Hecking von Großkreutz genervtGanz Deutschland lechzt nach dem Absturz des VfL Wolfsburg
Von Stephan Uersfeld, Wolfsburg
Der VfL Wolfsburg taumelt dem Abstieg entgegen: sportlich desolat, von Jahren der Misswirtschaft gezeichnet und von Traditionalisten verachtet. Allein Dieter Hecking wehrt sich noch. Der ehemalige King vom Mittellandkanal greift dabei Kevin Großkreutz an.
Als sich die Sonne an einem Samstag im März hinter den vier Schloten der VW-Werke glutrot in den Mittellandkanal stürzt, schlichten zwei Security-Mitarbeiter vor dem Bahnhof ein Handgemenge. Zu viel Häme. "Zweite Liga, Wolfsburg ist dabei." Das Gebrüll einer Gruppe siegestrunkener Werder-Fans nach dem 1:0 in der Autostadt. Sie brüllen direkt in die Vorhalle, aus der wild zeternd einer mit Wolfsburg-Schal rast. Er erträgt das alles nicht mehr. Die Niederlagen, der Hohn, die Hoffnungslosigkeit. Sein Problem in diesem Moment: Er ist in der Unterzahl. Die Security-Mitarbeiter erklären ihm seine missliche Lage. Er trollt sich, immer noch laut schimpfend.
Ganz Fußball-Deutschland lechzt in diesem Frühling nach dem Abstieg des VfL Wolfsburg. Der Klub aus dem ehemaligen Zonenrandgebiet zählt zu den großen Störfaktoren der Traditionalisten, die durch den ehemaligen BVB-Profi Kevin Großkreutz kürzlich eine prominente Stimme bekommen. "Eigentlich dürfen sie nicht absteigen. Stadion immer voll, geile Stimmung", sagt er im Podcast "Viertelstunde Fußball" sarkastisch und fügt an: "Ich rede ja immer vom Herzen. Ich will, ich wünsche mir, dass die absteigen! Und fertig."
Für wen Kevin Großkreutz spricht
Der Wunsch des Weltmeisters von 2014 schlägt beim Tabellen-17. der Fußball-Bundesliga ein. Der von langer Misswirtschaft geplagte Verein am Rande des Abgrunds wehrt sich. "Ich empfehle, dass man vor seiner eigenen Tür kehrt. Diese Aussagen sind despektierlich, weil es sehr einfach ist, von draußen draufzuhauen", sagt Trainer Dieter Hecking jetzt in der "Sport Bild". Der 61-jährige gebürtige Castrop-Rauxeler ist am Mittellandkanal so etwas wie eine lebende Legende. Ihm verdanken sie eine der Sternstunden der Vereinsgeschichte: den DFB-Pokalsieg 2015, errungen im Endspiel gegen Großkreutz' Ballspielverein Borussia aus Dortmund. Aus Hecking wurde der King vom Kanal. Doch das ist lange her.
Der verzweifelte Wechsel vom Vereinsarbeiter Daniel Bauer zum Retter Hecking ist längst verpufft. Auf das 0:1 gegen Werder Bremen folgt nach der Länderspielpause ein 3:6 bei Bayer Leverkusen. In der zweiten Halbzeit fällt die Mannschaft auseinander. Auf dem Platz pflaumen sich die Spieler an, daneben schimpft Hecking über den Schiedsrichter Martin Petersen. Der trage eine Mitverantwortung für die desolate zweite Hälfte. Als Beweis führt er einige strittige Szenen an, unter anderem einen Ellbogencheck des Leverkusener Spielers Edmond Tapsoba, der beim Stand von 3:1 für Wolfsburg "mit Gelb-Rot hätte vom Platz gehen müssen". Ging er aber nicht. Wolfsburg verlor.
Showdown am Millerntor?
