Fußball

Unverständnis, Warnung, Frust "Jetzt kommt die ganz kritische Phase"

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Besorgter Blick gen Himmel: Löw will die "dunkle Wolke" über der DFB-Elf besiegen.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Nach der nicht abreißenden Kritik an der DFB-Elf schwebt eine "dunkle Wolke" über der Nationalmannschaft. Bundestrainer Joachim Löw will unbedingt siegen, um wieder blauen Himmel zu sehen. Er sieht sich weiter auf dem richtigen Weg - warnt aber vor zu viel Belastung.

Meteorologen sind sie alle nicht. Aber irgendwie wollen die starken Männer beim DFB dennoch das Wetter voraussagen. Angefangen hatte Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff, der sich bei seiner Wettervorhersage gleich in Rage redete. In einem 15-Minuten-Monolog forderte er am Montag mehr Vertrauen für den noch längst nicht beendeten Umbruch nach dem WM-Desaster vor gut zwei Jahren und einen "positiven Spirit" in der öffentlichen Betrachtung des DFB-Teams auf dem Weg zur EM 2021. Eine "dunkle Wolke" über der Nationalmannschaft hatte er entdeckt. Auch Bundestrainer Joachim Löw gab heute auf der DFB-Pressekonferenz zu, dass derzeit die "Stimmung im Team insgesamt etwas anders" ist, dass sie sich nach den Unentschieden in der Nations League gegen Spanien und die Schweiz "gedreht" habe.

Viel Kritik war damals Anfang Oktober aus der dunklen Wolke auf die DFB-Elf hinuntergeprasselt. Und auf den Bundestrainer. Bis zum 2:1 über die Ukraine hatte es gedauert, dass seine Mannschaft überhaupt mal ein Nations-League-Spiel gewann. Nach zuvor sechs erfolglosen Versuchen. Fans sahen in Umfragen Löw nicht mehr als den "Richtigen" für den Trainerposten, Experten wie Bastian Schweinsteiger prangerten zu wenige Identifikationsfiguren in der Mannschaft an, und das Leistungsprinzip schien aufgrund der Nichtnominierungen von Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng ausgesetzt.

"Fans freuen sich nicht mehr auf Länderspiele"

Das Desinteresse an der Nationalelf stieg, vielleicht auch im Gleichschritt mit der fortschreitenden Dunkelheit der Wolke. Weniger als sechs Millionen Menschen - die schlechteste Quote seit mindestens 20 Jahren - hatten das Freundschaftsspiel gegen die Türkei im Oktober im TV gesehen, deshalb wohl auch Bierhoffs Appell. Allerdings ist laut einer Umfrage gerade die vom DFB-Direktor stetig vorangetriebene Kommerzialisierung der Nationalmannschaft der Hauptgrund für das sinkende Interesse an Löws Team. So antworteten zumindest mehr als die Hälfte der gut 2000 befragten Deutschen in einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Civey für das Nachrichtenportal "t-online". Auch eine unsympathische DFB-Führung (39,7), eine unattraktive Spielweise (35,6) und eine zu hohe Anzahl an Wettbewerben (33,9) wurden als Gründe genannt.

Mittelfeldmotor İlkay Gündoğan erklärte dazu auf der DFB-PK, er sei die Kritik und das Desinteresse mittlerweile sogar gewohnt. "Das ist nicht nur in Deutschland der Fall. Viele Nationalmannschaften werden pessimistisch betrachtet", sagte der Profi von Manchester City. Er habe den Eindruck "viele Fans freuen sich nicht mehr auf die Länderspiele", das könne an einer Übersättigung aufgrund des engen Terminplans liegen. Kevin Trapp, der im Freundschaftsspiel gegen Tschechien zwischen den Pfosten beginnen wird, fügte hinzu: "Wir haben auch einen gewissen Teil zu der negativen Kritik beigetragen", denn die WM 2018 sei noch nicht vergessen, und die darauffolgenden Ergebnisse hätten auch nicht gestimmt.

