Fußball

Ein Kind der Bundesliga ist tot Heinz Höher, ein feiner und spezieller Mensch

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Heinz Höher ist tot. Hier ein Bild aus dem Jahr 1977, aufgenommen im Bochumer Ruhrstadion.

(Foto: imago/Werner Otto)

Heinz Höher ist tot. Der ehemalige Spieler und Bundesligatrainer stirbt mit 81 Jahren. Beim VfL Bochum ist er eine Legende. Und mit dem 1. FC Nürnberg erlebt Höher nicht nur den ersten Spielerstreik im deutschen Profifußball, sondern prägt auch eine äußerst erfolgreiche Zeit.

Heinz Höher war kein einfacher Mensch. An ihm schieden sich die Geister. Ehemalige Spieler und Mitspieler von ihm können sich noch heute erbittert darüber streiten, ob seine Methoden genial oder verrückt waren. Aber in einem Punkt sind sich alle einig: Er war ein besonderer Mensch, über den man viele Geschichten erzählen konnte. Der Autor Ronald Reng hat genau dies in seinem preisgekrönten Buch "Spieltage" über die Historie der Bundesliga auf vortreffliche Art und Weise getan. Dabei zeichnete Reng das Bild eines vom Fußball besessenen Mannes, der auch schon einmal unter einem Pseudonym Leserbriefe an die lokale Presse schrieb, um sich über die Berichterstattung über Höher zu beschweren.

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Eine Legende in Bochum: Heinz Höher im Jahr 1966.

(Foto: imago/Horstmüller)

In Bochum ist Heinz Höher bis heute eine viel beachtete und geschätzte Persönlichkeit. 1968, als man den großen FC Bayern München mit 2:1 im Pokal-Halbfinale nach Hause schickte, lieferte der gebürtige Leverkusener eine formidable Leistung auf dem Platz ab. Acht Jahre später saß Höher dann auf der Trainerbank, als es zu einem weiteren Highlight-Spiel gegen die Roten kam. Damals, am 18. September 1976, führten die Bochumer bereits mit 4:0 gegen die Bayern, bevor sie am Ende die Partie mit 5:6 aus den Händen gaben.

Trainer Höher sagte nach der Begegnung, bei der die Bochumer Mannschaft über weite Strecken ein sensationelles Spiel geliefert hatte, etwas sehr Bemerkenswertes: "Es ist für unsere Spieler ganz einfach ungewohnt, vor vollen Rängen zu spielen. Nur so ist es zu erklären, dass einzelne Spieler mehr gaben, als sie hatten." Wie speziell Höher im Umgang mit seinen Profis war, zeigt die Erinnerung seiner beiden ehemaligen Spieler Heinz-Werner Eggeling und Jupp Kaczor. Wieder einmal ging es damals gegen die Bayern - doch dieses Mal mit einem besseren Ende für den VfL: "Wir kamen in den Raum, wo vorne wie immer die Tafel stand. Und plötzlich macht Höher einfach das Licht aus. Wir haben nur gedacht, was ist denn nun los? Niemand hat ein Wort gesprochen. Und dann geht irgendwann das Licht wieder an, er dreht die Tafel rum und da steht vorne drauf: Wir schlagen Bayern München, hap, hap, hap. Ja, dann sind wir losgefahren und haben sie weggehauen!"

"Nimmst du deine Krawatte mit?"

Das war Heinz Höher. Kreativ, aber eher schweigsam. Vielleicht passt es deshalb auch so gut zu ihm, dass er irgendwann begann zu schreiben. 1992 erschien sein Kinderbuch "Tommo", das er seinem Sohn Thomas widmete. In seiner Duisburger Zeit zwischen 1979 und 1980 erfand Höher eine Neuigkeit im Umgang mit der Presse. Eines Tages waren ihm die sich ständig wiederkehrenden Phrasen zu bunt geworden und so fertigte Höher Kärtchen für die Journalisten an, auf denen bestimmte Antworten zu Fragen über den allgemeinen Leistungsstand der Mannschaft draufgedruckt waren. So musste er sich nicht ständig wiederholen und dabei auch noch selbst langweilen. Das tat er im übrigen nicht, weil er sich mit den Leuten von der Presse im Allgemeinen nicht verstand. Ganz im Gegenteil.

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TRainer Höher vor der Saison 1978/1979 mit Walter Oswald, einem seiner neuen Spieler beim VfL.

