Fußball

Buli-Check: Mönchengladbach Fußballspektakel mit Anlauf und Ansage

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Wieder Platz fünf? Platzierungen spielen in Mönchengladbach erstmal eine untergeordnete Rolle.

(Foto: imago images / Uwe Kraft)

Borussia Mönchengladbach verspielt in der Rückrunde der vergangenen Saison die sicher geglaubte Champions-League-Qualifikation, vor allem aber viel Euphorie. Mit einem neuen Trainer kann nun nicht alles anders, aber vieles leichter werden. Und besser.

Erinnern Sie sich an Anfang Februar 2019? Klar, Andreas Gabalier bekam den Narhalla-Orden verliehen und Tom Brady holte mal wieder den Super Bowl. Was aber manchmal vergessen wird: Borussia Mönchengladbach stand damals auf Platz zwei der Bundesligatabelle, vor dem späteren Meister Bayern München und vor allem zehn Punkte vor dem ersten Platz, der nicht mehr zur Qualifikation für die Champions League berechtigte. Es war am Bökelberg für Wochen wahrscheinlicher, deutscher Fußballmeister zu werden, als in der kommenden Saison "nur" in der Europa League zu spielen.

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Marco Rose verabschiedete sich mit dem Double aus Salzburg. Hannes Wolf, den Rose seit der Jugend trainierte, wechselte nach Leipzig.

(Foto: imago images / Eibner Europa)

Und doch: Statt Liverpool wartet nur Ludogoretz, statt Barça könnte es Braga heißen - harter Europaliga-Alltag. Irgendwann setzte in der Rückrunde eine Abwärtsdynamik ein, der sich auch Trainer Dieter Hecking nicht mehr entgegen stellen konnte. Und die in der Konsequenz mit dazu führte, dass der Trainerroutinier nach dem fünften Platz ersetzt wurde. Stichwort Dynamik: Mit Marco Rose kam ein junger Trainer, "von dem ich glaube, dass wir einen nächsten Schritt tun können", wie Sportdirektor Max Eberl dem "Kicker" sagte. Rose hat mit Red Bull Salzburg zweimal die österreichische Meisterschaft eingefahren. Nun könnte man einwenden, dass das bei der wirtschaftlichen Kraft der Red-Bull-Filiale und der eher übersichtlichen Qualität der Liga ein Selbstläufer sein sollte. Ist auch so. Aber statt auf die Qualität überragender Einzelkönner zu setzen, überrannte Roses Mannschaft die Liga eher mit viel Tempo, einer klaren Idee, Mut und selbst und weiter entwickelten Spielern.

"Ein neuer Ansatz, eine neue Grundidee, eine neue Ansprache", erwarte Eberl. Und durch die tempointensive Spielidee des neuen Trainers auch eine neue Dynamik in der Mannschaft und im durch die enttäuschende Rückrunde teilsedierten Umfeld. Nun stellt das Tegernseer Tal keine großen Anforderungen an die Leidensfähigkeit des Anhangs, aber dass diesmal so viele Fans wie noch nie die Reise gen Süden ins Gladbacher Trainingslager antraten, darf zumindest als Indiz für eine Aufbruchstimmung gewertet werden.

Was ist neu?

Marco Rose im "FohlenPodcast"

"Mir ist es wichtig, normal zu bleiben und bei aller Verantwortung ein Mensch zu bleiben, der Fan-Wünsche wahrnimmt und einen guten Draht zur Mannschaft hat". Er sehe sich weder als "Special One" noch als "Normal One", gebe aber zu: "Ich bin eher bei Kloppo als bei Mourinho."

Und weiter: "Ich weiß, dass das eine große Herausforderung ist, wo am Ende gnadenlos abgerechnet wird. Ich bin mit großen Vorschusslorbee- ren gekommen. Es wird schnell wertende Wort über mich geben", sagte Rose, der betonte: "Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass der Schritt zu groß für mich ist, hätte ich das nicht gemacht."

Neu ist die Euphorie, die Aufbruchstimmung, die Freude auf eine spektakuläre Saison - und eben der Trainer. Rose brachte neben einem neuen Stab auch eine neue Spielidee mit. "Emotionalität, Gier, Wille, Leidenschaft" kündigte er an und will mit frischer Energie ein aggressives Gegenpressing auf den Platz bringen. Frühes Attackieren, leidenschaftliche Balljagd - und das konsequent im höchsten Tempo. Doch es geht in der Spielidee des ehemaligen Mainzer Profis nicht um permanentes wütendes Anrammeln, sondern um eine gesunde Mixtur aus schneller Balleroberung und einem temporeichen Ballbesitzspiel mit dem Willen zum mutigen Vertikalpass. Oder wie Rose es selbst nennt: Ein Fußball, "der ein gewisses Tempo hat,  der Torraumszenen hat und bei dem man sieht, dass die Mannschaft mit  Laufbereitschaft und Aggressivität alles für den Erfolg tun will".

