Fußball

Herthas 125-Millionen-Deal "Damit können wir nicht mal Neymar kaufen"

121762969.jpg

Hertha BSC geht es finanziell schlechter, als viele denken.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das ehemalige Wunderkind der deutschen Wirtschaft, Lars Windhorst, steckt 125 Millionen Euro in den Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Diese Meldung hat Fußball-Deutschland hellhörig gemacht: Wächst da ein neuer Konkurrent für Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig heran? Oder baut Berlin Luftschlösser? Klar ist bisher: Die Beteiligungsgesellschaft Tennor von Windhorst bekommt für ihre Millionen 37,5 Prozent der Anteile an der ausgegliederten Profiabteilung von Hertha BSC und zwei Sitze im Aufsichtsrat. Zu einem späteren Zeitpunkt kann Windhorst seinen Anteil für weiteres Geld auf 49,9 Prozent aufstocken. Marc Schwitzky, Blogger und Podcaster bei "Hertha Base", hält es im Interview mit n-tv.de für utopisch, dass Hertha in die europäische Elite vorstößt.

n-tv.de: 125 Millionen für 37,5 Prozent der Hertha sind ein stolzer Preis. In einem zweiten Schritt könnte sich das Investitionsvolumen von Lars Windhorst auf bis zu 250 Millionen Euro für 49,9 Prozent ausweiten. Sind Sie erstaunt über den Wert, den die Hertha hat?

Marc Schwitzky: Interessant ist vor allem, dass man im Falle einer Veräußerung weiterer 12,4 Prozent, noch mal deutlich mehr Geld einspielen wird. Das ist für mich eher die Neuigkeit, als dass man 125 Millionen Euro für 37,5 Prozent bekommt. Diese Zahl kann man sich nämlich schon recht gut aus den Daten der KKR-Beteiligung (Herthas vorheriger Investor, Anm. d. Red.) erschließen.

Lars Windhorst hat im "Spiegel" gesagt, dass er Hertha mit seiner Investmentfirma zu einem "Big City Club" machen will. Er stellt dabei Vergleiche an mit anderen Klubs in London und Madrid. Freuen Sie sich über solche Aussagen?

63941995.jpg

Lars Windhorst galt mit 16 Jahren als deutsches Wirtschaftswunderkind.

(Foto: picture alliance / dpa)

Das macht mir eher Angst, weil es einfach unrealistisch ist. Solche Träumereien sind Quatsch, wenn man sieht, dass Real Madrid allein in dieser Transferperiode schon über 300 Millionen Euro ausgegeben hat und noch nicht am Ende ist. Mit den 125 Millionen Euro, die Lars Windhorst investiert, können wir uns nicht einmal Neymar leisten. Wenn man vergleicht, in welchen Sphären sich die großen Klubs in London oder Madrid bewegen, ist es völlig utopisch, dass Hertha in diese Riege vorstößt.

Im Gegensatz zu Windhorst sagt Hertha-Manager Michael Preetz, mit dem Geld könne der Verein "in Reichweite zu den internationalen Plätzen" kommen. Ist das die realistischere Zielsetzung?

Genau darum muss es gehen. Hertha ist ein Verein, der immer an dieser Schwelle steht. In den letzten Jahren ist es auch ein paar Mal gelungen, in diese Phalanx reinzubrechen. Das nächste Ziel muss sein, in diese Tabellenregionen dauerhaft reinzustoßen. Das wäre ohne diesen finanziellen Sprung kaum möglich. Da hätte man Transfers wie Eintracht Frankfurt gebraucht, was den Glücksfaktor angeht und die Rendite. Ob dieses Ziel letztendlich realistisch ist, muss man abwarten. Aber wie man liest, möchte man ja auch nicht wenig Geld dieser Summe in die Mannschaft investieren.

Geht die eher defensive, aber realistischere Zielsetzung von Michael Preetz mit der von Lars Windhorst einher? Der will in erster Geld verdienen, dazu braucht es maximalen sportlichen Erfolg.

