Fußball

Dortmund bleibt im Krisenmodus Immerhin sich selbst begeistert der BVB

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BVB-Coach Lucien Favre fieberte emotionaler mit als sonst, ging es beim Sieg über Hertha BSC doch auch um sein Traineramt.

(Foto: imago images/Contrast)

Coach, Mannschaft und Fans feiern als hätten sie ein Endspiel gewonnen: Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund gewinnt bei Hertha BSC drei Punkte. Für Trainer Lucien Favre bedeutet das, dass er seinen Job behält. Das war es aber auch schon mit den guten Nachrichten.

Am Ende feierten sie, als ob sie ihrem Saisonziel, der deutschen Fußballmeisterschaft, einen entscheidenden Schritt näher gekommen wären: BVB-Trainer Lucien Favre tobte nach dem Abpfiff ungewohnt euphorisch über den Platz, herzte Manager Michael Zorc und präsentierte sich gelöst wie noch nie in dieser für die Schwarz-Gelben so zähen Saison. Die 5000 Dortmunder Fans, über die sich noch vor dem Beginn eine bleierne Schwere gelegt zu haben schien, bejubelten das 2:1 bei Hertha BSC wie den Sieg in einem echten Endspiel, nicht wie einen Dreier am 13. Spieltag der Bundesliga. Gewonnen aber, das ist nach Borussias Punkten 21 bis 23 klar, hat ihre Mannschaft noch lange nichts. Denn der BVB operiert weiter im Krisenmodus.

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In der 48. Minute ist Lucien Favre wohl für einige Sekunden virtuell seinen Job los: Herthas Stürmer Davie Selke erzielt den Ausgleich, die Mannschaften nehmen Aufstellung zum Anstoß - und dann meldet sich Günter Perl aus dem Kölner Keller und verkündet: Abseits, kein Tor. Selkes Hacke ragte um Millimeter über die kalibrierte Linie. Eine bittere, eine richtige Entscheidung. Und eine Entscheidung, die Michael Zorc wohl die abnahm, die er maßgeblich mitzutreffen gehabt hätte: Favre raus oder weiter mit dem Schweizer. Denn am Ende feierten die Dortmunder, die Berliner rutschten unter Jürgen Klinsmann auf den Relegationsrang ab.

Das Spiel, das im Vorlauf vom Schicksalsspiel zum Trainerspiel umgewürdigt wurde, hatte dem Dortmunder Coach eigentlich viele Argumente für eine Weiterbeschäftigung verschafft, seinem Gegenüber dagegen große Sorgen um das Gelingen seiner Rettungsmission - wenigstens einige Minuten lang: Nach 17 Minuten führte der selbsterklärte Meisterschaftsanwärter nach einem Doppelschlag von Jadon Sancho (15.) und Thorgan Hazard (17.) mit 2:0, beide Treffer waren schön heraus gespielt, Jürgen Klinsmann und Lucien Favre lobten hinterher gleichermaßen den Dortmunder Start. Man hatte dem Gegner so dermaßen die Aufbruchstimmung nach dem Trainerwechsel vermiest, dass die blau-weiße Ostkurve schon nach der Hälfte der Halbzeit von den eigenen Profis Kampf einforderte. Hertha war anfangs erschreckend schwach, später dann bemüht, aber spielerisch unvollkommen und vor dem Tor vollkommen harmlos. Und doch hätte es beinahe für Zählbares gegen Borussia Dortmund gereicht.

Der Weltmeister als Symbolfigur

Der Dortmunder Edeloffensive wurde ja schon so lautstark mangelndes Durchsetzungsvermögen und fehlende Zweikampflust vorgeworfen, dass Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am vergangenen Wochenende auf der Jahreshauptversammlung des Vize-Meisters eingestehen musste, dass man es im Sommer versäumt habe, noch einen Mittelstürmer zu verpflichten. Einen, der körperlich robust ist, der arbeitet und der gegnerischen Abwehr wehtun kann, könnten sie gebrauchen. Aber der wird frühestens im Januar kommen. In Berlin aber holte die Hintermannschaft einen völlig ungefährlichen Gegner zurück ins Spiel: Drei Schwarz-Gelbe eskortierten Dodi Lukebakio vor dem eigenen Strafraum so lange, bis der Belgier abschließen konnte und Vladimir Darida den Ball ins Tor lenkte.

