtung.
Viel Geld für Neuzugänge ausgegeben
Im Sommer griff der Klub tief in die Geldbörse und mischte den Transfermarkt auf. Große Namen kamen: Florian Wirtz (125 Millionen Euro) und Alexander Isak (145 Millionen Euro) per Rekorddeals, Jeremie Frimpong (40 Millionen Euro) und Hugo Ekitiké (95 Millionen Euro). Allein: Nicht alle zündeten sofort, der große Durchbruch blieb aus. Sinnbildlich dafür stand Nationalspieler Wirtz, der erst nach einigen Monaten aufblühte und die gigantischen Startprobleme ablegte. Überschattet hatte den Saisonbeginn allerdings der tragische Tod von Angreifer Diogo Jota, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.
So mäanderte das Team aus dem Norden Englands wild durch Liga und Königsklasse. Aktuell steht das Team nur auf Rang fünf in der Tabelle. Drei Spiele in Folge blieben die Reds in der Liga ohne Erfolg. Zuletzt setzte es gegen das von Fabian Hürzeler trainierte Brighton eine 1:2-Niederlage. 15 Pflichtspiel-Niederlagen sind so viele wie seit der Saison 14/15 nicht mehr. Im Ligapokal und FA Cup (die vier Schellen gegen City) ist auch schon Schluss. Es herrscht Alarmstimmung.
"Es liegt am Trainer, sie bei Laune zu halten. Wir wissen, dass sie bessere Spieler sind, als sie derzeit zeigen. Man braucht Führungsspieler, die die Mannschaft durchbringen, und das sehen wir bei dieser Mannschaft nicht. Das ist es, was wir brauchen, aber vom Trainer sehen wir das nicht", kritisierte Vereinsikone Robbie Fowler. Die "Daily Mail" kommentierte bissig: "Slot führt ein Team, dessen Spieler nicht bereit sind, für ihn auch nur das Grundlegende zu tun. Wenn man als Trainer so dasteht, dann ist der nächste Schritt üblicherweise das Kofferpacken."
Ärger mit Salah
Wie unruhig die Saison verläuft, zeigte auch die Personalie Mo Salah. Unter Jürgen Klopp hatte sich der schnelle Angreifer einst zu einem der besten Spieler der Premier League entwickelt. Viermal holte er den Torschützentitel in der englischen Liga, gewann Meisterschaft und Champions League. In dieser Saison aber zoffte er sich mit Trainer Slot. Weil er sich über die wenige Einsatzzeiten aufregte, verstieg Salah sich zu einer Wutrede gegen Klub und Coach. Kurz darauf wurde er für das CL-Spiel gegen Inter Mailand aus dem Kader gestrichen. Ein Affront um die Ikone des Klubs. Dass Salah den Klub verlässt, ist mittlerweile klar. Folgt auch Slot?
Namen für eine mögliche Nachfolge des Niederländers geistern selbstverständlich schon durch die Medien. Vor allem der eines alten Bekannten. Seit dem Rauswurf im Januar ist der einstige Leverkusen-Doubletrainer Xabi Alonso wieder auf dem Markt. Er kennt die Reds bestens. Der 44-Jährige spielte von 2004 bis 2009 in Liverpool, war Teil des legendären Teams, das 2005 auch dank Didi Hamann das 0:3 im Finale der Champions League gegen den AC Mailand drehte und den Henkelpott nach Elfmeterschießen holte.
Übernimmt ein alter Bekannter?
Zuletzt hieß es in Berichten, der Baske sei "bereit" zu übernehmen, falls die Anfrage aus Liverpool tatsächlich kommen sollte. Allerdings wolle sich Alonso ein Mitspracherecht bei Transfers einräumen lassen. Er soll auch erst nach dem Saisonende übernehmen wollen. Das sei eine Lehre gewesen aus dem kurzen Real-Kapitel, als er während Klub-WM im Sommer früh eingestiegen war. Der Name Alonso ist in aller Munde, die Fans gieren nach dem nächsten Heilsbringer à la Kloppo. Beim Legendenspiel zwischen Liverpool und dem BVB Ende März sangen sie seinen Namen.
Klub-Legende Jamie Carragher warnte in seiner Kolumne vor den Folgen eines möglichen Festhaltens an Slot. Es könne nach hinten losgehen, "wenn man einen unter Druck stehenden Trainer für eine weitere Sommer-Transferperiode unterstützt", schrieb er. Die Last einer schwachen Seire könne auch die kommende ersticken, bevor diese überhaupt beginnt. "Die Tatsache, dass Alonso derzeit ohne Anstellung ist, wird bei den Überlegungen eine Rolle spielen, genau wie es 2015 der Fall war, als Klopp Borussia Dortmund verließ."
Slot hofft auf Turnaround - ausgerechnet gegen PSG
Das Viertelfinale gegen PSG kommt also in einem heiklen Moment für Slot. Eine weitere Klatsche wie gegen City kann er sich eigentlich nicht erlauben. Selbst seriöse Medien sprechen von einem möglichen Endspiel. Das Problem: Der Titelverteidiger ist in sehr guter Form, feierte in den vergangenen Wochen klare Siege in der Liga und schraubte im Achtelfinale der Königsklasse Chelsea in Hin- und Rückspiel 8:2 auseinander.
Es braucht nun Wiederauferstehungs-Qualitäten. Schon im Achtelfinale standen Slot und Liverpool nach einem 0:1 im Hinspiel gegen Galatasaray mit dem Rücken zur Wand. Eine Woche später antwortete das Team mit 4:0. Eine solche Antwort beschwört Slot auch jetzt herauf. "Wir müssen zeigen, dass wir auf eine solche Niederlage und auf die vielen Enttäuschungen, die wir in dieser Saison bereits erlebt haben, reagieren", sagte er. Der Plan: "Wir müssen alles besser machen, wenn wir sie schlagen wollen."
In der Kritik stand vor allem die defensive Instabilität, Slot vermisste gegen City auch den "fehlenden Kampfgeist". "Es bleiben nur noch drei oder vier Tage, daher gibt es ein paar Dinge, die wir tun können", erklärte er nach der Pleite. "Und eines davon ist, dass wir, wenn wir gegen PSG oder Man City spielen – also gegen Mannschaften dieses Kalibers –, besser verteidigen müssen als in den 20 Minuten, in denen wir die vier Gegentore kassiert haben." Womöglich entscheidet die Defensive über die Zukunft des Trainers.