*Datenschutz

Das ist schwer zu sagen. Klar, Windhorst will Geld verdienen, aber wir müssen realistisch bleiben. Das müssen die Hertha-Verantwortlichen ihm einimpfen. Man kann nicht den zweiten Schritt vor dem ersten gehen. Hertha müsste ja erst mal in Reichweite der internationalen Plätze kommen. Um zu einem 'Big City Club' zu werden, müsste dem eine kohärente Entwicklung vorangehen. Was mir Mut macht, ist die Zusammenarbeit mit KKR. Auch damals wurde gesagt, das ist eine Wirtschaftsheuschrecke, das kann ganz schnell nach hinten losgehen. Aber Hertha hat sich nicht ins operative Geschäft reinreden lassen.

Ohnehin sollen mit den neuen Millionen die damalige KKR-Anleihe über knapp 61,2 Millionen abgelöst und Schulden getilgt werden. Viel Geld bleibt dann nicht mehr übrig für Spielergehälter und Transfers. Vor dem Hintergrund spricht der Deal doch auch Bände über die finanzielle Schieflage der Hertha oder?

Die finanzielle Situation der Hertha hat auf jeden Fall dazu beigetragen, diesen Deal anzunehmen. Der KKR-Deal hat Hertha damals auf finanziell andere Beine gestellt, man konnte endlich in neue Spieler investieren. Im Winter hat Hertha die KKR-Anteile zurückgekauft, musste dafür aber Bankkredite aufnehmen. Deswegen gab es die Lizenz für die kommende Saison nur mit Auflagen. Die Argumentation war, finanziell erst einen Schritt zurückzugehen, um dann zwei nach vorne machen zu können. Diese zwei Schritte nach vorne sind der Deal mit Windhorst. Es bleibt aber kritisch, denn Herthas finanzielle Situation ist längst nicht so gut wie es teilweise auch in der Fanszene wahrgenommen wird.

In der vergangenen Saison hat Hertha im Umgang mit dem harten Kern der eigenen Fans nicht gerade souverän agiert. Besteht durch so einen Deal die Gefahr, dass man sich weiter von diesen Fans entfernt?

Der Fußball ist hoch kapitalistisch geworden und diese Entwicklung kann man entweder annehmen oder nicht. Ohne solche Leute wie Windhorst wird es in Zukunft, zumindest im Spitzenfußball, nicht mehr gehen. Als Verein muss man sich entscheiden, ob man diesen Weg mit- oder mit anderen mittelklassigen Vereinen langsam untergehen will. Hertha versucht diesen Sprung nach oben zu schaffen, bevor man im Mittelfeld zementiert ist. Dafür braucht man so jemanden wie Windhorst. Wenn man aber liest, wie unmoralisch er teilweise Geschäfte abschließt, dass ihm Nachhaltigkeit und Menschenrechte egal sind, dann stimmt mich die Personalie schon kritisch. Wenn das ein Großteil der Fans auch so sieht, wird das einen Keil zwischen Verein und Fans treiben. Es kommt aber darauf an, wie das Management in den nächsten Jahren agiert und diesen Deal für sich nutzt.

Wenn Sie in die Rolle von Michael Pretz schlüpfen und die Geldbörse ein wenig öffnen dürfen, in wen würden Sie investieren?

Marko Grujic ist aktuell das Hauptziel. Da geht es zwar nur um eine weitere einjährige Leihe. Aber wenn Hertha sagt, dass man das volle Gehalt übernimmt, wäre das sicherlich ein gutes Argument für Liverpool (aktueller Verein von Grujic, Anm. d. Red.). Ansonsten braucht es unbedingt einen Ersatz für Valentino Lazaro als Rechtsverteidiger. Davon abgesehen ist die Mannschaft relativ gut besetzt und es sollte eher darum gehen, finanzielle Anreize für wechselwillige Spieler zu schaffen, nicht zu gehen. Ich denke an Niklas Stark oder Arne Maier.

Mit Marc Schwitzky sprach Kevin Schulte.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema