Fußball

Trainer erreicht Team nicht mehr Ist Kohfeldt trotz seiner Fehler der Richtige?

imago46615776h.jpg

Und nun? Florian Kohfeldt.

(Foto: imago images/Nordphoto)

Vor einem Jahr ist Florian Kohfeldt einer der begehrtesten Trainer Deutschlands. Diese Saison begeht der Coach von Werder Bremen aber entscheidende Fehler. Der Verein hält trotzdem stoisch an ihm fest und plant mit ihm vielleicht schon die Zweite Liga - ist das sogar gut so?

In der Rückrunde der Saison 2018/2019 legt der SV Werder in der Fußball-Bundesliga mal wieder so einen Lauf hin. Vom 18. bis zum 30. Spieltag bleiben die Bremer ungeschlagen, treffen in jedem Spiel mindestens einmal. Vor allem dank des mutigen, offensiven Spielstils von Trainer Florian Kohfeldt und eines überragenden Max Kruse schafft es der Verein fast noch bis in die europäischen Plätze. Ganz Bremen und große Teile Deutschlands sind sich einig: Mit Kohfeldt hat Werder einen Mann für eine rosige Zukunft. Mancher will schon eine Rückkehr in goldene Zeiten ahnen, für Kapitän Niklas Moisander ist Europa das "Minimalziel" für die neue Saison. Kohfeldt, Trainer des Jahres 2018, wird fast zu den Bayern geschrieben, zu Dortmund und teils sogar bis in die Premier League.

imago46648957h.jpg

Bedient: Kohfeldt während des Spiels bei RB-Leipzig am Wochenende.

(Foto: imago images/Christian Schroedter)

Nun steht sein Klub nach der deutlichen Niederlage bei RB Leipzig die zweite Woche in Folge auf einem direkten Abstiegsplatz. Und einen Werder-Lauf gibt es dieses Jahr nur in nie da gewesener negativer Art. Acht der vergangenen neun Bundesligapartien haben die Bremer verloren und dabei nur ein eigenes Tor erzielt. Ein Nichtabstiegsplatz ist fünf Punkte entfernt. Schuld daran sind Fehler von Kohfeldt, die er nicht zu erkennen scheint. Und die zeigen, dass er zwar ein guter Trainer mit einem Plan A ist - aber keine anderen Spielideen hat und noch viel lernen muss.

Kohfeldt überschätzte seinen Sturm

Immer wieder tut sich Bremen gegen kompakte Verteidigungen offensiv unglaublich schwer, spielt sich kaum eigene Chancen heraus. Es fehlt an Kreativität und Durchschlagskraft. Auch Zugang Davie Selke überzeugte bisher nur im Pokalspiel gegen den BVB. Viele an der Weser wollen es nicht wahrhaben, aber schon in der vergangenen Saison war zu erkennen, wie abhängig das Spiel von Max Kruse war: Wurde der Spielgestalter komplett aus der Partie genommen, lief nicht mehr viel. Kohfeldts Fehler war, dass er seinem Kader zutraute, Kruses Abgang gemeinschaftlich kompensiert zu können. Werders Spiel war über Jahrzehnte immer geprägt von einer tonangebenden Persönlichkeit in der Offensive: von Mario Basler und Andreas Herzog über Johan Micoud und Diego bis hin zu Mesut Özil und Kevin De Bruyne. Nun ist niemand da, der kreativ oder tonangebend vorangeht.

imago46439047h.jpg

Jubelt nun in Istanbul für Fenerbahce: Max Kruse, blond.

(Foto: imago images/Seskim Photo)

Kruse wurde weder als Anführer noch als Torjäger adäquat ersetzt. Dass Niclas Füllkrug ein Risikoeinkauf war, wusste eigentlich jeder wegen dessen Verletzungsanfälligkeit. Kohfeldt aber überschätzte auch seine Sturmalternativen. Josh Sargent ist noch zu jung, um ein Bundesligateam mit seinen Toren tragen zu können, Claudio Pizarro (41 Jahre) und Fin Bartels (33 Jahre) sind zu alt. Ein weiterer Fauxpas des Trainers: Er platzierte Johannes Eggestein in der Hinrunde auf der Außenbahn, dabei schoss dieser in der Jugend als Mittelstürmer alles in Grund und Boden. Auch aus dem Mittelfeld kommt seit Kruses Abgang keine Torgefahr mehr, die Konter werden zu schwach, ungenau und langsam ausgespielt. Kohfeldt machte Nuri Sahin zu seinem Boss, seinem verlängerten Arm. Erst in der Rückrunde erkannte er allmählich, dass der Ex-Borusse viel zu langsam (offensiv wie defensiv) für das Spiel von heute ist. Und so hat Werder diese Saison die zweitwenigsten Tore geschossen. Am 22. Spieltag vor einem Jahr gab es nur sieben Teams, die mehr Treffer erzielt hatten.

Der Trainer erreicht die Spieler nicht mehr

Noch beängstigender für alle Werderaner ist aber, dass der Klub mit 51 Gegentoren die Schießbude der Liga ist. Das sind 18 mehr als zu dem Zeitpunkt vor einem Jahr. Eklatante Fehler, zu wenig Aggressivität und zu wenig Tempo in der Rückwärtsbewegung legt die ganze Mannschaft und nicht nur die Abwehr an den Tag. So schenkt Werder fast in jedem Spiel dem Gegner ein Tor. Aber würde der SVW allein Standards vernünftig verteidigen, stünde er wohl nicht so weit unten in der Tabelle. Mit 17 Gegentreffern nach ruhenden Bällen führen die Bremer dieses Ranking an. Nach fünf Spieltagen hatten sie bereits sechs solche Gegentore kassiert, am Wochenende gegen Leipzig waren es wieder zwei.