In der Rückrunde sind sie ohne Sieg, sie sammeln gerade einmal drei Punkte ein. Der Weg in der Bundesliga ist fast am Ende. Vier Punkte trennen Wolfsburg vom Relegationsrang, sogar sechs vom sicheren Klassenerhalt. Ein Blick auf das Restprogramm verspricht wenig Hoffnung. Zu Hause empfangen die Wölfe noch Frankfurt, Borussia Mönchengladbach und Bayern München. Dazu stehen noch Reisen zu Union Berlin, nach Freiburg und am letzten Spieltag zum FC St. Pauli an, dem momentan letzten Klub in Sichtweite.
Im April 2026 taumelt Wolfsburg in Richtung Untergang und kämpft dabei gegen die Unverfrorenheiten der hämisch grinsenden Beobachter. Hecking sagt: "Wenn ein Verein knapp 30 Jahre in der Bundesliga spielt, hat er jede sportliche Berechtigung, dort zu bleiben. Dass Werksvereine bei einigen Fans kritischer gesehen werden, akzeptiere ich. Aber es gibt auch in Wolfsburg viel Leidenschaft und Herzblut und etliche Fans, die um die Bundesliga kämpfen." Aber diese von Hecking angesprochene Berechtigung spricht ein großer Teil des Fußball-Landes Wolfsburg schon lange ab, genauer genommen seit ihrem Aufstieg im Sommer 1997.
Wie Kevin Großkreutz einst Hoffenheim in der Liga hielt
Die Traditionalisten verachten das Geld, das die Ausnahmeklubs Bayer 04 Leverkusen und VfL Wolfsburg in die Liga brachten. Die Traditionalisten wollen sie nicht. Genauso wenig wie das Kommerzprodukt RB Leipzig und den von Dietmar Hopp gepushten Dorfverein TSG Hoffenheim. Diese haben in ihren Augen die Seele des Spiels zerstört. Das geringe Zuschauerinteresse an den jeweiligen Standorten bestätigt sie.
Die Unmöglichkeit eines Abstiegs dieser zugereisten Klubs verärgert sie. Sie rauben dem alten Fußball Plätze in der Bundesliga. Wenn doch einmal die seltene Möglichkeit besteht, einen dieser verachteten Klubs in die Zweite Liga zu schießen, versagen die Traditionsvereine. So wie Borussia Dortmund 2013 gegen die TSG Hoffenheim, die vollkommen überraschend das letzte Spiel der Saison in Dortmund gewinnen und sich in die Relegation schleppen. Im Tor des BVB damals, zumindest in den letzten Minuten: Kevin Großkreutz. Lange her.
Ex-Trainer Bauer zerlegte Wolfsburg
Der 17. Platz nach 28 Spielen der Wolfsburger ist das Resultat einer vollkommen verfehlten Personalpolitik auf dem Platz und der Trainerbank, auf der seit Heckings letzter Amtszeit Mitte der 2010er-Jahre kein Trainer länger als zwei Jahre sitzt. Der Rückkehrer ist in diesem Jahr nach dem missglückten Experiment Paul Simonis und dem glücklosen Bauer nun bereits der dritte Wölfe-Trainer des Meisters von 2009.
"Das ist nie ein gutes Zeichen", spricht der abwanderungsbereite Angreifer Jonas Wind eine Binse aus. Jeder Trainer bringt eine neue Philosophie mit, jeder Trainer bekommt andere Spieler. Dreht sich die Spirale immer schneller, weiß niemand mehr, wieso er überhaupt gekommen ist. Es bleibt nur das gute Gehalt.
Als der kurz vor seiner Ablösung stehende Geschäftsführer Peter Christiansen Anfang März nach einer Niederlage in Stuttgart sein Schicksal mit dem von Trainer Bauer verknüpft, geht der Verein sehenden Auges in eine Heimniederlage gegen den Hamburger SV. Danach fliegen Christiansen und Bauer, der die Atmosphäre und Kultur beim Verein kurz vorher noch als nicht bundesligatauglich bezeichnet. "Ich finde: Solche Aussagen sollte man intern halten", meint Hecking dazu. Dann zeigt er sich selbst verwundert. Ein "Weiter so" könne es nicht mehr geben: "Mir fehlt zum Beispiel die Klarheit, wofür der Verein stehen möchte. Das muss deutlicher herausgearbeitet werden. Denn es ist ja beileibe nicht alles schlecht", sagt er.