(Foto: imago/Horstmüller)

Während seiner Zeit in Bochum ging Höher mit dem befreundeten Journalisten Heinz Formann gerne vor Auswärtsspielen in die Spielbank. Sie hatten einen Code verabredet, den sie vorher austauschten: "Nimmst du deine Krawatte mit?" Als sie eines Nachts in Berlin spielten, klappte es mal wieder richtig gut. Sie gewannen und gewannen. Bei der Rückkehr war es aber mit der Freude vorbei, wie sich Formann erinnert: "Wenn du aber um vier Uhr morgens zum Hotel kommst und deine Frau ist wach, gibt es nur eine Möglichkeit, die ich von Jürgen Köper gelernt habe: Ich habe ihr all die munteren Scheine gegeben und sagte: Jetzt musst du schweigen!"

In Duisburg endete die Zeit auf der Bank vorzeitig. Erst ein Drittel aller Spiele war absolviert, als Höher bereits zur Diskussion stand. Doch der nahm die verbalen Bösartigkeiten damals recht gelassen: "Mich muss hier keiner abschießen. Ich gehe freiwillig. Der Trainerstuhl in Duisburg hat ohnehin nur zwei Beine." Sein Frankfurter Kollege Friedel Rausch, der ihm gerade eine 6:0-Niederlage beigebracht hatte, ergänzte humorvoll: "Nur zwei dünne Beine!"

Kurios war kurze Zeit später sein Engagement in Düsseldorf. Nachdem die Fortuna den erfolglosen Otto Rehhagel rausgeworfen hatte, kam der Deutschland-Flüchtling Heinz Höher zufälligerweise in die Heimat. Der war zu diesem Zeitpunkt eigentlich Trainer bei Ethnikos Piräus: "Ich wollte nur einmal nach dem Rechten schauen und die Familie besuchen." Da griff die Fortuna sofort beherzt zu. Und so absolvierte Höher sein letztes Spiel als Trainer in Griechenland schon nach seiner ersten Begegnung mit Düsseldorf. Höhers Begründung: "Ich hatte das versprochen. Zum harten Profigeschäft gehört schließlich auch noch ein bisschen Menschlichkeit!" Dennoch ging es nach seiner Zeit in Düsseldorf wieder zurück nach Griechenland mit den beiden Stationen Paok Thessaloniki und Olympiakos Piräus.

Erster Spielerstreik im deutschen Profifußball

Was danach folgte war eine unglaublich spannende wie erfolgreiche Episode zwischen den Jahren 1984 udn 1988 beim 1. FC Nürnberg, die mit dem ersten Spielerstreik im deutschen Profifußball begann. Damals vor fast genau 35 Jahren weigerten sich beim Club die Spieler unter Höher weiterzuarbeiten. Der Trainer würde nicht zu ihnen passen, war das Argument der Profis. Eine durchaus übliche Einschätzung im bezahlten Fußball, die in 99,9 Prozent aller Fälle dazu führt, dass die Kluboffiziellen kurz darauf ihren Übungsleiter in die Freizeit entlassen. Doch damals in Nürnberg war alles anders. Die Oktober-Revolte ging auch deshalb in die Geschichte ein, weil sich die Spieler äußerst ungeschickt anstellten.

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"Wir werden nicht absteigen. Ja, wenn wir im nächsten Jahr das an Glück erhalten, was uns momentan an Widerwärtigkeiten vorgesetzt wird, werden wir sogar Deutscher Meister!"

Sie verweigerten mehrheitlich das Training und setzten ein Protestschreiben auf. Seither wissen Profis vor allem eine Sache: Wenn sie nicht mehr mit einem Trainer arbeiten wollen, sollten sie sich alle öffentlichen Meinungsäußerungen und Aktionen sparen. Denn beim Club ging die Sache für sechs altgediente Profis nach hinten los. Präsident Schmelzer hielt an Höher fest und schmiss die Arbeitsverweigerer raus. Was folgte, war die beste Zeit des Vereins für viele Jahre. Die erzwungene Neuaufstellung sorgte dafür, dass die jungen Talente schneller in die Mannschaft integriert wurden.

Der frische Geist durchfuhr einen ganzen Verein und setzte neue Kräfte frei. Höher erlebte seine vermutlich schönste Zeit im Profifußball. Doch danach wurde es weitgehend still um Heinz Höher. Denn zur Wahrheit seines Lebens gehörte auch, dass er viele Jahre hochgradig alkoholabhängig war. Erst 2010 schaffte er den Absprung und lebte seitdem abstinent. Als Trainer des VfL Bochum sagte Höher einmal: "Wir werden nicht absteigen. Ja, wenn wir im nächsten Jahr das an Glück erhalten, was uns momentan an Widerwärtigkeiten vorgesetzt wird, werden wir sogar Deutscher Meister!" Das hat er leider nie geschafft. Aber trotz des Ausbleibens der ganz großen Erfolge, wird man sich immer an ihn als echtes Kind der Bundesliga erinnern. An diesem Donnerstag ist Heinz Höher im Alter von 81 Jahren gestorben.

Quelle: n-tv.de