Fußball

Klopp-Liebling berauscht Rangers Gerrard, der explosive Heilsbringer vom Ibrox

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Führt die Glasgow Rangers nach und nach zurück zum Erfolg: Steven Gerrard, nun energisch als Trainer.

(Foto: Action Images via Reuters)

Erstmals seit acht Jahren und einem bitteren Sturz in die Viertklassigkeit stehen die Glasgow Rangers wieder an der Spitze des schottischen Fußballs. Architekt der Auferstehung ist Steven Gerrard. Nach nicht mal zwei Jahren als Profitrainer ist die Liverpool-Legende bereits eine Rangers-Ikone.

Laut ist es im Ibrox-Stadion ohnehin immer. Doch in dieser 82. Minute ist der Lärmpegel selbst für Heimspiele der Glasgow Rangers außergewöhnlich, zumal für einen Spielerwechsel. Den meisten Fans ist zu diesem Zeitpunkt wohl ziemlich egal, dass ein "Legenden-Team" ihres Klubs mit 2:3 gegen eine Auswahl des FC Liverpool zurückliegt - denn der neue Mann auf dem Feld ist Steven Gerrard. Im blauen Gers-Trikot. Und bereit, gegen den englischen Verein zu kicken, bei dem er 26 Jahre lang aktiv war und bei dem er eine Legende ist. Die Szene in jenem Freundschaftsspiel am vergangenen Samstag lässt keinen Zweifel daran, dass Gerrard längst auch eine Rangers-Ikone ist - und das nach nur knapp anderthalb Jahren als Trainer des schottischen Fußball-Rekordmeisters.

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Die Euphorie um Gerrard gründet nicht allein in der allgemeinen Glasgower Fußballbegeisterung für Legenden, sie hat auch ganz fachliche Ursachen. Mit ihm ist sportliche Kontinuität zu den Rangers zurückgekehrt. Seit der Engländer zu Beginn der vergangenen Saison in Glasgow sein erstes Traineramt im Profibetrieb angetreten ist, erleben die Fans des Klubs nicht immer attraktiven, dafür aber effizienten Fußball. Von wettbewerbsübergreifend bislang 80 Spielen in der Ära Gerrard wurden 48 gewonnen, das entspricht einer Siegquote von 60 Prozent. Kein schlechter Wert für einen Trainerdebütanten. Die blau-weiß-rote Erfolgskurve unter Gerrard zeigt nach oben, die Lernkurve auch. Durch den furiosen 5:0-Sieg gegen Hamilton Academical vor zwei Wochen hat der Rangers FC die Tabellenspitze der erstklassigen Scottish Premiership erobert - erstmals seit dem bitteren Sturz in die fußballerische Bedeutungslosigkeit vor acht Jahren.

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Vergessen scheinen die Zeiten, in denen die Gers ihr Dasein in den Niederungen des schottischen Fußballs fristen mussten. Dubiose finanzielle Machenschaften der Bosse und ein Insolvenzverfahren hatten den stolzen Traditionsklub in die Knie gezwungen, der Neustart musste in der viertklassigen League Two erfolgen. Seit drei Jahren spielt der 54-malige Landesmeister inzwischen wieder erstklassig, immerhin. Doch erst jetzt scheint mit Gerrard der passende Dirigent für die Rückkehr zu alter Größe gefunden. Der Hoffnungsträger selbst gibt sich indes bescheiden. "Wir müssen uns immer noch verbessern", wird Gerrard selbst nach Erfolgen wie am vergangenen Spieltag nicht müde zu betonen. "Wir müssen noch wachsen." Und wieder Titel gewinnen. Das ist es, was Gerrard und den neuen Rangers noch fehlt.

Risiko mit riesiger Rendite

Mit der Verpflichtung des unerfahrenen Trainers, der in dieser Funktion zuvor lediglich im Nachwuchsbereich seines Herzensvereins FC Liverpool tätig gewesen war, ist die Rangers-Chefetage 2018 ein Risiko eingegangen. Wie so oft in den vergangenen Jahren, diesmal mit Erfolg. Gerrard überzeugte die Skeptiker gleich nach seiner Amtsübernahme: Wettbewerbsübergreifend fuhr er mit seinem jungen Team zwölf Siege in Folge ein. Es folgten Auf und Abs, aber immer auf hohem Niveau.