"Große Energie und große Freude"

Meteorologe Löw nahm sich dann auch die ominöse "dunkle Wolke" vor - und zeigte sich ebenfalls demütig. "Es ist absolut wert, dass man den jungen Spielern das Vertrauen schenkt", sagte der Bundestrainer. "Die werden das irgendwann zurückzahlen." Momentan müsse man eben einen "steinigen Weg" gehen, der gepflastert sei "mit Rückschlägen, mit Widerständen, die man überwinden muss". Die schwankenden Leistungen seien für ihn normal. Und man könne auch gerne das Trainerteam für manche Dinge verantwortlich machen. Aber bei den jungen Spielern täten die "Beurteilungen manchmal weh".

Eigentlich sei die DFB-Elf aber eh auf einem sehr guten Weg: "Wir waren 2018 nach der WM und der Nations League wahnsinnig weit unten", sagte Löw. "2019 haben wir einen großen Schritt gemacht, schneller als andere Nationen in vergleichbaren Situationen." Und einen Schuldigen für die mangelhaften Leistungen 2020 hat der Bundestrainer auch schon gefunden: die Corona-Pandemie. Die Gesundheit stehe über allem, die Vorbereitung sei in diesen Zeiten eben schwieriger, weil Spieler immer wieder kurzfristig ausfallen könnten, und er müsse seinen Stars immer wieder eine Pause gönnen.

Auf einmal sprach der DFB-Coach in einer für ihn untypischen Vehemenz eine Warnung aus: "Wenn wir Trainer nicht die höchste Vorsicht walten lassen, haben wir im nächsten Jahr größte Probleme." Generell sei der Terminkalender einfach zu voll. Da hat er recht - die kalten und vollgepackten Wintermonate kommen erst noch. Eine Winterpause gibt es in diesem Jahr nicht. "Vieles wird auf dem Rücken der Spieler ausgetragen. Die Probleme mit Verletzungen beginnen nach und nach und werden noch viel größer, jetzt kommt die ganz kritische Phase", warnte Löw. Es wäre einfacher, "immer eine Formation aufs Feld zu schicken", sagte der Bundestrainer. "Das geht jetzt aber nicht." Das Problem: Andere Nationalmannschaften, die weitaus erfolgreicher und attraktiver spielen, haben die gleichen Corona-Hindernisse.

Aber der dunkle Dunst, der über ihm selbst und seiner Mannschaft wabert, soll nach Ansicht Löws auch mal halblang machen und sich in eine kleine Schäfchenwolke verwandeln. Denn "wenn der ganze Kader da ist, haben wir sehr gute Möglichkeiten." Immer wieder betonte er auf der Pressekonferenz, als wolle er den verhangenen Himmel mit aller Macht zum Umdenken zwingen, dass man bei seinen jungen Spielern eine unglaublich "große Energie und große Freude" und dazu "hohe Motivation und einen hohen Willen" spüre.

Noch kein blauer Himmel in Sicht

Erfolgserlebnisse sind für die DFB-Profis nun wohl die beste Wahl, um auf dem Weg zur EM 2021 die Wettervorhersage zu einem wolkenlosen Himmel zu überreden. Löws Team kann seine Gruppe schließlich noch gewinnen und sich damit für das Final-Four-Turnier im Oktober 2021 qualifizieren. Die DFB-Auswahl geht mit sechs Punkten als Tabellenzweiter hinter Spanien (7 Zähler) in die letzten Partien am Samstag gegen die Ukraine und am Dienstag gegen Spanien.

Davor steht aber das morgige Freundschaftsspiel gegen Tschechien an (20.45 Uhr/RTL und im Liveticker auf ntv.de). Einige Ausfälle drohen die dunkle Wolke dabei aber noch stärker zu schwärzen. Thilo Kehrer kehrt mit Adduktorenproblemen nach Paris zurück, Benjamin Henrichs leidet an Patellasehnen-Problemen, Robin Gosens steht aufgrund von Muskelproblemen nicht zur Verfügung. Der Erfahrenste der Mannschaft, Toni Kroos, stößt erst später zur Mannschaft und fehlt in der ersten Nations-League-Partie. Beim ersten Training reichte es für das DFB-Team gerade mal für ein fünf-gegen-zwei. Für blauen Himmel müssen Joachim Löw und seine Kicker also noch ordentlich pusten, beziehungsweise arbeiten, hoffen und siegen.

Quelle: ntv.de