Sport
Dienstag, 10. April 2018

WM-Countdown (65): Kickern wie im Kalten Krieg

Von Katrin Scheib, Moskau

Knapp 30 Jahre erfolgreiche Karriere im Profi-Fußball und kein Ende abzusehen: In Moskau wartet eine Legende auf deutsche Reisende, die im Sommer zur Weltmeisterschaft nach Russland kommen - und freut sich auf ein Spiel mit ihnen.

Was hat das Jahr 1989 dem Fußball gegeben? Thomas Müller und Marco Reus zum Beispiel, Ron-Robert Zieler und Holger Badstuber, die Bender-Zwillinge Lars und Sven. Soweit der deutsche Blick. Wählt man die Perspektive etwas weiter, dann landet man irgendwann in Vilnius. Die Hauptstadt von Litauen gehörte damals noch zur Sowjetunion, und ihn ihr entstand 1989 niemand anderes als Futbolas.

15 Kopeken und ab dafür: Futbolas.
15 Kopeken und ab dafür: Futbolas.

Klingt entfernt nach Fantomas, dem Superschurken, ist aber ein sowjetisches Tischfußball-Gerät. 15 Kopeken einwerfen, dann rollt der Ball aufs Feld. Einer bewegt die blauen Figuren, einer die gelben. Das geht bis heute, denn Fantomas, der Kicker, steht heute noch in Moskau. Jeder Fußballfan kann darauf spielen - wenn er denn alte Kopekenmünzen aus der Sowjetzeit hat.

"Die Münzen verteilen wir direkt am Eingang", erklärt Sophia Galewskaja und geht die Treppe hoch. Bei ihr, im Museum für Sowjetische Spielautomaten, hat Futbolas ein Zuhause gefunden. Dabei ging es ihm und seinen Kollegen lange nicht so richtig gut: "Als in den Neunzigern Computer- und Videospiele aufkamen, haben sich die meisten Leute nicht mehr für diese Geräte interessiert", erzählt Sophia.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Die Gründer des Museums suchten in Kellern, Parks und alten Kulturzentren, sammelten ramponierte Flipper, Schießspiele, Rennsimulatoren und eben Futbolas, den Kicker. "Viele Geräte waren so beschädigt, wir mussten aus drei kaputten ein ganzes zusammenbauen", erinnert sich Galewskaja.

Die Geschichte des sowjetischen Spielautomaten ist eine Geschichte voller Kalter-Krieg-Anekdoten. Ausgerechnet aus den USA kamen die Automaten, die 1970 im Gorki-Park gezeigt wurden und bei den Moskauern so gut ankamen, dass das sowjetische Kulturministerium beschloss: Alles klar, sowas bauen wir jetzt auch! Und weil alles, was mit technischer Innovation zu tun hatte, beim Militär angedockt war, wurden in Militärbetrieben nun also auch Spielautomaten gebaut. Auch in Vilnius.

Seitdem ist Futbolas aktiv, weshalb der Vergleich mit Thomas Müller, Holger Badstuber und den beiden Benders auch nur halb stimmt. Denn ja, dieser Sowjet-Kicker ist zwar Jahrgang ‘89, gleichzeitig aber auch seit diesem Jahr aktiv. Zum Vergleich: Damals bestand die deutsche Nationalmannschaft unter anderem aus Rudi Völler, Lothar Matthäus, Pierre Littbarski, Kalle Riedle und Thomas Häßler. Sie alle sind inzwischen anderweitig beschäftigt. Nur Futbolas hält durch.

Knapp 30 Jahre erfolgreiche Profi-Karriere - schließlich verdient Futbolas Geld mit seiner Arbeit. Wer schafft das schon? Da lohnt es sich, ihm während der WM einen Besuch abzustatten und, voller Respekt, eine Runde mit ihm zu spielen.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de