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Mehr Geld für die Männer Holstein Kiel schiebt Frauenfußballerinnen ab

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Sarah Begunk spielt seit 2012 für Holsten Kiel. Ihr Vater Bernd trainiert ihr Team - noch.

(Foto: imago/foto2press)

Der Klub Holstein Kiel erlebt ein absolutes Hoch: Die Männer könnten in der kommenden Saison in der Fußball-Bundesliga spielen. Doch die Frauen des Vereins müssen leiden - ihre Abteilung wird geschlossen. Der Protest der Spielerinnen ist laut und kreativ.

Holstein Kiel - das ist der Klub, der ein Fußball-Märchen schreiben könnte: Die 1. Männer-Mannschaft ist auf dem Weg zum Durchmarsch von der 3. in die 1. Liga - wenn auch vermutlich mit dem Umweg über die Relegation. Holstein Kiel - das ist aber auch der Klub, der seine komplette Frauenfußball-Abteilung schließt - und zwar ohne das vorher mit den Spielerinnen und Trainern abzusprechen. Diese sollen künftig beim VfB Kiel unterkommen.

Warum die Entscheidung Holsteins? "Um sich ganz der Arbeit im Herrenbereich und im männlichen Nachwuchs zu widmen", heißt es in einer Mitteilung auf der Vereins-Website. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge beziffert sich der Etat für die Frauenfußball-Abteilung jährlich auf einen sechsstelligen Betrag. Dieses Geld will der Klub künftig ins Nachwuchsleistungszentrum stecken. Laut Sportbuzzer plant der Verein zudem die Einstellung hauptamtlicher Jugendtrainer.

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"Da die beiden Kieler Traditionsvereine im Frauenfußball bereits seit vielen Jahren eng kooperieren, waren sich die Verantwortlichen beider Klubs auch schnell einig", heißt es in der Holstein-Mitteilung weiter. Aber auch davon erfuhren die Spielerinnen erst hinter. "Ich war davon total überrascht. Eine vorherige Rücksprache hat es nicht gegeben", sagt Regionalliga-Trainer Bernd Begunk laut Sportbuzzer. Seit 2005 engagiert er sich für den Holstein-Frauenfußball. "Es ist so, als wenn ein Lebensabschnitt zu Grabe getragen wird." Und zwar vier Spieltage vor dem Saisonabschluss - mitten im Abstiegskampf, wie die "Holstein Women" auf ihrer Facebook-Seite schreiben.

"Auf die Suche nach Sponsoren gehen"

Möglicherweise hat der Klub in der Euphorie des möglichen Aufstiegs ins deutsche Fußball-Oberhaus ja den Sinn für Anstand und Fairness vernachlässigt. Und so zeigen die Spielerinnen ihren Protest deutlich - im Landesliga-Spiel gegen ATSV Stockelsdorf: Nach dem Anpfiff am Sonntag blieben sie einfach stehen und ließen ihre Gegnerinnen ohne Gegenwehr ein Tor schießen. Nach dem Wiederanpfiff setzten sie sich im Kreis auf den Rasen, die Auswechselspielerinnen an die Seitenlinie - das Spiel wurde abgebrochen. Auch die Regionalliga-Frauen protestierten: Sie gewannen zwar gegen den ATS Buntentor (2:1), allerdings ohne das Logo von Holstein Kiel auf dem Trikot zu tragen. Christina Jaensch, Abteilungsleiterin der "Holstein Women" erklärt dem NDR, die Spielerinnen der beiden Frauenmannschaften sowie des Juniorinnenteams seien enttäuscht und wütend auf den Verein.

Steffen Schneekloth, Präsident von Holstein Kiel hat "totales Verständnis für die Enttäuschung". "Aber unsere nachvollziehbar harte Entscheidung ist weder frauenfeindlich noch altertümlich, sondern bedeutet lediglich die Konzentration unserer Kräfte auf den Herrenfußball", wird er vom Sportbuzzer zitiert. Begründung: Von den 36-Profifußball-Klubs sei Holstein "der Kleinste mit den geringsten finanziellen Mitteln".