Ein Verein ohne Leistungskultur
Während Bauer dem Verein Vorwürfe macht, die auch Hecking kaum wegmoderieren kann, werden dem entlassenen Christiansen am Mittellandkanal ebenfalls schwere Vorhaltungen entgegengeworfen. Nicht unbedingt öffentlich, aber medial. Gemeinsam mit dem bereits 2025 aus dem Amt gejagten ehemaligen Sportdirektor Sebastian Schindzielorz habe er einen Kader hingestellt, der sich nicht mit dem Verein identifiziert. Die Leistungskultur sei am Mittellandkanal vollkommen abhandengekommen. Er habe zu spät und falsch gehandelt. Jetzt handelt Christiansen nicht mehr. Zurück bleibt einzig und allein der im Dezember 2025 von Eintracht Frankfurt gekommene Sportdirektor Pirmin Schwegler.
"Wir haben es versucht, glaubt es mir", sagt der nach dem Bremen-Spiel in den Katakomben stehende Schwegler über die Wintertransfers Kento Shiogai und Jonas Adjetey. Der Verteidiger und der Stürmer kosteten zusammen über 20 Millionen Euro, und hatten bislang kaum Einfluss. Ein weiterer Baustein verfehlter Kaderplanung. Nicht einmal mehr eine Soforthilfe, wie so oft in den vergangenen Jahren, in denen der Klub bereits zweimal (2017 und 2018) in die Relegation musste und auch in der Saison 2023/2024 am Abstieg schnupperte.
Keine Liebe aus dem Rest der Republik
Vor 29 Jahren ziehen die Ostniedersachsen unter Trainer Willi Reimann mit einem bemerkenswerten Team um Holger Ballwanz, Sead Kapetanovic und Roy Präger nach einem 5:4 gegen den FSV Mainz 05 in einen von Traditionalisten bevölkerten Ort namens Bundesliga. Es sind Namen, nach denen sich die heutige Generation Fußball-Fans sehnt. Sie stehen für die gute, alte Zeit des Fußballs. Die Wolfsburger spielen erst im VfL-Stadion am Elsterweg südlich des Kanals, ab der Saison 2002/2003 in der eilends hochgezogenen Arena auf der anderen Seite an der Berliner Brücke nahe der Autostadt.
Am heutigen Standort der Volkswagen-Arena war einst die Spielstätte der Unione Sportiva Italiana Lupo Martini, des im Jahr 1962 ersten ausschließlich von Gastarbeitern gegründeten Vereins in Deutschland. Geschichte in einer Stadt, die keine Vorkriegsgeschichte hat. Geschichte in einer Stadt, die in den kommenden Jahrzehnten zum pochenden Herz der Autorepublik Deutschland wird und ausgehend von den vier ikonischen Schloten des Werks Wohlstand über das Land bringt.
Liebe aus dem Rest des Landes gibt es dafür nicht. Liebe aus dem Rest des Landes gibt es auch nicht für den VfL Wolfsburg. Diese 100-prozentige VW-Tochter ist ein einziger Störfaktor. Einer, der momentan rund 80 Millionen Euro pro Jahr vom Mutterunternehmen erhält - nicht nur für die Männer, sondern auch für die starke Frauen-Bundesligamannschaft und die Jugend. Ein Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag sorgt dafür, dass die Bilanz stets ausgeglichen ist. Fehlt Geld, schießt Volkswagen nach. Kommt Geld rein, geht das an Volkswagen. Seit der Saison 2017/2018 hat der Verein über 100 Millionen Euro Verlust gemacht. Der Kader ist riesig und orientiert sich doch in weiten Teilen an dem ehemaligen VfL-Stürmer Nicklas Bendtner.