Dass Rose "nicht die Salzburg-Schablone draufknallen", sondern lieber versuchen möchte, "den Stil Borussia Mönchengladbachs für die kommenden Jahre zu kreieren", zeigt sich an den Transfers: Zwar brachte der Trainer für zwölf Millionen Euro mit Stefan Lainer ("Naturgewalt, marschiert ohne Ende") einen Rechtsverteidiger aus Salzburg mit, ansonsten beließ man es aber mit Breel Embolo (vom FC Schalke 04) und Marcus Thuram (EA Guingamp), der auf der linken Außenbahn den abgewanderten Thorgan Hazard zu ersetzen hat, bei zwei weiteren neuen Offensivkräften - und in Max Grün einem dritten Torwart. "Power, Wucht, Dynamik" - das sind laut Rose die Attribute, die ihm zu Breel Embolo einfallen, es sind aber auch die Schlüsselbegriffe des neuen Gladbacher Spiels mit überwiegend altem Personal. Das große Umkrempeln fiel aus, die Magie soll und muss auf dem Platz stattfinden.

Auf wen kommt es an?

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Auf die Spieler. Auf ihren Willen, sich auf Neues einzulassen und die Bereitschaft, schnell und konzentriert zu lernen. Die Aussagen aus der sehr intensiven Vorbereitung mit vielen langen Einheiten mit hoher Intensität und viel Kommunikation deuten an: Das Team hat Lust auf den neuen Trainer und dessen Ideen: "Man merkt in jeder Einheit, dass ein Plan dahinter steckt. Deshalb macht mir die harte Arbeit sogar Spaß", lobte Offensivspieler Patrick Herrmann. Rose greift im Training viel ein, erklärt akribisch.

Und dann gibt es ja auch noch das intuitive Moment, das sich schwer erklären oder gar per Dekret in den Kader hinein implementieren lässt: „Sich nur über Pressing zu definieren, ist mir zu wenig. Wenn der Gegner hintendrin steht, müssen wir ja auch etwas mit dem Ball anfangen können“, erklärte Rose im Trainingslager. Und sein alter und neuer Kapitän Lars Stindl, der nach einem Schienbeinbruch selbst erst im Herbst wieder eingreifen kann, ergänzt: „In bestimmten Situationen sind auch andere Dinge gefragt sind: Dass man mal Ballbesitz hat, Ruhe ins Spiel bringt und dann den Umschaltmoment findet. Beide Stile zusammenzubringen, wird die große Kunst sein.“ Für diese Abwägung werden in Roses 4-4-2 vor allem die Spieler verantwortlich sein, die in der Mittelfeldraute auflaufen werden.

Was fehlt?

In der Offensive herrscht auch ohne Stindl ein spannender Konkurrenzkampf, defensiv besteht noch Bedarf: "Man fahndet auf einem überhitzen Transfermarkt noch hartnäckig nach einer Verstärkung für die linke Abwehrseite, wo Routinier Oscar Wendt seit Jahren praktisch konkurrenzlos ist",  erinnert Christian Grünewald vom Gladbach-Podcast "Tribünenhocker" daran, dass die Transferbemühungen von Eberl nicht abgeschlossen sind.

Wie lautet das Saisonziel?

"Ich möchte, dass die  Fans nach unseren Spielen sagen: Wir kommen gern ins Stadion, das  ist Fußball mit Wiedererkennungswert, damit können wir uns  identifizieren", sagte Rose der "Welt". "Punkte zu holen ist die oberste Prämisse. Aber es  wäre auch schön, wenn am Ende Fußball fürs Auge herausspringt." Auf eine konkretere Ansage wollte sich der 42-Jährige auch gegenüber dem "Kicker" nicht festnageln lassen. "Einen Zielbereich nenne ich nicht, wir wollen das Maximum rausholen." Und ein Satz lässt aufhorchen: "Wir wollen gerne auch mal Spektakel bieten." Das ist doch mal ein Ziel, von dem alle etwas haben.