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Beim VfB Kiel ist man erfreut über die Planung: "Wir möchten diesen Schritt gerne mitgehen", sagt der Vorsitzende Daniel Niebuhr laut Mitteilung. "Wir freuen uns darüber, dass die Fußballerinnen bei uns nun ihre Heimat finden." Ob das allerdings tatsächlich so kommt, steht laut Jaensch noch nicht fest. "Wir wollen als Abteilung mit allen drei Teams zusammenbleiben." Spielerin Sarah Begunk erklärt Bento: "Wir Frauen werden jetzt auf jeden Fall alleine auf die Suche nach Sponsoren gehen, die uns weiterhelfen." Das bestätigt ihr Vater und Trainer: "Mit uns ist noch nicht gesprochen worden. Wir wollen nicht unbedingt zum VfB, suchen einen Verein, der uns als vollwertige Abteilung aufnimmt und entsprechende Trainings- und Umkleidemöglichkeiten bietet." Das muss nicht unbedingt der VfB sein.

#AufstehenFürVielfalt

In der Politik kocht währenddessen eine hitzige Debatte über die Entscheidung hoch. Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer zeigt sich überrascht, schließlich seien die "Holstein Women" tolle leistungsorientierte Mannschaften, erklärt er dem NDR. Sie gehörten damit zu einer starken Sportstadt Kiel. Aminata Touré, für die Grünen im Landtag von Schleswig-Holstein, spricht dem NDR gegenüber von Ignoranz: "Da sitzen Männer im Aufsichtsrat und entscheiden im stillen Kämmerlein, was mit dem Frauenfußball passiert." Zudem kritisiert sie, dass der Klub gerade erst etwa sieben Millionen Euro Fördergelder von Stadt und Land für den geplanten Stadionausbau bewilligt bekommen hat: "Öffentliche Fördergelder beanspruchen, aber Gleichstellungspolitik aus dem vorletzten Jahrhundert praktizieren - das passt nicht zusammen", so Touré und ihre Grünen-Kollegin Lydia Rudow in einer Stellungnahme. Um die Förderung müsse sich Holstein nicht sorgen, beschwichtigt die sportpolitische Sprecherin der CDU, Barbara Ostmeier. Aber: "Ich kann die Entscheidung des Klubs von außen nicht nachvollziehen, das schockiert mich auch etwas."

Um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, suchen die Spielerinnen unter dem Hashtag #AufstehenFürVielfalt Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Denn tatsächlich ist Holstein nicht der erste Klub, der seine Frauenabteilung weniger fördert als die Männerteams. Weil der Hamburger SV in der Saison 2011/12 die Qualifikation für den europäischen Wettbewerb verpasste, mussten vor allem die Frauen unter Sparmaßnahmen leiden, berichtete damals die "Hamburger Morgenpost". Die 2. Mannschaft wurde ganz vom Spielbetrieb abgemeldet, die 1. Mannschaft wurde aus der Bundesliga zurückgezogen - und spielte nur noch in der Regionalliga, mittlerweile in der Oberliga. Jünger ist das Beispiel VfL Wolfsburg: Die Frauen sind seit Jahren überaus erfolgreich, konnten seit der Saison 2012/13 drei Meisterschaften, vier DFB-Pokal-Siege sowie zweimal den Champions-League-Titel feiern. Im vergangenen Sommer musste die Mannschaft um die Nationalspielerinnen Alexandra Popp und Babett Peter dennoch auf ihre Meisterfeier verzichten - weil die Männer in der Relegation um den Verbleib in der Bundesliga kämpften. Die Feier auf dem Rathausplatz war bereits geplant, als das Team laut Trainer Ralf Kellermann "aus den Medien" von der Absage erfuhr.

In diesem Jahr stemmen sich die Wolfsburger Männer wieder einmal gegen den Abstieg, während die Frauen sogar das Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League klar machen können. Derweil verspricht Schneekloth den Kieler Frauen, sie weiter finanziell zu unterstützen: "Wir versuchen, die Entscheidung so sozialverträglich wie möglich zu gestalten und die Spielklassenzugehörigkeit aller Mannschaften für die kommende Saison zu sichern." Laut "Holstein Women" kam dieses Zugeständnis erst mit zunehmendem Medieninteresse.

Quelle: n-tv.de

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