Fußball

Debatte über "Arroganzanfall" Joachim Löw wird immer angreifbarer

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Die Kritik an Joachim Löw wird immer lauter.

(Foto: dpa)

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat den Fluch in der Nations League abgelegt und in der Ukraine endlich ein Spiel gewonnen. Weil der Auftritt wieder nicht überzeugend war, reißt die Kritik am Bundestrainer nicht ab. Der reagiert überraschend dünnhäutig.

Joachim Löw hat am späten Samstagabend ein paar Sätze gesagt, die für ihn böse enden können. Dann nämlich, wenn sich der wuchtig auftuende Eindruck verfestigt, dass der Bundestrainer für sich vielleicht noch weiß, was er tut, dass aber das, was er tut, nicht mehr das Richtige für die Nationalmannschaft ist. Nun gibt es eine Menge Menschen, die meinen, dass dieser Punkt bei Löw längst erreicht - sogar längst überschritten ist. Watutinki ist das Reizwort. So findet nun auch Olaf Thon, mit seiner weltmeisterlichen (1990) und vizeweltmeisterlichen (1986) Kompetenz, dass sich die Ära Löw dem Ende zubewegen müsse. Nicht übereilt, aber nach dem nächsten Turnier, so schreibt Thon in seiner aktuellen "Kicker"-Kolumne.

Nun, Löw werden die Forderungen des 54-Jährigen mutmaßlich nicht sonderlich interessieren. Er wird sie vermutlich nicht einmal lesen. Denn mit solchen Dingen - nennen wir sie einfach mal Kritik -, das weiß die Interessengemeinschaft DFB-Team, beschäftigt sich der Bundestrainer nicht. Eine neue Erkenntnis ist das nicht. DFB-Blitz-Knockout für Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller ist der Reizsatz. Für all jene, die in den vergangenen Tagen dennoch versucht hatten, den Trainer mit ihren Anmerkungen zu erreichen, machte Löw am Samstagabend deutlich: Er stehe über den Dingen.

Zwar gestand er jedem das Recht zu, seine Meinung zu äußern. Aber er wisse eben (siehe oben), was er tue. Er sehe eben das große Ganze. Und dabei sei er immer auch reflektiert. In (s)einer sehr kleinen Welt, werde die Arbeit also durchaus optimiert. Externe Einflüsse prallen dagegen (öffentlich) ab. Diese Art der vermittelten Meinungsblockade ruft in diesem Spiel zwischen Bockigkeit (Löw) und Patzigkeit (Medien) wütende Gegenreaktionen hervor. Der Sportjournalist Pit Gottschalk spricht von einem "Arroganzanfall" des Bundestrainers. Michael Rosentritt schreibt im "Tagesspiegel", dass "Löw der Realität völlig entrückt."

Schweinsteiger ist durchaus besorgt

Und die "Süddeutsche Zeitung" erinnert den Bundestrainer an die Worte von Bastian Schweinsteiger, dem leidenschaftlichen Vorkämpfer der WM-Helden von 2014, der in der ARD unter anderem das System der Mannschaft hinterfragt und beklagt hatte, dass man sich nicht mehr "einhundertprozentig identifizieren" könne mit dem DFB-Team. Das sei "schade". Und er, der Schweinsteiger, hoffe natürlich, "dass das Ruder wieder rumgerissen wird." Aber dazu gehört auch, und das an einer Stelle weit vorne, der Bundes-Jogi.

Tatsächlich ist der nicht für alles verantwortlich, was ihm vorgeworfen wird. Die in den ohnehin schon massiv überfüllten Terminkalender gequetschten Testspiele sind ihm ja selbst nicht lieb. Das hat er so auch gesagt. Und dass er im Spannungsfeld zwischen seriöser EM-Vorbereitung und Rücksicht auf völlig überstrapazierte Fußballer gegen die Türkei eine B-oder-was-auch-immer-Elf in die Startformation beorderte, das kann man blöd finden (weil eventuell langweilig) oder auch nicht (mit Verständnis für die Rücksicht). Man muss in der Konsequenz dann halt damit leben, dass solche Spiele eben nicht mehr die 1A-Option für den gemütlichen Fernsehabend sind.

Sich aber mit ausufernder Kritik an dem Spiel gegen die Türkei aufzuhängen, ist einigermaßen absurd. Es war einfach nicht wichtig genug - und nebenbei gar nicht so langweilig, wie vielleicht befürchtet. Trotz deutschen Fußballern, die unter normalen Umständen (ohne Corona) nicht auf dem Block des Trainers stehen würden. Deutlich wichtiger für die Argumentation beider Parteien, also Löws und seiner Kritiker, sind dann Spiele wie das in der Nations League gegen die Ukraine (2:1). Ob man diesen Wettbewerb nun mag, oder nicht: Nations-League-Spiele sind Pflichtspiele, die Gegner gut, die Ergebnisse wichtig und die Erkenntnisse unverzichtbar. Wenn also nach solchen Partien diskutiert wird, dann hat das Substanz. Die Einwürfe so wegzumoderieren, wie es Löw getan hat, das macht ihn angreifbar. Noch angreifbarer.

Es geht um die Spielidee, nicht um das System

Nun, vor dem Spiel gegen die Schweiz am Dienstagabend (20.45 Uhr in der ARD und im Liveticker bei ntv.de) - jaja, es ist schon wieder Nations League - war Löw durchaus bemüht, die kleine Eskalation zu entschärfen. "Ich habe natürlich die Kritik mitbekommen, beispielsweise von Basti. Das ist nicht respektlos, die Leute müssen ja ihre Meinung haben und vertreten. Sonst wäre es langweilig." Die auch von Schweinsteiger angestoßene Debatte über das System hält der Bundestrainer indes für überhöht, was er in aller Ausführlichkeit darlegte. "Was bei uns intern immer das Thema ist, dass wir unsere Spielidee verfolgen, das hat nichts mit dem System zu tun", war dabei die Kernbotschaft. Es gehe um Dynamik und Räume. Aber grundsätzlich gelte eben: "Eine Mannschaft muss auch zwei Ideen spielen können." In diesem Fall die Ideen des Bundestrainers.

Und von denen ist er, das hat er ja bereits gesagt, voll überzeugt. "Wir haben einen Plan, und den wollen wir durchsetzen. Jetzt denkt mancher vielleicht, ich bin arrogant. Aber wir werden unseren Plan trotzdem durchführen, um eine junge und hungrige Mannschaft zur EM zu bringen", erklärte der 60-Jährige beim obligatorischen Pressegespräch vor dem Duell mit der Schweiz. "Ich sage die Dinge so, wie ich es meine. Wenn jemand sagt, ich bin arrogant, dann kann er das tun." Was er darüber denkt? Nun, er hob beide Hände und zuckte mit den Schultern. Nur so viel: Als arrogant oder dünnhäutig - so hatte es der "Kicker" nach dem Spiel in der Ukraine geschrieben - würde er sich nicht bezeichnen.

Quelle: ntv.de