Das sagt der Insider

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Auf Matthias Ginter (links) und Alassane Pléa kommt es auch in der kommenden Saison wieder an.

(Foto: imago images / Norbert Schmidt)

"Der neue Trainer wurde verpflichtet, um bei der Borussia neue fußballerische Akzente zu setzen. Zwar gelang unter Dieter Hecking der fünfte Platz, was jedoch beinahe von dem unerklärlichen Einbruch in der zweiten Saisonhälfte überschattet worden wäre. Zu brav, zu passiv wirkten die Fohlen vor allem in der Rückrunde, und auch wenn Max Eberl den Trainerwechsel nicht als Entscheidung gegen Hecking verstanden wissen will, erhoffen sich viele im Umfeld neue Impulse für das spielerisch hoch veranlagte, aber manchmal zu lethargisch wirkende Team. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an Rose, der als Serienmeister in Österreich zwar mit reichlich Vorschusslorbeeren an den Niederrhein kommt, sich als Cheftrainer aber erst auf dem Niveau der deutschen Bundeliga bewähren muss. In der Vorbereitung zeigte sich, dass die Mannschaft den neuen Ansatz des Trainerteams nicht von heute auf morgen vollständig auf den Platz bringen kann. Der schon von Lucien Favre etablierte und auch unter seinen Nachfolgern größtenteils praktizierte Ballbesitzfußball mit eher passivem Deckungsverhalten ist im vergangenen Jahrzehnt zum Teil der Gladbacher DNA geworden. Jetzt soll zwar nicht alles, aber vieles anders werden.

Der Kern des bisherigen Stammpersonals scheint dabei aber auch unter Rose weiter gefragt zu sein. Startschwierigkeiten sind somit nicht auszuschließen, zumal besonders hinter der Besetzung der Offensive noch Fragezeichen stehen. Kapitän Lars Stindl wird nach seinem Schienbeinbruch erst im Herbst zurückerwartet, die Neuzugänge Thuram und Embolo trainieren erst wenige Wochen voll mit der Mannschaft. Wahrscheinlich landet die Borussia in einen ähnlichen Bereich wie letzte Saison. Vom Papier her konnten Qualität und Vielseitigkeit des Kaders weiter erhöht werden, die Stimmung im Umfeld ist erwartungsfroh und positiv wie lange nicht. Es wird spannend zu beobachten sein, wie schnell die Fohlen den vielzitierten und hochgelobten Rose-Fußball erfolgreich umsetzen können - Rückschläge nicht ausgeschlossen. Generell erscheint auch in diesem Jahr die Europa League das realistische Ziel. Für einen Platz unter den Top vier müsste wohl die Konkurrenz schwächeln, ein Absturz aus der oberen Tabellenhälfte wäre dagegen eine Enttäuschung."

(Christian Grünewald ist eine Hälfte der "Tribünenhocker", die einen aktuellen Podcast und YouTube-Kanal rund um Borussia Mönchengladbach produzieren)

Die Prognose von n-tv.de

Das Startprogamm

FC Schalke 04 (H)

1. FSV Mainz 05 (A)

RB Leipzig (H)

1. FC Köln (A)

Fortuna Düsseldorf (H)

TSG Hoffenheim (A)

Der Fußball, den Rose spielen lassen will, bedeutet eine Umstellung für die Fußballprofis. Und Umstellungen benötigen Zeit, Geduld und Ruhe. Alles werden die Verantwortlichen dem neuen Trainer gewähren, bei den Fans genießt er nach der teilweisen Entfremdung von Trainer und Mannschaft zum Ende der vergangenen Saison Kredit. Man ist gespannt, wo die Reise hingehen wird.

Das mühsame 1:0 im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten aus Sandhausen? Das zeigte höchstens, dass die Arbeit nicht mit dem ersten Spieltag endet. Ein Tritt auf die Euphoriebremse war das aber nicht. Den in den vergangenen Jahren so populären Umschaltfußball und wie man sich dagegen wehrt, das hat inzwischen auch der Letzte in der Liga verstanden. Der Ansatz, den Rose praktiziert, muss erstmal erfolgreich entschlüsselt und bearbeitet werden. Und dann ist da immer noch der "Plan B" mit temporeichem Ballbesitzfußball. Schafft es die Borussia zuerst, die neue Idee mit Mut und Sicherheit umzusetzen, wird es ein erfolgreiches Jahr im oberen Drittel.

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Quelle: n-tv.de

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