Fußball

Viel Genie, noch mehr Wahnsinn Favres BVB brilliert, führt und dilettiert

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Am Ende stand Lucien Favre mit seinem BVB trotz zweimaliger Führung gegen Leipzig im Remis-Regen.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Dortmund brilliert beim Spitzenspiel gegen Leipzig eine Halbzeit lang, um sich dann in der zweiten Hälfte auf einen vogelwilden Kick mit dem Tabellenführer einzulassen. Trainer Favre mag trotz hanebüchener individueller Fehler nicht mit seinen Spielern hadern. Im Gegenteil.

Das mit der Vorweihnachtszeit und der offenen Flamme passt ja ziemlich gut zusammen: Die Menschen entzünden die Kerzen an ihrem Adventskranz und wärmen sich an einem Kamin oder einer Feuerschale, wenn sich die Gelegenheit bietet. Da passten die Worte ins Bild, die Dortmunds Kapitän Marco Reus nach dem mit spielerischer Leichtigkeit herausgespielten Sieg in Mainz wählte: "Gegen Leipzig wird es sicher brennen bei uns", betonte der Fußballer des Jahres, doch mit besinnlichen Stunden der Muße hatte diese Ankündigung nichts zu tun.

Im Gegenteil, der Nationalspieler meinte das Feuer der Leidenschaft, das nötig ist, um ein Spitzenspiel wie das gegen den Tabellenführer erfolgreich zu absolvieren. Und siehe da, beide Mannschaften brannten vor mehr als 80.000 Besuchern im ausverkauften Dortmunder Stadion beim spektakulären 3:3 (2:0) tatsächlich ein Feuerwerk ab, das keinen Beobachter kalt ließ. Es wurde in der ersten Halbzeit zu einer Demonstration der Stärke von wie aus einem Guss agierenden Dortmundern und danach zu einem vogelwilden Kick, bei dem auf einmal alles möglich schien. "Am Ende war es für uns ein glücklicher Punkt", konstatierte Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann: "Das hat jeder gesehen." Sein Kollege Lucien Favre attestierte seiner Mannschaft ein "sehr gutes Spiel mit viel Tempo".

Das Gastspiel des Spitzenreiters aus Sachsen beim Dritten aus dem Revier war ein echtes Spektakel, das dieses Mal durch keine unschönen Nebengeräusche gestört wurde. Im Vergleich zu manch peinlicher Entgleisung der Vergangenheit fiel der Protest gegen das Leipziger Kunstprodukt dieses Mal vergleichsweise moderat aus. Es gab die branchenüblichen Pfiffe und zu sehen war vor der Südtribüne lediglich ein Banner mit der Aufforderung "null Toleranz gegenüber RB Leipzig".

Brandt erschafft ein Kunstwerk

Es dauerte gut 20 Minuten, bis das Abtasten zweier in der Offensive mit enormem Talent gesegneten Kontrahenten beendet war. Danach übernahmen die Dortmunder die Kontrolle und schwangen sich zur besten Saisonleistung auf. Wie die Mannschaft in der neuformierten Dreierkette, die durch Hakimi auf rechts und Guerreiro auf links zur Fünferkette verdichtet wurde, taktisch im Raum bewegte, um nach Ballgewinnen immer wieder Nadelstiche zu setzen, war eine Augenweide.

8:2 Torschüsse und 8:2 Ecken vor dem Seitenwechsel – deutlicher hätten die Kräfteverhältnisse in Halbzeit eins kaum verteilt sein können. Allein das 2:0 von Julian Brandt war ein Kunstwerk, bei dem sich der Nationalspieler mit einer sensationellen Drehung von seinem Gegenspieler löste und den Ball mit dem nächsten Kontakt stilvollendet im langen Eck versenkte. Es war eine flüssige Bewegung, bei Messi hätte sich die versammelte Fußballwelt in Ehrfurcht verneigt, verstecken musste sich Brandt an diesem Abend hinter dem großen Ballkünstler nicht.

Wer das Gipfeltreffen auf einen Spieler und zwei Schlüsselszenen verdichten wollte, wurde bei Brandt fündig. Nach dem Seitenwechsel gaben die Dortmunder die Kontrolle über das Spiel ab und ließen sich auf einen wilden Schlagabtausch mit den Leipzigern ein. Zudem halfen sie den Gästen mit hanebüchenen Patzern zurück ins Spiel. Zwei Mal war Nationalspieler Timo Werner der Nutznießer, beim ersten Mal bediente ihn Torhüter Roman Bürki bei einer Rettungsaktion außerhalb des Strafraums mit einem völlig verunglückten Kopfball, beim zweiten Mal legte ihm Brandt mit einem katastrophalen Rückpass den Ball maßgerecht vor.

"So was passiert, weiter geht's"

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Brandt zaubert erst Dortmunds 2:2 - und egte später unfreiwillig für Timo Werner auf.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Ausgerechnet Brandt, dem zuvor so viel gelungen war. So nah können Genie und Wahnsinn beieinanderliegen. BVB-Kapitän Marco Reus nahm es gelassen: "So was passiert, weiter geht’s", kommentierte der "Fußballer des Jahres" lapidar. Die Borussia schüttelte sich, raffte sich auf, ging durch Jadon Sancho erneut in Führung, um sich dann ein weiteres Mal um die Früchte ihrer Bemühungen zu bringen. Dieses Mal patzte Guerreiro, der seinen Gegenspieler aus den Augen ließ.

Am Ende eines mitreißenden Schlagabtausches mussten sich alle Dortmunder als gefühlte Verlierer fühlen. Alle Dortmunder? Nein, Lucien Favre sah das völlig anders. Der Schweizer mochte sich nicht über einen verschenkten Sieg grämen, stattdessen lobte er seine Belegschaft über den grünen Klee: "Wenn du zwei solche Tore kriegst, musst du erst Mal so reagieren, wie wir das getan haben. Wir hätten nach dem 3:3 sogar noch das 4:3 machen können. Das ist der positive Aspekt, wenn du so zurückkommst." Bei so vielen wertvollen Erkenntnissen mochte der Trainer eine Woche vor Heiligabend nicht hadern. Im Gegenteil. Bevor er in die Nacht entschwand, gab Favre zu Protokoll: "Ich gratuliere meiner Mannschaft."

 

Durch das verrückte Remis im Topspiel gegen RB Leipzig steht für Borussia Dortmund fest, dass es mit der Herbstmeisterschaft für den BVB nichts mehr werden kann. Stattdessen droht der Borussia das Abrutschen auf Rang 5 nach dem 16. Spieltag, da sowohl der FC Schalke als auch der FC Bayern vorbeiziehen können.

Quelle: ntv.de