Die Sache mit Bendtner
Der Däne prägt das Bild der Stadt und des Vereins in einer einst von den Fußball-Bewahrern "11 Freunde" transportierten Geschichte. Der bunte Vogel soll einen Reporter des Magazins gefragt haben, wie er denn zum Stadion gekommen sei. Mit dem Taxi vom Bahnhof, habe dieser geantwortet, und Bendtner gelacht. Dann habe er alles gesehen. Von den wenigen Triumphen bleibt nichts, nur Anekdoten: die vom Mount Magath, die von Bendtners Verachtung für die Stadt, die von Mark van Bommels Wechselfehler im Pokal. Die Erfolge mit den zwei großen Mannschaften 2009 und 2015, in Deutschland bald vergessen, in Wolfsburg an den Wänden des Presseraums verewigt.
Kaum förderlich für diese manchmal schon unverhohlene Verachtung ist die Lage Wolfsburgs im alten Zonenrandgebiet, das dem Großteil der Republik nur als flüchtiger Blick aus dem Zugfenster bekannt ist - und für die dort Lebenden doch Heimat bedeutet. Wolfsburg ist die alte Bundesrepublik, die 36 Jahre nach der Wende vor dem endgültigen Verschwinden steht. Die Zeit hat die Stadt überrollt. Schwer getroffen von der Krise der Automobilindustrie, ein Symbol für Stillstand, nicht mehr für Fortschritt.
Die Stadt der Zugereisten
So wie der VfL immer nur ein Zugereister bleibt, so ist Wolfsburg auch eine Stadt der Zugereisten. Die fünftgrößte Stadt Niedersachsens mit 130.000 Einwohnern, davon rund die Hälfte mit Migrationshinter- oder -vordergrund, hat nichts zu bieten. Nur das Werk, etwas Architektur, einige Museen, ein Outlet-Center und einen strauchelnden Fußballverein. Es ist nicht leicht, jetzt noch Wolfsburger zu sein. Wohin und worum es auch geht, es geht immer gegen Wolfsburg.
Die große VW-Krise trifft nun auch den VfL. Sie trifft die Fans, die den Abstieg ihres Arbeitgebers mitansehen und nun auch den drohenden Abstieg ihres Vereins fürchten. Aus dem Rest des Landes können sie kein Mitleid erwarten. Dafür steht das, für das der VfL steht, zu sehr für das, was den Fußball in Deutschland verändert hat. Daran ändert auch der harte Kern der Fans nichts. Der arbeitet sich seit Jahren an dem eigenen Verein ab. Da sind die Anhänger der Wölfe kaum anders als die anderer Klubs.
Frankfurt packt die Häme ein
Über den Spielern schwebt Ende März nach der Niederlage gegen Bremen ein kleiner Werbezeppelin, neben ihnen steht Wölfi. Das Vereinsmaskottchen lässt sein Regenbogenohr hängen, den Kopf auch. Der im Sommer verpflichtete dänische Starspieler Christian Eriksen kämpft mit den Tränen. Irgendwann drehen die Spieler ab und trotten in Richtung Spielertunnel, die Nordkurve mit den letzten Fans wippt auf und ab. Trotzig singen sie "Einmal Wolfsburg, immer Wolfsburg".
Doch das gilt nur für sie, für die Profispieler nicht. Die sind mal hier und mal da. Und in Wolfsburg selten mit dem Herzen da. Sie kommen an diesen für junge Menschen so seltsamen Industrieort in einer zutiefst grünen Landschaft, erhalten einen VW-Zuschlag und verschwinden wieder, sobald jemand ein gutes Angebot macht.
Niemand verliert sein Herz an Wolfsburg. Nur die treuen Fans in der Nordkurve, die immer mehr verzweifeln, nur Kapitän Maxi Arnold, der kaum noch spielt, und auch Trainer Hecking, der Wolfsburg verteidigt und Großkreutz tüchtig Saures gibt. Doch das hat noch niemanden gerettet. Es sind triste Zeiten in Wolfsburg. Am Bahnhof sammelt der ICE die Bremer Fans ein, am Wochenende nun kommen die Frankfurter. Auch die werden tonnenweise Häme im Gepäck haben.