"Mit den Standardgegentoren machen wir uns das komplette Spiel kaputt", analysierte Kohfeldt nach der Partie. Dabei war er es, der im Dezember nach dem 2:3 beim VfL Wolfsburg am 13. Spieltag die Standardanfälligkeit für beendet hatte: "Wir haben das alles überstanden und damit hoffe ich, dass ich das Thema jetzt auch zumachen kann." Solche Aussagen können sich in den Köpfen der Spieler einbrennen, Kohfeldts Trainingsanweisungen scheinen dies nicht mehr zu tun. Es ist nicht anzunehmen, dass der Coach nicht alles versucht, um die Schwäche weg zu trainieren. Schließlich engagierte er in der Hinrunde eigens Ilia Gruev als Standard-Trainer.

Noch am Donnerstag hatte das Verhalten bei Defensivstandards wieder auf dem Plan gestanden. Was aber im Umkehrschluss heißt: Entweder erklären die Coaches das Fehlverhalten nicht gut genug - oder Kohfeldt erreicht die Spieler nicht mehr richtig. Und obwohl die Mannschaft den Trainer immer wieder für seinen "tollen Job" (Selke) und "großartigen Ansprachen" (Leonardo Bittencourt) lobt, scheint er sie nicht nur in Sachen Standards nicht mehr zu erreichen. Woche für Woche analysiert Kohfeldt die Fehler seines Teams, kündigt Besserung an - und doch folgen nicht nur Niederlagen, sondern vor allem extrem harmlose Auftritte. Hier liegt ein Dilemma des SV Werder Bremen: Kohfeldt ist, was man heutzutage gerne "Menschenfänger" tauft. Er ist sensibel und erkennt Stimmungen in der Mannschaft und bei Spielern sehr gut, geht darauf ein und ist deshalb äußerst beliebt bei den Kickern und den Fans. Die Sympathie aber verschleiert seine Fehler.

Neuanfang mit Kohfeldt in Liga zwei?

Auch der Spielstil des 37-Jährigen - das ballbetonte, dominante, kombinierende und offensive Spiel - kommt im Team gut an. Wenn er denn funktioniert. Begeisternde Siege wie das 3:2 über den BVB im Pokal, wo diese Mechanismen mal wieder griffen, blenden darüber hinweg, dass Kohfeldt nicht erkennt, dass er für seinen bevorzugten Spielstil nicht mehr die nötigen Spieler hat. Und dass er (noch) keinen klar erkennbaren Plan B besitzt. Manch eine Mannschaft befreite sich schon aus dem Tabellenkeller allein durch Standardtore. Aber Kohfeldt, der zwar nun seine Mannschaft hier und da etwas vorsichtiger und defensiver auftreten lässt, hofft weiter, dass "seine" Spielart belohnt wird.

Damit überschätzt der Coach auch sich selbst. Denn er erkennt nicht, dass es für diesen Stil eine gehörige Portion Selbstbewusstsein braucht, die die Spieler zurzeit nicht haben und die er ihnen nicht einfach einimpfen kann. Und als Taktikfuchs will er die Schönspiel-Mechanismen, die ohne den Druck des Abstiegskampfs griffen, nicht gegen biederen Abstiegskampf oder simple Standards tauschen.

Auf diesem Weg trudelt Werder in Richtung Zweite Liga. Dennoch halten die Offiziellen mit fast bizarr-naivem Vertrauen am Coach fest. "Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass Florian der Richtige ist", erklärte Manager Frank Baumann nach dem RB-Spiel. Das ist für jeden Fußballromantiker schön - aber wie lang kann das noch gut gehen? Und so rückt das zweite große Dilemma ins Licht: irgendwann kommt wohl der Moment, an dem sich der Klub entscheiden muss: Zweite Liga mit Kohfeldt oder Abschied.

Aber trotz seiner Fehler: Der Trainer hat bewiesen, dass er es kann. Dass er in Bremen eine Euphorie auslösen kann, die es seit Thomas Schaaf nicht mehr gegeben hat. Dass er ein starker Trainer mit einem atemberaubenden Spielstil sein kann - der aber noch jung ist und lernen muss. Zeigt er, dass er aus den Fehlern dieses Jahres lernen kann, muss Werder sich fragen: Ist es vielleicht schlauer, mit diesem Coach mit so viel Potenzial in die zweite Liga zu gehen und einen Neuanfang zu starten, als die nächsten Jahre wieder mit den Skripniks, Dutts, und Aad des Mos' dieser Welt im Tabellenkeller herumzudümpeln?

Es gibt aber noch eine dritte Option: Kohfeldt, seit 20 Jahren im Verein, könnte zurücktreten. "Werder Bremen ist wichtiger als einzelne Personen", sagte er am Wochenende auf die Frage eines Reporters. Kohfeldt wich nicht aus: "Wenn ich das Gefühl hätte, dass ich keine sportlichen Lösungen mehr habe für die Mannschaft", würde er diesen Schritt gehen. Auch gerade wegen dieser Ehrlichkeit und Offenheit hofft Werder, seinen Trainer zu halten. Ob er damit den Abstieg verhindern kann, ist mehr als zweifelhaft.

Quelle: ntv.de