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Schlimmer war aber die Fehlleistung von Mats Hummels, der sich dieser Tage zur Symbolfigur der Dortmunder Misere aufschwingt: Fehlpass mit Folgen in Barcelona und nun flog der 70-fache Nationalspieler, der Weltmeister von 2014, der 35-Millionen-Verteidiger dank zweier grandios verbockter Zweikampfsituationen vom Feld und zwang seinem Team so ein wildes Unterzahlspiel auf. Joachim Löw jedenfalls wird in der Vorbereitung auf die EM-Gegner Frankreich und Portugal wohl nicht weiter über Hummels nachdenken. Sein Klubtrainer Lucien Favre dagegen darf sich weiterhin um die Diskrepanz zwischen Anspruch, Selbstanalyse und Wirklichkeit seiner Profis, nicht nur von Mats Hummels, kümmern.

Was anfangen mit diesem Spiel?

Das sportlich lange Zeit schwer anzusehende Spiel ist ein großartiges Beispiel für die Absurdität von Trainerultimaten, der Zuspitzung auf Ergebnisse, wie sie auch Watzke auf der erwähnten Jahreshauptversammlung vorgenommen hatte: „Am Ende ist Fußball immer über Ergebnisse definiert. Wir hoffen, dass es gelingt, eine Wende zum Positiven herbeizuführen“, hatte Watzke gesagt und unter dieser Prämisse ein gutes Spiel seiner Mannschaft gesehen. Gewonnen, abhaken. "Für mich war die wichtigste Erkenntnis, wie die Mannschaft sich als Mannschaft präsentiert hat", sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Nachfragen nach dem Stand der Trainerdiskussion wehrte er offensiv und gut gelaunt ab: "Das ist jetzt weg", sagte Zorc lachend. Erinnert man sich dagegen an die markigen Worte vor der Saison, als man sich offensiv die Meisterschaft als Ziel auf die Fahnen geschrieben und extra für absurd viel Geld Mats Hummels als Unterschiedsspieler mit der Sieger-Mentalität ins Team geholt hatte, hat der Berlin-Ausflug außer drei Punkten aber nur eines gebracht: Zeit.

Zeit, sich weiter Gedanken machen zu können, wie es mit dieser Konstellation – an die sie beim BVB vorgeblich immernoch glauben, mit der aber besonders Klopp-Verehrer Watzke mutmaßlich schwer fremdelt – weitergehen soll. Denn auch wenn Favre aus dem mutlosen 1:3 in Barcelona, von dem an Positivem vor allem hängen blieb, dass „nichts passiert ist, wofür wir uns schämen müssten“ (Hummels), manche richtige Schlüsse gezogen hat – Sancho von Anfang an, Brandt in neuer Rolle hinter der Spitze Reus – kann den Verantwortlichen natürlich nicht entgangen sein, dass sich Borussia Dortmund spätestens nach dem Anschlusstreffer weitestgehend zumindest spielerisch aus dem Spiel verabschiedet hatte. Dass der erleichterte Trainer hinterher lobte, wie engagiert und intelligent seine Mannschaft in Unterzahl verteidigt hätte, ist angemessen, wenn eine Mannschaft mit Profis vom Format eines Brandt, Reus, Hazard, Witsel oder Sancho aber vor allem über Kampf und Laufleistung zum Erfolg kommen muss, ist etwas faul. Zumal gegen eine Mannschaft wie Hertha BSC im November 2019, die bis zum Anschlusstreffer unterstrich, warum sie nach 13 Spieltagen nun auf dem Relegationsrang steht.

Mit dem Auswärtssieg ist klar, dass Favre erstmal weitermachen darf. Er hat das geforderte Ergebnis gebracht - und Konkurrent Bayern München hat verloren -, auch wenn es am Ende nur um eine Fersenspitze ging. „Wenn das Tor zählt, geht das Spiel in die andere Richtung“, sagte Klinsmann hinterher und man war geneigt, ihm zu glauben. Dann wären die Feierlichkeiten ausgefallen, die Stimmung wäre dahin gewesen, auch wenn die wenig begeisternde Leistung am Ende vielleicht die selbe gewesen wäre. Borussia Dortmund schafft es dieser Tage nicht, sich aus dem Krisenmodus zu manövrieren, selbst wenn die Weichen schon gestellt sind. Der erleichterte Lucien Favre darf nun aber mindestens kurz durchatmen. Auf Dauer wird es jedoch nicht reichen, sich von Ergebnis zu Ergebnis weiter zu hangeln. Denn beim BVB liegt in diesen Tagen mehr im Argen, als sich mit Ergebnissen verdecken lässt. Stimmung hin, Stimmung her.

Quelle: n-tv.de

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