Der erste emotionale Höhepunkt gelang Gerrards Rangers Ende des vergangenen Jahres, als die Elf den großen Lokalrivalen und seit dem Rangers-Absturz quasi konkurrenzlosen Serienmeister Celtic mit 1:0 besiegten. Der Erfolg im 315. Old Firm, einem der brisantesten Stadtderbys im Weltfußball, war der erste Liga-Sieg gegen den ungeliebten Stadtrivalen seit mehr als sechs Jahren, seit einer Ewigkeit. Für die Rangers-Fans war es etwas wie eine verspätete Weihnachtsbescherung. Zur ersten Meisterschaft seit 2011 reichte es nicht, mit deutlichem Rückstand von elf Punkten beendete ihr Klub die Saison als Zweiter hinter den Grün-Weißen. Dennoch: Fans wie Klubbossen dürfte schnell gedämmert haben, dass die Verpflichtung des Trainer-Neulings Gerrard nicht die schlechteste Idee war. Endlich, nach Jahren voller Fehlentscheidungen rund um das altehrwürdige Ibrox.

Nun, eine Saison später, stehen die Rangers erstmals wieder an der Spitze des schottischen Fußballs. Die einzige Liganiederlage setzte es am vierten Spieltag gegen Celtic, ein schmerzliches 0:2 im Ibrox. Damals sagte Gerrard trotzig: "Der Rückstand beträgt drei Punkte. Letztes Jahr waren es sieben. Ich bin immer noch zuversichtlich, dass wir eine erfolgreiche Saison haben können." Vier Partien später ist aus dem Rückstand ein Zwei-Punkte-Vorsprung auf Celtic geworden. Und Gerrard? Tritt auf die Euphoriebremse: "Es ist Oktober und es besteht kein Grund, sich darüber Gedanken zu machen, wo wir in der Liga stehen oder auszuflippen."

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Fuckin' Dynamite

Die Fans sehen das etwas anders. "He's Blue, He's White, He's Fuckin' Dynamite - Steve Gerrard" schallt es von den Rängen. Eine Lobeshymne auf den explosiven 39-Jährigen. Die leidenschaftliche Anhängerschaft feiert ihren Trainer als Heilsbringer, der wie einst als Spieler für Herzblut, Loyalität und Kampfgeist steht. Unvergessen ist etwa sein Einsatz im Champions-League-Finale 2005, in dem er seinen FC Liverpool nach 0:3-Rückstand gegen den AC Milan noch zum 3:3 und schließlich zum Sieg im Elfmeterschießen peitschte.

Auch Sturm-Routinier Jermaine Defoe, einst gemeinsam mit Gerrard im englischen Nationalteam aktiv, schwärmt von seinem Trainer: "Ehrlich gesagt ist er nun wie damals als Spieler", sagte der Angreifer jüngst dem Magazin Talksport. Der 37-Jährige, der nach seinem Dreierpack gegen Hamilton die schottische Torjägerliste anführt, ist sicher: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir etwas Besonderes erreichen." Dieses besondere Ziel ist in dieser Saison eindeutig: Der Gewinn der Meisterschaft und die Wiederherstellung alter Verhältnisse. Erzrivale Celtic soll nicht auch noch den neunten Titel in Folge gewinnen. Der Weg zu diesem Ziel führt die Rangers vorerst an diesem Sonntag nach Edinburgh. Dort gilt es am 9. Spieltag, die derzeit unbeständigen Hearts zu schlagen.

Obwohl die schottische Premiership nicht zu den Top-Ligen der Welt zählt und die Rangers kürzlich in der Europaliga gegen die Young Boys Bern ihre wettbewerbsübergreifend zweite Saisonniederlage kassierten, findet die Auferstehung unter Gerrard auch international Beachtung - und weckt Begehrlichkeiten. Derzeit kursiert das Gerücht, Beşiktaş Istanbul wolle Gerrard abwerben. Dabei scheint dessen weiterer Karriereweg vorgezeichnet, ginge es nach Jürgen Klopp. "Wenn Sie mich fragen, wer auf mich folgen soll, würde ich Stevie sagen", sagte der Erfolgstrainer des FC Liverpool jüngst: "Ich würde ihm helfen, wenn ich kann."

Immerhin: Das Trikot "seines" FC Liverpool hat Gerrard in dem "Legenden-Spiel" selbstredend auch getragen, 70 Minuten lang. Ein Tor konnte die "Reds"-Legende der Gers-Auswahl aber nicht einschenken, obwohl er eine Großchance hatte. Freistehend schoss Gerrard den Ball an den Pfosten. Es passte zur neuen Liebelei im Norden Britanniens.

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Quelle: n-tv.de